Trendforschung: Zukunft der Arbeit :
"Home Office ist für die Kreativbranche kontraproduktiv"

Die Zukunft der Arbeit ist eines der Schwerpunkthemen von David Cleaves, Kreativchef bei Frog Design in München. W&V hat mit dem Trendforscher über künftige Arbeitsmodelle, kreative Arbeitsplätze und digitale Hilfsmittel gesprochen. Und über Trends, die man lieber meiden sollte.  

David Cleaves ist Executive Creative Director bei Frog Design in München. Seine Schwerpunktthemen sind neben der Zukunft der Arbeit Fluggesellschaften und eigentlich alles rund um das Thema Mobilität. W&V hat mit ihm über die Zukunft des kreativen Arbeitens gesprochen.  

Sie behaupten, die junge Generation wird die Arbeitswelt verändern…

…ja, dadurch, wie sie arbeitet. Das alte Modell mit festen Mitarbeitern, Dienstleistern und Freiberuflern ist für jüngere Mitarbeiter unattraktiv geworden. Erst kürzlich haben wir ein paar ehemalige Frogs dabei unterstützt, in Amsterdam ein neues Kollektiv auf die Beine zu stellen. Wir arbeiten sehr eng mit ihnen zusammen, aber sie dürfen ausdrücklich auch andere Projekte annehmen.

Und wie verändert sich der tatsächliche Arbeitsplatz?

Wir bauen permanent um. Das ist etwas, was wir noch viel aggressiver angehen sollten. Kein Raum soll hierarchische Strukturen wiederspiegeln. Ein eigener Arbeitsplatz? Den gibt es bei uns nicht mehr. Es ist wichtig, dass wir uns gegen manche Trends auch wehren.

Zum Beispiel?

Home Office ist für die Kreativbranche schlicht kontraproduktiv. In manchen Funktionen ist es okay, wenn man nicht immer vor Ort ist, aber meistens müssen wir eng zusammenarbeiten.

Wie wichtig ist persönliche Kommunikation im digitalen Zeitalter überhaupt noch?

Wir versuchen, möglichst viel Zeit face-to-face zu verbringen. Aber wir erledigen immer mehr auch aus der Ferne, im Idealfall in Gruppen. Es gibt viele Möglichkeiten, effektiv zusammenzuarbeiten, wenn ein paar Leute in Amsterdam und ein paar in München sitzen. Bei Frog nutzen wir zum Beispiel Hipchat, um zu kommunizieren. Die große Herausforderung ist, die Gewohnheiten der Menschen zu verändern. Sie dürfen nicht mehr nur miteinander sprechen, sondern müssen gleichzeitig alles schriftlich dokumentieren. Sonst gehen Informationen verloren.

Welche Herausforderungen kommen auf Unternehmen noch zu?

Die Grenze zwischen digitalen und physischen Räumen verschwindet. Unternehmen müssen die Plattformen, die Menschen in ihrem Privatleben nutzen, in deren Arbeitsalltag integrieren, oder die Arbeit rund um diese Plattformen gestalten. Seinen Job zu managen kann sonst bis zur Hälfte der eigentlichen Arbeitszeit kosten. Wir waren überrascht und begeistert von den Möglichkeiten, Software in den physischen Raum zu spiegeln, zum Beispiel Firmenwagen in effektive Arbeitsplätze zu verwandeln, die einen an Termine oder Telefonate erinnern.

Nutzen die Menschen Tools und Technik tatsächlich?

Alles, was wir entwerfen, leiten wir von den Bedürfnissen der Verbraucher ab. Wir sprechen sehr offen mit unseren potentiellen Kunden und Nutzern. Manchmal besuchen wir sie zu Hause oder bleiben sogar über Nacht, wenn es Sinn hat und wir uns dadurch ein besseres Bild vom Problem machen können, das wir lösen sollen. Menschen sind oft faul, aber auf eine effiziente Art und Weise. Je mehr wir im Hintergrund bewegen können, desto erfolgreicher arbeiten wir. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Verbraucher etwas selbst finden, öffnen, klicken oder verschieben. Das wird nicht funktionieren.

Was schlagen Sie vor?

Daten können dabei helfen, Menschen zusammenzubringen. Man kann so zum Beispiel auch Dokumente, Anlagen oder andere Ressourcen empfehlen, die im Unternehmen bereits existieren. Wichtig ist nur, niemanden auszuspionieren.

Sind Deutsche mit ihren typischen Charakteristika automatisch gute Arbeitnehmer?

Ich habe oft festgestellt, dass Kollegen, die Kinder haben, wesentlich effizienter werden. Vielleicht arbeiten sie tagsüber weniger, aber sie gehen häufig noch mal online, wenn das Kind schon im Bett ist. Der typische deutsche Arbeitnehmer erinnert mich an sie.

Sie sind Amerikaner. Welche Vorteile hat das?

