Kreation des Tages :
Blutiger Albtraum mit kluger Auflösung

Horror und Werbung - das kommt eigentlich nie zusammen. Was sich gestandene Werber nicht trauen, dürfen HFF-Studenten in einem Spec-Spot für Kemar machen. W&V Online hat mit ihnen darüber gesprochen. 

Text: Susanne Herrmann

Ihm steht der Rasen bis zum Hals - noch: Spec Spot der HFF für Kemar Küchengeräte.
Ihm steht der Rasen bis zum Hals - noch: Spec Spot der HFF für Kemar Küchengeräte.

Ein Spec-Spot, ein (fiktiver) Werbespot also, wird zwar nie im Marketing eingesetzt. Vom genannten Unternehmen aber muss er auf jeden Fall abgesegnet werden.

Warum wir das gleich eingangs erklären? Weil wir hier an dieser Stelle mit der Kreation des Tages nicht nur die wunderbare Arbeit eines Studententeams der Münchner HFF, sondern auch den Mut des (spekulativen, aber nichts desto trotz involvierten) Kunden Kemar  würdigen wollen. Der Hersteller von Haushaltsgeräten hat dem Regiestudenten Nicolai Zeitler und seiner Mannschaft nämlich nicht nur erlaubt, seine Marke und seinen Standmixer für einen Spec-Spot zu verwenden. Sondern das auch noch in einem Horrorszenario zu tun. Und mit diesem Genre haben Werbungtreibende erfahrungsgemäß Berührungsängste.

Hier kommt der Spec-Spot für Kemar, "Blood, Head & Cheers".

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"Die ersten drei Nächte sind immer ein bisschen hart": Ja, das kann man bei den Assoziationen, die der Regisseur zum Thema Standmixer hatte, so stehen lassen. Nicolai Zeitler: "Die Idee entstand, als ich in der Küche saß und mein Blick auf den Mixer fiel. Auf einmal haben sich mir diese Bilder aufgedrängt. In dem Spec-Spot wollte ich den Assoziationen nachgehen und sie auf die Spitze treiben."

Auch das kann man getrost unterschreiben: Das ist Zeitler, der für Regie, Konzept und Produktion (mit-)verantwortlich war, und seinem Team gelungen (Kamera: Rebecca Meining, Szenenbild: Susanna Haneder, Konzept: Zeitler und Marlene Bischof, Produktion: Oliver Mohr, Benjamin Vornehm, Zeitler, Darsteller: Jochen Paletschek, Maja Beckmann, Matthäus Zaborszyk, Maske: Nora Conradi Sounddesign: Samuel Penderbayne, VFX: Lukas Väth).

"Der Zuschauer kann das verkraften"

An der Hochschule für Fernsehen und Film HFF verantwortlich für die Werbefilm-Studenten ist Henning Patzner. Der war selbst an der HFF - und ist bzw. war Werber und Werbefilmer (Embassy of Dreams, Serviceplan, Grabarz & Partner, Jung von Matt). Mit ihm hat W&V Online darüber gesprochen, warum Horror im deutschen Werbeblock nicht vorkommt. Patzner findet nämlich, dass - zumindest zu einer späteren Uhrzeit - ein Spot wie der Kemar-Studentenfilm durchaus im Werbefernsehen vorstellbar ist. Film und Fernsehen machen es vor, daher sei der Zuschauer damit vertraut und würde das verkraften, sagt der HFF-Professor und verweist zum Beispiel auf die (durchaus blutigen) Filme von Quentin Tarantino.

Warum gibt es das dennoch nicht in der hiesigen Werbelandschaft? Patzner trocken: "Weil Kunden Mainstream haben möchten, das muss schön sein, süß sein." In der Risikoabwägung der Unternehmen ginge so maximal schwarzer Humor durch. Den zu begreifen wird dem Publikum zugetraut.

Horror aus Produktnutzen

Was ist besonders gelungen am Spec-Spot von Zeitler und seinen Kommilitonen? Patzner: "Der Horror, der Albtraum entsteht unmittelbar aus dem Produktnutzen. Das ist nicht einfach nur Krawall, plumpe Gewalt, Effekthascherei -der Film hat eine kluge Auflösung."

Die Ansicht teilen wir. Ebenso wie Henning Patzners Freude darüber, dass mit "Blood, Head & Cheers" endlich einmal wieder etwas Experimentelles entstanden ist: "Studenten dürfen sich so was trauen", sagt Patzner, "das tut uns allen gut und wir lernen davon."

Werber, traut euch!


Autor:

Susanne Herrmann
Susanne Herrmann

schreibt als freie Autorin für W&V. Die Lieblingsthemen von @DieRedakteurin reichen von abenteuerlustigen Gründern über Medien und Super Bowl bis Streaming. Marketinggeschichten und außergewöhnliche Werbekampagnen dürfen aber nicht zu kurz kommen.