Kommentar von Jochen Kalka :
Kreation ist, wenn man es trotzdem macht

Am Ende einer kurzen, aber turbulenten Woche kann man zwar an Facebook und seinen Algorithmen zweifeln. Aber nicht an der Kreativität der besten Branche der Welt, findet W&V-Chefredakteur Jochen Kalka.

Text: Jochen Kalka

Jochen Kalka ist Chefredakteur von W&V.
Jochen Kalka ist Chefredakteur von W&V.

Kreation ist, wenn man es trotzdem macht. Nehmen wir Joko Winterscheidt. Augenzwinkernd zeigt er der ganzen Werbezunft die lange Nase und tritt in selbstironischster Perfektion in Printanzeigen und TV-Spots auf. Wie er das macht? Indem er austauschbare Werbeware, wie wir sie leider zu oft erleben müssen, vorführt und seinen Werbepartner, S.Oliver, platt in seine Schablone einbaut.

Chapeau nicht nur vor Joko, sondern auch vor S.Oliver. Denn meist scheitert Kreation nicht bei den Agenturen, sondern bei den Werbekunden. Klar ist der Marketingchef in den meisten Fällen auch kreativ. Oft genug ein ehemaliger Kreativstar. Doch in Unternehmen werden Entscheidungen leider zu gerne in grauenhaft grauen Gremien getroffen, in denen immer nur eines gewinnen kann: Mittelmaß.

Ja, Agenturen sind geiler als gedacht, wie Winfried Bergmann als Personalchef von Serviceplan in seinem Gastbeitrag schreibt, das hilft nur dann nichts, wenn sich eine Agentur gegenüber den Unternehmen nicht durchsetzen kann. Wie kreativ Agenturen sein können, beweist auch der CCO Harry Bernstein von Havas New York: Er sprayte seine Mobilfunknummer an Uni-Mauern, um Nachwuchs zu rekrutieren.

Und was ist mit Facebook, Google und all den Datenbaronen? Ach herrje, das wirkt wie ein Aschermittwoch nach misslungener Karnevalsfete, großer Kehraus, Aktionismus pur – doch am Ende sind es doch auch wieder Marketingverantwortliche, die völlig unkreativ gleich Lemmingen dem sozialen Werbewahn hinterherjagten, ohne über die Folgen nachzudenken.