Mein perfektes Wochenende :
Sascha Kurfiss: Mein perfektes Wochenende in Shanghai

In unserer Serie beschreiben Agenturchefs, wie für sie das "perfekte Wochenende" in ihrer Stadt aussieht. Heute: Sascha Kurfiss, General Manager von Jung von Matt in Shanghai.

Text: W&V Leserautor

Vor drei Jahren ist Sascha Kurfiss mit der ganzen Familie nach China gezogen.
Vor drei Jahren ist Sascha Kurfiss mit der ganzen Familie nach China gezogen.

Vor 16 Jahren wurde ich mit dem "Asien-Virus" infiziert. Damals kam einer meiner Kollegen aus Bangkok zurück und sagte: "Willst du was erleben, dann flieg hin. Buche ein Ticket und sonst nichts." - Das habe ich dann gemacht. Am ersten Tag wollte ich zurück, weil ich den totalen Kulturschock hatte und am zweiten nicht mehr nach Hause. Das ist heute immer noch so. Bis auf den Kulturschock, mit dem habe ich mich arrangiert.

Dass es nach diesem Urlaub zwölf Jahre gedauert hat, bis ich mein neues Zuhause in Shanghai gefunden habe, ist eine andere Geschichte, die man besser bei einem guten (und langen) Abendessen erzählt. Und da sind wir schon beim Thema Nummer eins in China. ESSEN. Es gibt nichts, was Chinesen lieber tun als ausgiebig mit Freunden (niemals allein!) zu essen. Das beginnt mit der ausgedehnten Diskussion, welches neue Restaurant man besuchen möchte, und endet oft mit Baijiou, dem lokalen Schnaps. 

Dass man in China gut essen kann, dürfte kein Geheimnis sein - und auch, dass es einen großen Unterschied gibt zu den deutschen China-Restaurants.

Was gibt es daher besseres als eine Stadt und ihre Kultur kulinarisch zu erkunden?

Wenn China-Neulinge bei uns zu Besuch sind, starten wir in Lujiazui (Pudong), direkt um die Ecke meiner Wohnung. Wir springen auf die Fähre und fahren rüber zum Bund (die lange Uferpromenade), flanieren an den tollen alten Gebäuden aus der Kolonialzeit vorbei und bestaunen die Skyline auf der anderen Seite des Flusses mit dem 632 Meter hohen Shanghai Tower.

Von Pudong aus sieht man auf die "alte Skyline" ohne die riesigen Hochhäuser.

Von Pudong aus sieht man auf die "alte Skyline" ohne die riesigen Hochhäuser.

Wir schlagen uns gegen den Strom der ankommenden Touristen bis zur U-Bahn-Station East Nanjing durch und fahren ins French Concession. Dort buchen wir uns mit der App MooBike ein Fahrrad. Wir radeln durch die netten kleinen Straßen und genießen das Flair des "alten Shanghai".

Jetzt kommt der erste Hunger. Wir lassen die schicken europäischen Restaurants links liegen und gehen ins Di Shui Dong, ein Hunan-Restaurant. Sehr scharf, aber im Gegensatz zur bekannteren Sichuan-Küche ohne den namensgleichen Pfeffer, der den Mund taub werden lässt wie beim Zahnarzt.

Wir essen Fisch scharf und pikant, scharfe Bambussprossen, mit chinesischen Kastanien geschmortes grünes Gemüse, frittierte Eier mit Chilli und trinken ein Qingdao vom Fass. Wer sich traut, probiert die exotischeren Gerichte wie Frosch, Innereien oder "stinkenden Tofu".

Hunan-Essen: Je mehr mitessen, um so mehr Gerichte kann man probieren.

Hunan-Essen: Je mehr mitessen, um so mehr Gerichte kann man probieren.

Wir machen ein bisschen Shopping, etwa bei Culture Matters (chinesische Turnschuhe, Yeah) und stoppen auf einen Kaffee im Marienbad, ein nettes belgisches Café.

Hier lassen wir unsere Fahrräder zurück und wechseln ins Taxi. Mit der App "Didi" lassen wir einen Fahrer kommen und fahren zurück nach Lujiazui zum Flaschenöffner (Shanghai World Financial Center). Zur blauen Stunde geht es nach ganz oben und wir drängeln uns gefühlt durch Millionen von chinesischer Touristen, um uns am Ende auf fast 500 Metern ziemlich klein zu fühlen.

Was für ein Ausblick und was für eine Stadt mit fast 30 Millionen Einwohnern

Blick aus dem 100. Stock des Shanghai World Financial Centers.

