Fischer Appelt zu #deinewahl :
"Auch ich bin manchmal müde": Merkels Youtube-Interview im Expertencheck

Christian Clawien, Director Digital Strategy bei der Agentur Fischer Appelt, sagt im Expertencheck, wie sich Kanzlerin Angela Merkel und die vier Youtuber geschlagen haben.

Text: W&V Redaktion

- keine Kommentare

Christian Clawien hat sich das Youtube-Kanzlerin-Interview zusammen mit den "Agentur-Millennials" Lisa Rauer (l.) und Elena Keller angeschaut.
Christian Clawien hat sich das Youtube-Kanzlerin-Interview zusammen mit den "Agentur-Millennials" Lisa Rauer (l.) und Elena Keller angeschaut.

Politik statt Pranks und Schminke - die Spannung war recht groß vor dem Livestream-Interview mit der Kanzlerin auf Youtube. Die Ernüchterung hinterher allerdings genauso. Die Frage nach der Cannabis-Freigabe wurde gar nicht erst gestellt.

Christian Clawien, Director Digital Strategy bei FischerAppelt, analysiert für uns das Youtuber-Interview mit Kanzlerin Angela Merkel:

Von Christian Clawien

Es ist schon bemerkenswert, wenn das erste große Highlight im Wahlkampf mitten in den Sommerferien stattfindet und nicht wie üblich auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt. Angela Merkel trifft auf vier Youtuber, die mit Unterstützung ihrer Communitys Fragen an die Bundeskanzlerin gesammelt haben.

Knapp 14.000 kamen in den vier Kanälen von AlexiBexi, Ischtar Isik, ItsColeslaw und MrWissen2go zusammen. Die vier Aufrufvideos erreichten um die 470.000 Views. Zwar nur ein Bruchteil dessen, was die "Creators" sonst bei populären Videos erzielen. Aber dennoch: Cannabis-Freigabe, G8-Abitur, Frieden und Krieg, Trennung von Kirche und Staat, Tierquälerei und natürlich auch die Make-Up-Routine der Kanzlerin - die Spannbreite der Themen war riesig. Und natürlich durften auch leicht verwirrte Aluhut-Kommentare nicht fehlen.

Wir haben uns den Livestream mit Lisa und Elena, zwei "Millennial-Vertreterinnen" aus der Agentur, angeguckt. Immer dann, wenn es den Youtubern in seltenen Momenten gelang, die Rolle des eigenen Interesses zurückzustellen und als Vermittler zwischen eigener Community und Merkel zu agieren, wurde es sympathisch. Überraschenderweise gelang das nach unserer Meinung am besten bei Ischtar Isik, die vorab kritisiert wurde, ob denn ihre beauty-affinen Zuschauer überhaupt in der Lage seien, Fragen zu Politik zu formulieren: "Merkel taut auf."

Das Format wirkt wie der Versuch, Anne Will auf Youtube auszustrahlen

Doch am Ende überwiegen die erwartbaren Fragen und die erwartbaren Antworten, die man sonst auch schon oft gehört und gelesen hat. Schmunzeln zu Merkels Lieblingsemojis: "Sie ist so süß." Themen wie Bildung und Feminismus punkten besonders in der Zielgruppe, auch wenn die Antworten hier nicht viel Neues bieten. Insgesamt wirkt das Format wie der Versuch, Anne Will auf Youtube auszustrahlen – nur dass die "Diskussion" auf Social Media stattfindet und nicht in der Runde. Ein bisschen spröde irgendwie.

Die generelle Schwierigkeit ist denn auch nicht, Merkel sympathisch zu inszenieren, sondern junge Menschen für Politik insgesamt zu begeistern.

Es gibt rund 8,7 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren in Deutschland, die Hauptzielgruppe der Youtuber. Rund 55.000 haben zugeschaut. 482 voten auf dem Twitter-Account von #deinewahl und 60 Prozent sagen "Ich fühle mich von der Politik nicht abgeholt."

Vielleicht liegt das auch daran, dass die am sichtbarsten gestellte Frage aus den Communitys gar nicht gestellt wurde: Die nach der Cannabis-Freigabe. Aber dafür kennen wir nun die Lieblingsemojis von Angela Merkel und schließen mit ihrem Satz: "Auch ich bin manchmal müde."

Die Bewertung:

Überzeugungskraft Merkel: 4/5

Inhaltstiefe: 3/5

Entertainmentfaktor: 2,5/5


Autor:

W&V Redaktion
W&V Redaktion

Nicht alle W&V-Artikel erscheinen unter dem Namen eines einzelnen Autoren. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Artikel mit „W&V-Redaktion“ gekennzeichnet sind. Zum Beispiel, wenn mehrere Autoren daran mitgearbeitet haben oder wenn es sich um einen rein nachrichtlichen Text ohne zusätzliche Informationen handelt. Wie auch immer: Die redaktionellen Standards von W&V gelten für jeden einzelnen Artikel.



0 Kommentare

Kommentieren

Diskutieren Sie mit