Interview mit Filmstudent Sebastian Kolasa :
G20-Film: "Diese Augenblicke werde ich ein Leben lang nicht vergessen"

Mit seinem Film über die Aufräumaktion in Hamburg gelang Filmstudent Sebastian Kolasa ein Viralhit. W&V hat mit ihm über seine Erlebnisse gesprochen.

Text: Frauke Schobelt

Sein Film hat bereits mehr als 3,5 Millionen Views.
Sein Film hat bereits mehr als 3,5 Millionen Views.

Als tausende Hamburger dem Aufruf #hamburgräumtauf folgten und nach den G20-Krawallen die verwüsteten Stadtviertel säuberten, war Filmstudent Sebastian Kolasa mittendrin. Sein anrührender Film über die Aktion entwickelte sich schnell zum Viralhit mit mehr als 3,5 Millionen Views (unsere "Kreation des Tages"). W&V hat mit dem 38-Jährigen über die Ereignisse in Hamburg und die Resonanz auf seinen Film gesprochen:

Sebastian, wie hast Du Hamburg während des G20-Gipfels erlebt?

Hamburg und insbesondere mein Viertel, die Schanze, habe ich anfangs sehr positiv empfunden und erlebt. Die erste große Demo 'Lieber tanz ich als G20' war ja ein Riesenspektakel. Dort fing ich an zu filmen, weil es mich sehr positiv überrascht hat, dass tausende Menschen so eine fröhliche Party auf die Beine stellten. Ich stand auf einem Stromkasten am Schulterblatt und filmte im Zeitraffer. Ich dachte, ich falle vom Glauben ab, da dort so viele Menschen waren. Ich musste ja drauf halten mit meinem iPhone und dem Handheld DJI Osmo. Mein Arm begann bereits zu zittern, das war locker eine halbe Stunde in der gleichen Position.

Und wie fühlt sich Hamburg danach an?

Hamburg fühlt sich meiner Meinung nach sehr erschöpft an, das ganze Adrenalin scheint von allen abzufallen. Die Menschen bei mir im Viertel lagen sich teilweise in den Armen und haben geweint, sich gegenseitig getröstet und viele sind wohl noch geschockt.

Ist die Aufräumaktion typisch für Hamburger? Oder hat auch Dich die große Resonanz überrascht?

Die Aufräumaktion ist typisch hanseatisch. Ich bin in Wedel/Schleswig-Holstein aufgewachsen, komme ursprünglich aus Danzig in Polen. Seit 1990 lebe ich in Deutschland. Ich habe Deutschland so viel zu verdanken und bin froh und stolz, hier aufgewachsen zu sein. Ich habe schon öfter erlebt, dass die Menschen hier bei uns im Norden immer zusammenrücken, wenn es darauf ankommt. Aber es hat mich schon etwas überrascht, als ich tausende Menschen im Viertel sah. 

Sebastian Kolasa.

Sebastian Kolasa.

Warum hast Du den Film gedreht?

Ich saß mit Freunden beim Frühstück im Viertel. Eine Verkäuferin aus einem Kiosk stand plötzlich heulend und zitternd vor unserem Tisch. Ich zögerte nicht lange und nahm sie direkt in den Arm. Plötzlich stand Tim Mälzer (Anmerkung der Red.: TV-Koch und Restaurantbesitzer) vor uns und hat uns beide ebenfalls in den Arm genommen. Es waren so schöne und nachhaltige, von Herzen gut gemeinte Taten und Augenblicke, das werde ich ein Leben lang nicht mehr vergessen. Dann sah ich diese Massen mit den Eimern von Hagebaumarkt in den Händen, jung und alt, bunt und fröhlich. Ich bekam sofort eine Gänsehaut, holte mein Arbeitswerkzeug - mein iPhone 6 - heraus und begann mit Tränen in den Augen zu filmen. Nicht einer hat - wie so oft - gemeckert "Ey, wieso filmst du mich?". Alle waren so fröhlich und unbekümmert, ich lief von einer Straße in die andere, und mir war sofort klar, dass dieses Hamburg und vor allem diese Menschen es verdient haben, gewürdigt zu werden. Und was bietet sich besser an, als alles filmisch festzuhalten? Ich studiere Film an der SAE und habe keine Sekunde überlegt. Ich habe ca. 30 Minuten gefilmt und dann direkt auf dem Smartphone geschnitten.

Und die Resonanz?

Das Resultat kam anscheinend an. Die Resonanz auf meinem Film sprengt alles, was ich bisher gemacht habe. Ich hatte teilweise Angst, Facebook zu öffnen, weil alles nur noch blinkte. Mein Telefon stand nicht still, es war mir teilweise wirklich etwas unangenehm. Ich möchte es aber nochmals ausdrücklich sagen: Ich widme diesen Film jedem Helfer und der Stadt Hamburg.

War es trotzdem richtig, den G20-Gipfel nach Hamburg zu holen?

Nein. Es war nicht richtig. Wir hatten ja schon Tage vorher keinen Schlaf. Es wäre besser gewesen, den Gipfel woanders stattfinden zu lassen. Es waren wirklich sehr, sehr harte Tage für uns alle. Ganz zu schweigen von dem Abend, wo hier Krieg herrschte. 

Bürgermeister Olaf Scholz hat sich am Mittwoch für das Chaos entschuldigt. Reicht das?

Ich habe die Presse-Konferenz von Herrn Scholz live verfolgt. Laut seiner Mimik und Gestik hat er sehr gelitten und es fiel ihm wohl schwer, Fassung zu bewahren. Man sah, dass er leidet. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die andere verurteilen oder gar noch draufhauen, wenn einer bereits am Boden liegt. Auch ich bin durch schwere Phasen im Leben gegangen, da heißt es Ärmel hoch krempeln und weitermachen, in guten wie in schlechten Zeiten. Politik ist nicht mein Gebiet, ich schnappe mir lieber eine Cam bzw. mein iPhone und verbreite Positives. 

Erzähl uns ein bisschen von Dir und Deinen Projekten. Was machst Du normalerweise? Woran arbeitest Du aktuell?

Ich habe eine Dokumentation mit meinem Regisseur und Freund Jarek Duda über den "Jungle" in Calais gedreht. Wir haben sehr viel Leid und Ungerechtigkeit dort gesehen. Aktuell suche ich noch jemanden, der uns die Doku schneidet, da mir leider das Geld dazu fehlt. Die Dokumentation ist ein Herzensprojekt, ich würde sie gerne weltweit zu Festivals schicken. Die Stadt Hamburg hat mir mein Studium an der SAE ermöglicht, dafür wollte ich ebenfalls noch einen Dank aussprechen. Man sagt mir nach, ich hätte ein Wiedererkennung-Wert mit meinen Videos, mal schauen, wohin mein Weg führt ... Ich würde sehr gerne nach Afrika mit meinem Stiefsohn reisen, um dort etwas auf die Beine zu stellen. Und das alles natürlich für Euch dokumentieren. 

Weitere Projekte von Sebastian Kolasa:


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

ist Ressortleiterin im Online-Ressort und schreibt über alles Mögliche in den Kanälen Marketing und Agenturen. Sie hat ein Faible für Kampagnen, die „Kreation des Tages“ und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.