Texter-Initiative :
Freelancer-Experiment: "Bucht mich und zahlt, was ihr wollt"

Jonathan Schröder ist freier Texter und Konzepter in Österreich. Er hat das Experiment gewagt: An jedem FreeFriday darf sein Auftraggeber selbst entscheiden, wie viel er dem Freelancer zahlt. Mit W&V-Online sprach er über das erste Feedback seiner Kunden.

Text: Anja Janotta

28. Jan. 2016 - 4 Kommentare

Jonathan Schröder ist freier Texter und Konzepter in Österreich. Mit einem Experiment will er nun herausfinden, was seine Arbeit wert ist: An jedem FreeFriday darf sein Auftraggeber selbst entscheiden, wie viel er für seine Buchung zahlt - jeden Freitag eine andere Agentur oder ein anderes Unternehmen. Seit Januar läuft die Aktion, die zunächst auf ein halbes Jahr befristet ist und die Schröder in einem Blog über seine Erfahrungen begleitet. Schröder hat für Kunden wie McDonald's, Mercedes-Benz und MTV gearbeitet, war sowohl bei Jung von Matt und bei TBWA Wien.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Was erhoffen Sie sich davon?

Jonathan Schröder: Mich reizen prinzipiell kleine Internetprojekte. Wenn man sich mit verschiedenen anderen Freelancern unterhält, dann bekommt man sehr unterschiedliches Feedback, wie viel die Kollegen dann verdienen, obwohl beide vergleichbar gleich viel Output liefern.
Also mache ich das zum einen, um zu sehen, wie viel eine Idee an sich wert ist – ohne sie gleich in Zeit zu bemessen. Meine Arbeit wird doch heute nur in den regulären acht Stunden bemessen, nicht aber damit, was schließlich als Konzept oder Idee im Endeffekt dabei rumkommt. Vielleicht bin ich ja im Vergleich effektiver als manch anderer - oder andersrum. So kann ich mich jetzt an einem FreeFriday hinsetzen und so arbeiten, wie ich wirklich möchte. Dann bin ich vielleicht auch schon nach vier Stunden mit meinem Ergebnis hoch zufrieden.
Zum anderen wollte ich sehen, welche Bezahlung mir denn tatsächlich angeboten wird, wenn ich den Agenturen freie Hand lasse. Meine Erfahrung als Freelancer ist ja die, egal welchen Betrag man angibt, der Kunde sagt immer: "Kannst du uns nicht noch ein bisschen entgegen kommen?"

Aber die Aktion dient bestimmt auch als Akquisetool. Wem haben Sie das Modell angeboten?

Es verschafft mir natürlich eine gewisse Bekanntheit. Ich habe mir das Ziel gesetzt, mit FreeFriday für keine Agentur zu arbeiten, für die ich bisher gearbeitet habe. Das habe ich auch bisher ganz gut durchgehalten. Bisher habe ich zehn Dienstleister angeschrieben. Die meisten fanden das so spannend, dass sie auch gleich drauf eingestiegen sind. Einer der Kontakte ist eine Agentur in der Schweiz, mit der ich schon mal Kontakt hatte. Die haben zwar meine Mappe gut gefunden und mir versprochen, sich zu melden, aber da hatte ich nie mehr was gehört. Als ich sie jetzt noch mal angeschrieben habe, haben sie gesagt: Das machen wir jetzt direkt. Das hat gut funktioniert.

Gibt es schon erste Erfahrungswerte?

Nein, die Aktion läuft erst seit Anfang des Jahres. Ein Job ist noch im Testing und der andere vier Tage her – da ist leider noch nichts gekommen. Aber in einem halben Jahr werde ich mehr wissen. Bis zum 24. Juni habe ich mir für das Experiment Zeit gegeben.

In Ihrem begleitenden Blog haben Sie ein interessantes Entlohnungsmodell beschrieben, das an einem dieser Freitage ausgeheckt wurde: Wenn eine Ihrer Ideen von einer Agenturen für einen Pitch genommen wird, bekommen sie anteilig eine höhere Entlohnung.

Das stimmt, ich erhalte Geld, sowohl, wenn die Agentur den Pitch gewinnt und dann noch einmal mehr, wenn die Agentur mit meiner Idee gewinnt. Dann bin ich reich.

Dann können Sie sich auch mehrere Nullrunden am Freitag leisten?

Genauso ist es. Aber ich habe auch wirklich keine besonderen Erwartungen an dieses Experiment. Ich bin wirklich offen.

Was sagen ihre bestehenden Kunden,  die Auftraggeber der anderen vier Tage zu dem Experiment?

Die finden das eigentlich ganz innovativ und ich habe ihnen auch ganz klipp und klar gesagt: Ihr könnt mich nicht buchen, ich arbeite am Freitag nicht für Leute, für die ich sonst arbeite. Was ganz gut ist, sonst würden sie mich buchen und wahrscheinlich nur die Hälfte zahlen.

Das kann ja auch nach hinten losgehen für Ihre Kunden, wenn Sie nach dem Experiment teurer werden und noch kräftig eins auf die bisherigen Preise draufschlagen?

In dem Fall ist es wohl besser, sich neue Kunden zu suchen, die von Anfang an andere Preise zahlen.

Wer sind Ihnen die lieberen Auftraggeber – große oder kleinere Agenturen?

Lieber die kleineren Agenturen. Ich habe ja damals für Jung von Matt gearbeitet und da haben sich viele mit kleinen Agenturen selbstständig gemacht. Mit kleineren Agenturen ist es teilweise ein gemütlicheres Arbeiten als in den Fabriken. Primär mag ich am Freelancer-Dasein auch den Wechsel – also nach der kleinen Agentur gern auch mal wieder ein Großer.

Wie gehen die Agenturen eigentlich mit dieser ungewohnten Freiheit um? Fragt dann nicht doch mal einer verunsichert nach einem Anhaltspunkt, wie viel Honorar Sie sonst nehmen?

Ja, es hat tatsächlich jemand gefragt. Aber dem habe ich gesagt, das verrate ich erst, nachdem er mich bezahlt hat. Sonst ist das Spiel kaputt. Das hat der Kunde dann auch akzeptiert. Natürlich werden auch Interessierte auf meinem Blog keine konkreten Zahlen oder Projekte finden – da können sich die Auftraggeber auf mich verlassen.

Wenn am 24. Juni das Projekt zu Ende geht, wie sieht im Idealfall Ihre Bilanz aus – sollte alles gut gelaufen sein?

Grundsätzlich möchte ich um Erfahrungen reicher sein, möchte im Idealfall auch meine Preise und meine Arbeit selbstbewusster vertreten können. So dass ich nicht immer nach Zeit abrechnen muss, sondern nach Leistung. Daraus verspreche ich mir mehr Spaß an der kreativen Arbeit.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.



4 Kommentare

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Anonymous User 28. Januar 2016

Coole Idee, hätte ich auch gern gehabt :)
Grüße von einem Text-Freelancer

Anonymous User 28. Januar 2016

Kapitalismus macht die Preise kaputt, nicht diese Aktion.

Anonymous User 28. Januar 2016

Finde ich nicht okay, macht die Preise kaputt!

Anonymous User 28. Januar 2016

Die Website:
www.freefriday.biz

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