Der erste Schritt ist der schwerste

In der digitalen Welt entwickeln sich viele Parameter nicht nur schnell, sie explodieren häufig geradezu. Rechenleistung, Speicher, Bandbreite wirkten über lange Zeit schon aus finanziellen Gründen limitierend. Das hat sich grundlegend geändert. Die konstant steigenden Kapazitäten sind Basis für die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der neue Technologien inzwischen Raum greifen. Gleichzeitig entstehen dadurch ständig neue Anforderungen. Das Ausgangsniveau jeder Technologie liege aber bei Null, der erste Schritt sei deshalb immer der Schwerste, erläutert Matthias Schrader, zitiert dabei Pay Pal-Mitgründer Peter Thiel und dessen Werk "Zero to one".

Der Slogan "Still day one", der einem nicht nur in der Zentrale von Sinner Schrader, sondern auch in vielen Veröffentlichungen immer wieder begegnet, kann wohl durchaus als Hommage an genau diesen schweren ersten Schritt betrachtet werden.

Was Schrader meint lässt sich wohl sehr gut mit Hilfe eines Gerätes erklären, das heute quasi jeder von uns sehr ausgiebig nutzt. Das Smartphone hat eine kaum übersehbare Zahl an Geräten und Dienstleistungen mehr oder weniger überflüssig gemacht. Es hat obendrein dafür gesorgt, dass Entwickler - zumindest solche, die Wert auf Erfolg legen - ihre Produkte auf immer kleinere Displays ausgerichtet haben. Warum? Weil es für die Nutzer hilfreich und bequem ist.

Der nächste Schritt zeichnet sich derweil längst überdeutlich am Horizont ab. Digitale Produkte werden künftig immer öfter ganz ohne Display auskommen müssen. Die Fernbedienung für das Leben aka Handy wird immer öfter von Sprachsteuerung überflüssig gemacht werden. Warum? Siehe oben. Die dabei ständig präsente besondere Herausforderung bei der Produktentwicklung bringt Schrader auf eine recht kurze Formel: "Je kleiner das Display, umso größer die Intelligenz."

Transformationale Produkte und ihre Kennzeichen

Die einzig erfolgversprechende Antwort auf diese Herausforderungen sieht Matthias Schrader in tatsächlicher Innovation, der Entwicklung von transformationen Produkten. Entscheidend dabei sei die Entdeckung eines neuen Kundennutzens als Startpunkt für die Produktinnovation. Wirklich transformationale Produkte zeichnen sich nach Schrader dadurch aus, dass sie Nutzererwartung, Nutzerverhalten und Wertschöpfungsmodell eines Unternehmens verändern.

Das Problem dabei: die Entwicklung solcher Produkte ist alles andere als einfach. Es gehe um die Entdeckung des Kundennutzens, eine schlüssige Produktform und natürlich die Gestaltung eines Geschäftsmodells, sagt Schrader. Ein oft schwer planbarer Prozess, bei dem viel probiert und getestet werden müsse. Das kostet Zeit und Geld, obendrein droht die Reise immer wieder in einer Sackgasse zu enden. Etablierte Unternehmen müssten geradezu eine Pipeline künftiger transformationaler Produkte aufbauen, ist Schrader sicher. Im Gegensatz zu Start-ups könne man nicht auf ein Pferd setzen, sondern müsse die Ressourcen entwickeln, um  an vielen Stellen aktiv sein und bei Bedarf auch schnell skalieren zu können.

Damit erklärt Matthias Schrader fast nebenbei die Entscheidung, Sinner Schrader an das weltweit tätige Management- und Technologieberatungunternehmen Accenture zu verkaufen, für eine dreistelligen Millionenbetrag wohlgemerkt. Als mittelständische Agentur - Sinner Schrader beschäftigt gut 500 Menschen - könne man diesen Aufgaben im Alleingang nicht mehr gerecht werden. "Wir waren eigentlich groß, aber doch viel zu klein im Rennen gegen die ganz Großen".  Deshalb habe man sich auf die Suche nach einer ganzheitlichen Lösung, dem besten Partner für eine Verlängerung gemacht. Accenture sei genau dieser Partner, "eine Plattform, mit der wir uns verlängern".

Jetzt kann und will sich natürlich nicht jeder mit Accenture verbünden. Muss auch gar nicht sein, denn zumindest was die Idee und die Herangehensweise bei der Entwicklung von transformationalen Produkten betrifft, liefert Matthias Schrader das Rezept mit seinem Buch quasi frei Haus. Tatsächlich ist das Buch auch als Gebrauchsanleitung gemeint. Während der erste Teil eine sehr nachvollziehbare Erklärung zur Entstehung der Casual Economy liefert, also nachzeichnet, wie die GAFA-Riesen so dominant wurden, widmet sich der Mittelteil den konkreten Eigenschaften Transformationaler Produkte. Teil 3 ist dann ein so genanntes Playbook, auf dessen Basis die Leser in die Lage versetzt werden sollen, in ihrem Umfeld selbst entsprechende Produkte zu entwickeln. Hier geht es auch um die Verbindung von Produktentwicklung und der Transformation von Unternehmens.

Was dabei entstehen muss, um Erfolg zu haben, ist auch Schraders Sicht auch klar. Entscheidend sei, als Marke im Lebensalltag der Menschen eine relevante Rolle zu spielen. Erst auf der Grundlage der ständigen Nutzung sei es möglich, durch die entstehenden Daten die notwendigen Lerneffekte zu erzielen. Nur mit solchen Lerneffekten sei aber eine sinnvolle Produktentwicklung mit der tiefen Integration von für die Nutzer hilfreichen Services realisierbar.

"Transformator - Die sieben Thesen des Matthias Schrader" ist Titelthema der aktuellen W&V. Das Einzelheft können Sie hier bestellen.


Autor: Holger Schellkopf

Chefredakteur. Mitglied der W&V-Geschäftsleitung. Sozialisiert mit Print, konvertiert zu digital. Findet beides prima. Feste Überzeugung von @hschellk : Digital Journalism rocks! Versucht ansonsten, sich so oft wie möglich auf das Rennrad zu schwingen oder in die Laufschuhe zu steigen.