Gastbeitrag von Matthias Meusel :
Lob steigert den Wert unserer Branche

Grey-Berlin-Chef Matthias Meusel fordert mehr Kollegialität in der Agenturbranche. Ein Plädoyer für Gemeinschaftskultur statt Neidkultur.

Text: W&V Leserautor

Wenn mittlerweile sogar eher zurückhaltende Top-Kreative wie Jens Pfau von Jung von Matt vom Neidgehabe unsere Branche genervt sind und sich öffentlich dazu äußern, ist dieses Thema noch lange nicht vom Tisch und scheint aktueller denn je.

Oft kommen dann relativierende Gegenargumente, dass es in anderen Branchen deutlich härter zugehen würde. Das stimmt. Aber wir sollten eingestaubte Unternehmensberatungen nicht als Vorbild für unser eigenes Branchenverhalten nehmen. Solche Unternehmen dienen eher als schlechtes Beispiel oder höchstens als Ansporn, wie man es deutlich besser machen kann, um das Image unserer Zunft bei Kunden und jungen Talenten gemeinsam zu pflegen. Denn da gibt es immer noch eine Menge Nachholbedarf.

Wer neidisch ist, hat grundsätzlich Angst nicht besser sein zu können als der Andere. Angst blockiert wiederum, besser zu sein als der Andere. Ein Teufelskreis und Nährboden für schlechte Arbeiten.

Stolz auf Kollegen zu sein, die als Botschafter unserer Branche für ihre Kunden grandiose Arbeiten abgeliefert haben: Das motiviert. Genau dann wird Wettbewerb zum Motivator und nicht zum angstgesteuerten Blockierer.

Mehr Stolz auf die kreative Gesamtleistung unserer Branche würde für deutlich mehr Anerkennung und ein besseres Image aller Teilnehmer sorgen, als der Neid und die Missgunst auf gute Arbeiten einzelner Agenturen.

Meine Großmutter, eine hanseatische Handelsunternehmerin, sagte immer "Konkurrenz belebt das Geschäft". Sie hat stets das konstruktive und respektvolle Gespräch mit ihren Konkurrenten gesucht,  um zu lernen und ihre Branche gemeinsam mit den Kollegen weiterzuentwickeln.

Bei uns werden jedoch heutzutage sogar interne Branchenkonflikte und Auseinandersetzungen unter Agenturen öffentlich ausgetragen, wie jüngst im Zusammenhang mit dem GWA. Das spricht nicht gerade für die Kommunikationsstärke unserer Zunft, die sich genau diese Fähigkeit auf die Fahne schreibt. Solche Konflikte beweisen vielmehr wie labil wir noch als Branche aufgestellt sind.

Ein weiteres branchen-suizidales Phänomen ist nach wie vor das egoistische Preisdumping einiger Agenturen und die Teilnahme an unbezahlten Pitches. Ein Preiskampf ist immer ein Kampf gegen Qualität und mittelfristig der Selbstmord unserer Industrie. Denn wir werden von unseren Auftraggebern nach wie vor an der Qualität und Leistungsfähigkeit unserer Arbeiten gemessen.

Ein Blick auf die Kundenseite zeigt, dass Loben und ein respektvoller Umgang mit der Konkurrenz bei Marketeers hingegen gang und gäbe ist und mittlerweile zum guten Ton gehört. In Gesprächen mit Kunden höre ich immer öfter, wie gut sie die Arbeiten ihrer Konkurrenten beurteilen und die Kampagnen ihrer Wettbewerber schätzen.

Unter Baumärkten wird die Hornbach-Kampagne immer noch als stärkste Arbeit der Branche angesehen und als Benchmark gehandelt. Die Haltung "Von der Konkurrenz können wir noch eine Menge lernen", ist in der Agenturbranche leider noch nicht angekommen.

Es sind auch vermehrt Kunden, die die Initiative ergreifen und gute Arbeiten anderer Agenturen wie den Heimkommen-Spot von Edeka oder die aktuelle Ford-Kampagne für sich einfordern. Solche konstruktiven und inspirierenden Anstöße sollten und dürfen jedoch nicht alleine von Kunden kommen. Sie müssen viel früher von den Agenturen kommen.

Über unsere Verbände und Clubs, wie den GWA und ADC hinaus sollten wir gemeinsam mit gegenseitigem Respekt und Anerkennung daran arbeiten, dass wir für Kunden qualitativ stärkere Partner und für junge Talente attraktivere Arbeitgeber werden. Wir müssen anfangen, die Gunst der Wertschätzung zu unserem Branchenwert zu machen. Oder wie Raphael Brinkert es sagte: "Wertschöpfung durch Wertschätzung."

Der Autor: Matthias Meusel ist Managing Director von Grey Berlin. Die Agentur arbeitet u.a. für Heineken, Welt am Sonntag, Panasonic, Bosch Hausgeräte, Discovery Networks und Tirendo. Vor seinem Wechsel auf Agenturseite war Meusel Marketingchef von Mobile.de.


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