Cannes-Blog mit Oscar Meixner: Delirium-Hören bis zur Shortlist

Radio-Juror Oscar Meixner muss sich fast bis zur "Besinnungslosigkeit" durch 1700 Radiospots voten. Wenigstens darf er - anders als andere deutsche Juroren - auf die Dachterrasse. Warum ihn dort "Captain Uhura" streng überwacht, lesen Sie in seinem Blog. 

Text: Frauke Schobelt

19. Jun. 2012

Offensichtlich ist es kein reines Vergnügen, sich durch mehr als 1700 Radiospots zu hören, vor allem, wenn sie auf japanisch sind. Radio-Juror und Cannes-Blogger Oscar Meixner benutzt jedenfalls Vokabeln wie "vegetieren", "Delirium", "besinnungslos", "schweißtreibend" und "Rausch", um die ersten Jury-Tage zu beschreiben. (Allerdings hat er den Text auch um drei Uhr nachts geschickt, kann auch damit zusammenhängen). Wenigstens darf er mit seinem Tablet auf die Dachterrasse, im Gegensatz zu den anderen Juroren aus Deutschland, die im eisgekühlten Gewölbe des Palais ausharren müssen. Warum Meixner dabei aber von einer "Star Trek-Crew" überwacht wird, lesen Sie hier:

"Die Sonne brennt erbarmungslos auf die 70er-Jahre-Dach-Terrasse des Palais du Festival. Azurblau schimmert das Meer verführerisch herüber. Auf der anderen Straßenseite sieht man auf einem Balkon einen gedeckten Tisch mit Chili con Carne und leichtbekleideten Mädchen, die einen Tanz vollführen. Eine Fata Morgana? Man weiß es nicht genau. Denn man vegetiert momentan komplett - unter abschottenden Kopfhörern eingelullt, von einem nicht enden wollenden japanischen Hörspiel, welches einen Radiowerbespot darstellen soll - dahin.

Langsam verfolgt mein bebrilltes Adler-Auge den englischen Übersetzungstext. Dann endlich fertig. - und Voting - Klick! Die anderen Juroren quälen sich ebenfalls, fast besinnungslos von Radiobotschaften jeglicher Art und Sprache, schweißtreibend durch die Einsendungsliste in Form einer Tablet-App, die ohne jeglich Gnade immer neue Spots ausspuckt. Und immer wieder das gleiche Prozedere: Original anhören, englisches Script mitlesen, bewerten. Nächster Spot. Ab und zu lächelt man sich anerkennend zu - als Bestätigung, dass man noch am Leben ist. Alles streng überwacht von Captain Uhura, Scotti und Captain Kirk hinter einer Kommandozentrale aus Monitoren, wo sämtliches Geklicke getrackt wird, um jegliche Manipulationen auszuschließen. Für die eigenen Einsendungen und Länder darf man klicken, was man will, der Computer und Captain Uhura eliminieren danach sowieso alles fachmännisch.

Zwei Tage später - endlich: SHORTLIST. Nach 1781 gehörten Spots, eine erste Auswahl. 170 sind es. Es ist Nachmittag. Die Meute verlässt für eine Stunde die Location und verliert sich in den Weiten des unterkühlten Gewölbes. 17:30 Uhr. Ergänzung der finalen Liste. Was fehlt? Was ist aufgrund von deliriumartigen Zuständen eventuell im Rausch komplett überbewertet worden? Rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter. Gegen 22:00 ist das Meisterwerk komplett. Die Meute setzt sich noch ein allerletztes Mal ächzend in Bewegung und verlässt den Raum. Es beginnt eine zeitlupenartige Odyssee durch das Gemäuer mit nur einem Ziel: ein Bier. Unglücklicherweise sind mittlerweile alle Türen verrammelt. Aha!  Es wird der Heizungskeller erkundet. Ahhh...ja. Die Karawane zieht weiter. Eine Rolltreppe. Wie schön. Die Karawane zieht weiter. Vorratsraum. Auch nicht schlecht. Die Karawane zieht weiter....
Fazit: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie das Bier noch heute.


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.



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