DIW-Studie :
Beim Home Office ist Deutschland noch nicht einmal Mittelmaß

Misstrauische Chefs und unflexible Unternehmen machen es deutschen Arbeitnehmern schwer, im Home Office zu arbeiten. Viele andere EU-Länder sind hier schon weiter.

Text: Anja Janotta

- 6 Kommentare

Deutschland liegt in Sachen Home Office deutlich unter dem  europäischen Schnitt. Nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten hierzulande arbeiten - zumindest gelegentlich - von zu Hause aus. Und das, obwohl dies bei 40 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch möglich wäre. Das besagt eine neue Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Während in den Niederlanden der Anspruch auf Heimarbeit sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, stellen sich deutsche Chefs oft noch quer. Würden sie umdenken, könnte der Anteil der Heimarbeiter auf über 30 Prozent steigen, besagt die Studie. Auf besonders geringe Akzeptanz stößt Heimarbeit im Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung.

Der Studie zufolge sind vor allem gut qualifizierte, vollzeitbeschäftigte Arbeitskräfte an Heimarbeit interessiert. Unabhängig vom Familienstand übrigens: Bei Singles ist der Wunsch nach Home-Office-Tagen genauso groß wie bei Alleinerziehenden. Ebenso gebe es auch keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so die Autoren.

Heimarbeiter kommen oft auf weit überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten und nicht selten leisten sie unbezahlte Mehrarbeit. Trotzdem sind sie mit ihrer Arbeit zufriedener als andere Arbeitskräfte – insbesondere als jene, die sich Heimarbeit wünschen, aber nicht ausüben dürfen. 40,6 Stunden pro Woche arbeitet der Heimarbeiter - während sein Vor-Ort-Kollege im Schnitt nur 36,2 Stunden pro Woche dort ist. Allerdings sind es auch mehr Vollzeitbeschäftigte, die zuhause sind. Jeder siebte Vollzeitbeschäftigte macht Homeoffice, aber nur jeder zehnte Teilzeitbeschäftigte. Doch auch bei den Vollzeitkräften ist die Arbeitszeit höher: 46 Stunden im Schnitt arbeiten sie vom Homeoffice aus - drei Stunden mehr als der Durchschnitt aller Vollzeitbeschäftigten.

2014 arbeitete in Deutschland nur knapp jeder achte Arbeitnehmer gelegentlich oder öfters von zu Hause aus. In Schweden, Island, Luxemburg, Dänemark, Frankreich und Großbritannien ist Home Office weiter verbreitet. In Island liegt der Anteil sogar bei über 30 Prozent, in Schweden bei 27 Prozent.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.



6 Kommentare

Kommentieren

Anonymous User 3. Februar 2016

Schade, dass Deutschland hier immer noch so hinterher hinkt. Home Office heißt nicht rumgammeln oder wenig tun, sondern oft noch mehr Arbeit. Und wer arbeitet bei ständiger Anwesenheit im Büro tatsächlich 8 oder 9 Stunden? Ein Mensch braucht Abwechslung und frische Impulse. Mir ist ein Arbeitnehmer lieber, der 4 bis 5 Stunden effizient Leistung bringt, als jemand, der 9 Stunden im Büro ist, aber wenig produktiv. Sicher ist eine Anwesenheit oft auch notwendig, das hängt vom Workflow und der Arbeit an sich ab. Dennoch sollte nichts dagegen sprechen 1 bis 2 Tage pro Woche im Home Office zu arbeiten. Mir, persönlich, ist die Erreichbarkeit wichtig und das Erreichen der Ziele. Letztendlich ist es nur eine Frage der Organisation innerhalb des Unternehmens inwieweit die Arbeit im Home Office möglich ist. Es muss auch nicht immer das Zuhause sein, manche können auch gut draußen oder in einem Café arbeiten. Ortswechsel halten den Kopf klar, geben neue Impulse, machen zufriedener und am Ende produktiver und glücklich. Wer zufrieden und glücklich ist, arbeitet automatisch anders und effizienter. Leider ist das in vielen Köpfen immer noch nicht angekommen.

Anonymous User 3. Februar 2016

Für viele Chefs ist die reine Anwesenheit wichtiger als die Produktivität. Man muss ja immer greifbar sein, falls was unvorhergesehenes eintritt. Meine Kollegen und ich könnten locker, ein zwei Tage die Woche, von zuhause arbeiten, dürfen es aber nicht. Da scheint das Vertrauen nicht groß genug zu sein.

Anonymous User 3. Februar 2016

Also bei der Ministry Group (und einigen anderen Unternehmen, die wir kennen) wissen das die Chefs auch. Und wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit Homeoffice gemäß unserer Maxime "hier wird niemand für seinen Hintern bezahlt, sondern für seinen Kopf"... Falls jemand Erfahrungen austauschen möchte: sehr gerne!

Anonymous User 3. Februar 2016

Meiner Meinung liegt es an der Stahlwerk Mentalität - gerade bei Menschen im Dunstkreis der Geschäftsleitung. Es müsste ja eigentlich um Produktivität gehen und nicht um Anwesenheit.

Anonymous User 3. Februar 2016

Noch schlimmer: hat man in einer Mietwohnung einen Bereich des Wohnzimmers für das Home Office vorgesehen und wirbt mit der Wohnadresse zum Beispiel auf einer Visitenkarte oder dem Briefpapier, droht die fristlose Kündigung des Mietverhältnisses wegen Zweckentfremdung der Mietsache.

http://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0615/061526.htm

Anonymous User 2. Februar 2016

Und nicht zu vergessen als Inovationsbremse ein Fiskus, der bei Arbeitnehmern, die in der Firma ein Büro haben, grundsätzlich keine Arbeitszimmer steuerlich anerkennt.

Diskutieren Sie mit