Blick aus dem 100. Stock des Shanghai World Financial Centers.

Das schlägt auf den Magen und wir fahren wieder 97 Stockwerke runter, um im dritten Stock im taiwanesischen Restaurant Din Tai Fung einzukehren. Hier gibt es die besten Xiaolongbao (Dumplings) und mein Lieblingsgericht Wonton (Teigtaschen) mit schwarzem Essig und Chilli-Öl.

Mein Lieblingsessen: Wonton mit schwarzem Essig und Chilli-Öl.

Mein Lieblingsessen: Wonton mit schwarzem Essig und Chilli-Öl.

Weil wir von der Aussicht noch nicht genug haben, treffen wir uns mit Freunden in der Cloud 9 Bar (im 87.Stock) für einen Absacker. Ausblick bis zum Absturz.

Irgendwie doof, dass am Wochenende auch Millionen von chinesischen Touristen in Shanghai sind, deshalb verlassen wir am nächsten Tag die ausgetretenen Pfade und fahren zuerst zum Lu Xun Park. Dort gibt es ein besonders buntes Treiben am Sonntag Morgen zu bestaunen. Kartenspielen, Freunde treffen, gemeinsam musizieren oder Tanzen. Die Chinesen lieben ihre Parks und die Geselligkeit. Wer Lust hat, kann mittanzen, mitsingen, Kung-Fu-Stunden nehmen oder sich beim Tai-Chi einfach dazustellen. Hier ist man als Ausländer willkommen.

Danach stillen wir unseren Hunger am Morgen bei Yang Dumplings mit den berühmten Shengjian (生煎), eine Art Dampfnudel mit Fleischfüllung. Überraschungseffekt: Sie sind mit Suppe gefüllt, schmecken unglaublich lecker und wer sie zum ersten Mal isst, bekleckert sich garantiert.

Wer die Shengjian nicht gegessen hat, war nicht in Shanghai.

Wer die Shengjian nicht gegessen hat, war nicht in Shanghai.

Wir sind noch früh dran und fahren ins MOCA (www.mocashanghai.org), um uns unsere Dosis Kreativität abzuholen. Meist finden hier Ausstellungen moderner chinesischer Künstler statt. Wie Yang Yongliang, Zheng Chongjin, Xu Bing, Gu Benda und viele andere.

Danach geht's weiter durch den Peoples Park und nach Xintiandi. Dort bummeln wir ein bisschen und gehen ins Middle 8, ein Yunnan-Restaurant. Das ist meine absolute Lieblingsküche in China. Wir bestellen Minzsalat mit Pilzen, Omelett mit Jasmin-Blüten, Yiliang-Ente mit Matsutake-Mushrooms und jungem Bambus, Fisch mit Passionsfrucht und noch drei weitere Pilzgerichte. Ich könnte hier noch stundenlang weiterschreiben...

Leider sind wir jetzt so vollgegessen, dass uns laufen zu anstrengend erscheint. Nach kurzem Überlegen lassen wir den Nachmittag in der Shanghai Brewery ausklingen. Das Leben ist schön.

Mikrobrauereien sind auch in China angesagt und mindestens so teuer wie in Deutschland.

Mikrobrauereien sind auch in China angesagt und mindestens so teuer wie in Deutschland.

Jetzt sind wir endgültig im Chillout-Modus und wollen uns eigentlich gar nicht mehr bewegen. Wir fahren nach Hause und halten unterwegs an einem der vielen Streetfood-Läden. Dort decken wir uns mit soviel Leckereien ein wie wir tragen können und mit ein paar Flaschen kaltem Yanjing Beer (ganz lecker, aber aus deutscher Sicht ist da kein Alkohol drin). Damit geht's nach Hause und ab in unseren kleinen Garten, wo wir die Füße hochlegen und zu den Hochhäusern aufschauen.

Wir schweigen uns an - und möchten nirgendwo anders sein als gerade hier.

Jeden Tag schaue ich hoch: Immer noch ein bisschen ungläubig, dass ich hier bin.

Jeden Tag schaue ich hoch: Immer noch ein bisschen ungläubig, dass ich hier bin.

Zur Person:

Sascha Kurfiss ist General Manager von Jung von Matt in Shanghai. Seine Agenturkarriere führte ihn von Sommer & Sommer über JWT Frankfurt und Scholz & Volkmer schließlich zu Jung von Matt. Nach vier Jahren bei JvM in Hamburg ging es dann mit Frau und den zwei Kindern nach Peking und vor einem Jahr nach Shanghai.


Autor:

W&V Leserautor

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