Ich mag es, dass jeder in den USA ein Freiberufler ist. In Deutschland verspüren die Leute immer eine Menge Stolz – und damit verbunden Scham – wenn sie ihren Job verlieren oder es einfach nicht mehr passt. Dass sie seltener ihren Job wechseln, mag auf Loyalität zurückzuführen sein, manchmal wirkt es aber auch so, als hätten sie Angst zu wechseln.

Bei Frog arbeiten viele Ausländer. Führt Vielfalt automatisch zu besseren Ergebnissen?

Es macht Teams langsamer. Teams mit demselben kulturellen Hintergrund schaffen es häufig, schneller zusammenzuarbeiten, weil sie dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Bildung und Angewohnheiten haben. Das bringt Zeit. Man gewinnt aber viel mehr durch die Vielfalt an Gedanken, und vielleicht ein bisschen, weil die Kommunikation hakt. Denn wenn man seine Idee sieben Kollegen unterschiedlicher Nationalitäten erklären muss, dann muss man richtig gut sein. Und es lässt einen weniger abhängig von Sprache werden. Stattdessen muss man seine Ideen visuell ausdrücken oder eben durch andere Formen von Storytelling.

Wie stellen Sie sicher, dass neue Mitarbeiter die Unternehmenskultur verstehen?

Frog ist organisch gewachsen, eine Stadt nach der anderen. Wir haben weder bereits existierende Teams hinzugefügt, noch kleinere Agenturen geschluckt. Unsere neuen Mitarbeiter reisen von Agentur zu Agentur, um die anderen Frogs kennenzulernen.

In der aktuellen Ausgabe widmet sich W&V im Titelthema der Trendforschung und wie sie sich durch technische Entwicklungen grundlegend verändert. Redakteurin Christa Catharina Müller hat mit fünf Experten über die Zukunft der Bildsprache, der Farbe, des Handels, der Arbeitswelten und des Marketings gesprochen. Und weil es um "Neue Perspektiven" geht, erscheint die W&V diesmal mit gleich vier Wechselcovern.


Autor:

Christa Catharina Müller
Christa Catharina Müller

ist seit Februar 2014 Redakteurin im Ressort Marketing, wo sie über Mode und digitales Marketing schreibt. Bevor sie zu W&V kam, hat sie ein Onlinevolontariat bei Condé Nast absolviert und war anschließend drei Jahre als freie Autorin tätig, unter anderem als Bloggerin für Yahoo.



7 Kommentare

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Anonymous User 5. April 2016

Ich sehe Homeoffice eigentlich sehr positiv. Zumindest solang die zu erledigenden Aufgaben zum vorgegebenen Zeitpunkt fertig sind. Hier habe ich einen interessanten Artikel gelesen, der Homeoffice auch in ein positives Licht rückt: http://studitemps.de/magazin/streitfall-homeoffice/ .

Anonymous User 21. März 2016

Ja, ist einer meiner All-Time-Favoriten, wenn ich bei Kunden bin:

„Wir brauchen alle Leute im Raum, damit die Kommunikation funktioniert.“
„Wie kommuniziert ihr denn?“
„Hauptsächlich Skype.“

Anonymous User 21. März 2016

Home-Office ist aus ungenannten Gründen kontraproduktiv, aber arbeiten aus der Ferne mit Hipchat ist ok... ;)

Anonymous User 21. März 2016

Wohltuend. Ein kluger Mann, der mehr über Kreativität zu wissen scheint, als alle Schwätzer zusammen.

Anonymous User 21. März 2016

Kann es sein, daß da Wunsch und Wirklichkeit miteinander verwechselt werden? Es gibt viele Dinge die man in einem ruhigen Arbeitszimmer zu Hause sicher besser erledigen kann. Es klappt aber sicher nicht, wenn so mies bezahlt wird, dass es diesen Freiraum nicht gibt, weil die Bide zu klein ist...

Anonymous User 21. März 2016

Und wir machen alles gleich, weil Konformismus schon immer ein Erfolgsrezept ist und jeder nach Kollektiven sucht, Trends ignorieren möchte.

Die Argumentation, ich bräuchte einen Firmenwagen, damit ich meine Termine nicht vergesse, die würde ich dort aber schon gerne einmal persönlich vortragen. Seitdem Kalender nicht mehr auf Marmor geführt werden, eine der unhandlichsten Möglichkeiten. Aber statt Home-Office vielleicht dann mit Carport-Office als neuem Mega-Trend? :-)

Anonymous User 21. März 2016

„Home Office ist für die Kreativbranche schlicht kontraproduktiv.“

Ja. Wieso sollte man ein Konzept auch mal in ruhe daheim entwickeln und sich via Internet absprechen. Oder grafische Arbeiten im Co-Working-Space machen. Und programmieren wo anders als im Büro geht sowieso nicht! Auch dieses ganze Brainstormen in den Meetings will doch niemand ersetzen. Sind nämlich immer sehr produktiv und keine Sekunde Zeitverschwendung.

Und es lässt sich natürlich nicht so gut kontrollieren, ob jemand seine zehn Stunden am Tag auch wirklich am PC sitzt. (Nicht arbeitet, sondern sitzt. Weil darauf kommt es an!)

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