Arbeitsbedingungen :
Überforderte Werber: Was sie nur anonym sagen wollen

Wie viel Kreativität kann man von jemandem verlangen, der bis spät abends in der Agentur sitzt und vor allem, wer will das noch mitmachen – und warum? W&V Online hat mit drei jungen Menschen aus verschiedenen Agenturen und Bereichen gesprochen und sie nach ihren Zielen, ihrer Motivation und Zufriedenheit gefragt.

Text: Franziska Mozart

12. Mar. 2013 - 8 Kommentare

"Bis Herbst noch, dann ist Schluss", sagt sich Anna*, 30. Sie arbeitet in einer kleinen PR-Agentur und will der Arbeitswelt der Agenturen dann den Rücken kehren. Im Privatleben zurückzustecken für eine Arbeit, bei der Überstunden nicht einmal mehr gewürdigt werden, sondern völlig normal sind, das will sie nicht mehr mitmachen. Mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück bekommt sie nicht und eine schriftliche Bestätigung auch nicht. Denn sie könnte Ansprüche geltend machen, wenn aus betrieblichen Gründen ihr Urlaub gestrichen wird, etwa weil ein Kunde kurzfristig einen wichtigen Auftrag erledigt haben will. Bis zum Tag vor ihrer Auszeit weiß sie nicht, ob sie tatsächlich frei bekommt. "Wenn man sehr gut verdienen würde, könnte man das vielleicht wegstecken", sagt sie. Doch viel arbeiten für wenig Geld und Anerkennung, kann sie sich nicht mehr vorstellen. Wie ihr geht es vielen. Eine Personalvermittlerin, der sie ihren Lebenslauf schickt, ist erstaunt, dass sie es fast zwei Jahre in der Agentur aushielt. "Viele wechseln schon nach sechs Monaten", so ihre Einschätzung.

Die Arbeitsbedingungen in Agenturen bieten Diskussionsstoff. Das zeigen die Kommentare unter Artikeln, die das Thema aufgreifen. Wie viel Kreativität kann man von jemandem verlangen, der bis spät abends in der Agentur sitzt und vor allem, wer will das noch mitmachen – und warum? W&V Online hat mit drei jungen Menschen aus verschiedenen Agenturen und Bereichen gesprochen und sie nach ihren Zielen, ihrer Motivation und Zufriedenheit gefragt. Die Antworten sind so unterschiedlich wie ihre Arbeitsplätze und auch wenn dies keine repräsentative Umfrage ist, so wirft sie doch ein Schlaglicht auf die Branche.

Auch Lars, 24, Junior Art Director in einer großen Network-Agentur, weiß, dass er für seinen Job mehr leistet, als sich in seinem Gehalt widerspiegelt. Schon einen Gesprächstermin zu finden ist nicht leicht. Ein erster Versuch, ihn abends daheim zu erreichen scheitert. Erst nach 21 Uhr nimmt er ab. Überstunden. "Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, lange zu arbeiten", sagt er. Er weiß, dass nach einer anstrengenden Phase wieder ruhigere Zeiten kommen. Theoretisch. Denn die letzte schwierige Phase dauerte so lange, dass er körperlich und mental am Ende war. "Ich würde niemandem raten, in die Werbung zu gehen", sagt er. Trotzdem ist die Werbung sein Ding, hier wollte er hin und hat hart dafür gearbeitet, dass er jetzt ein gutes Standing in der Agentur hat. Wenn er dann voller Stolz seine Kampagne sieht, wenn er auf einen Dreh oder zu einem Shooting fährt, genießt er die schönen Seiten seines Jobs.

Doch das Privatleben leidet. Die meisten sozialen Kontakte hat der 24-Jährige innerhalb der Agentur. Dort arbeiten viele junge Kollegen, "die Atmosphäre ist einzigartig". Was aber passiert, wenn man zehn, 15 Jahre älter ist? Eine Familie will? "Da habe ich auch noch keine Antwort gefunden." Vielleicht macht er sich dann selbstständig. 

Von unzufriedenen Mitarbeitern profitieren Unternehmen wie Poachee. Auf der Plattform können sich sogenannte passive Jobsucher registrieren, also Arbeitnehmer, die wechselwillig sind, aber nicht gezielt nach neuen Jobs suchen wollen. Unternehmen können dort nach neuem Personal suchen und zahlen dafür eine Gebühr. Das Portal hat bereits viele Profile aus der Webe- und Medienbranche, bestätigt  Florian Röllig, Gründer und Geschäftsführer, gegenüber W&V Online. "Der Großteil dieser Profile sind - im Gegensatz zu unserem übrigen Datenbestand- eher jüngere Personen mit zwei bis sechs Jahren Berufserfahrung. Geographisch stammen die Profile vorrangig aus Metropolen wie Berlin, Hamburg, Köln oder München."

Aber es gibt auch in der Werbebranche die überzeugten, zufriedenen Mitarbeiter. Lara etwa hat als Etatdirektorin einer großen Agentur schon einige Stufen der Karriereleiter erklommen und bezeichnet sich selbst als sehr ehrgeizig. Was sie anstrebt, ist ein Posten in der Geschäftsführung. In der Agenturbranche alt zu werden kann sie sich so einerseits sehr gut vorstellen, ist aber andererseits zwiegespalten, wenn sie daran denkt, wie sich das später einmal mit einer Familie vereinbaren ließe. "Wie das mal sein soll, weiß ich noch nicht." Also lieber nicht so genau darüber nachdenken. Sie liebt ihren Job und hat kein Problem mit langen Arbeitszeiten. Auch bei ihr wechseln sich die anstrengenden Phasen mit den ruhigeren ab. Wenn es gerade schwierig ist, kann sie damit rechnen, dass es bald wieder besser wird. "Werbung ist kein Finanzamt, man muss schon stressresistent sein."

Und man muss bereit sein, erst einmal für wenig Geld viel zu arbeiten. Ob man das ist, hat sicherlich auch mit dem Team zu tun, mit dem man arbeitet. Ein gutes Umfeld kann viel auffangen. Ein gesundes Selbstwertgefühl kann helfen. Ein Kommentator schrieb unter dem Artikel "Agentur Nachwuchs: Das Problem mit der 70-Stunden-Woche": "Inzwischen gehe ich nach spätestens neun Stunden aus dem Büro. Egal, ob Dinge fertig sind oder nicht. Das mache ich seit vier Monaten so und siehe da: Jeder akzeptiert es, jeder weiß es und keiner stellt mir mehr Meetings nach 17 Uhr ein."

*alle Namen von der Redaktion geändert


8 Kommentare

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Anonymous User 26. März 2013

Das Arbeitszeiten-/Gehaltsproblem ist doch hausgemacht, gehört es über mittlerweile Jahrzehnte zum guten Ton, möglichst die/der Letzte zu sein, der nach Hause geht. Immer "Hart am Wind"! Noch immer finden sich in jeder Agentur Kollegen, die sich geradezu daran "aufgeilen", wie lange sie in der Agentur sitzen und wie krank sie trotzdem im Büro aufkreuzen. Ganz ehrlich: ist doch klar, dass jede GF, die ein Profitcenter vor der Holding verantworten müssen auf solche Leute steht und diese Denke als Leitmotto ausgibt.
Dass lange regelmäßige Überstunden der Belegschaft zuvorderst ein Indiz für Fehlmanagement und Unorganisiertheit sind, wird oft nicht wahrgenommen. Da hat jemand seine Projektplanung und vor allem seine Kunden nicht im Griff.
Wie oft entstehen Bottlenecks, weil entweder kein Kreativer verfügbar ist, oder umgekehrt, der Berater/PM nicht dazu kommt, Rebriefings weiterzubriefen? Andauernd! Aber es wird dem Kunden trotzdem versprochen, dass die Überarbeitung am nächsten Morgen um 9 Uhr auf dem Tisch liegt. Das ist ineffizientes Arbeiten in Perfektion.
Aber solange der Mitarbeiter weiterhin widerstandslos unbezahlte Überstunden ableistet und chaotisches Projektmanagement toleriert, gibt es keinen Grund, zu handeln. Denn am Ende arbeitet kein Mitarbeiter profitabler, als in der Überstunde.

Es liegt also an jedem Einzelnen selbst, denn man kann einfach nichts erwarten, was man nicht fordert.

Anonymous User 25. März 2013

15 Jahre Agentur haben mich völlig mürbe gemacht. Unterirdische Arbeitszeiten. Cholerische Führungskräfte, die beim leistesten Stirnrunzeln des Kunden ihre Kreativen zusammenbrüllen. Projektleiter, die an den Kunden 5h Grafikdesign verkaufen und mich das ganze in 2h machen lassen, um die restlichen 3h an einen weiteren Kunden zu verkaufen. Nörgelnde, nie zufriedene Kunden. Pitches mit den üblichen Nachtschichten. Sei froh, dass du pünktlich dein Gehalt bekommst, sagte mein alter Chef. Spätestens Anfang 40 sind viele Mitarbeiter ausgebrannt, demotiviert, geschafft und stecken in einer handfesten Sinnkrise. Ist es ein Wunder? Gut, dass diese Diskussion endlich geführt wird.

Anonymous User 13. März 2013

Der Teufelskreis beginnt, wenn die Angestellten ihre kranken Arbeitszeiten als normal ansehen (müssen) statt nach zu Hause gehen. Oder auf die Barrikaden. Irgendwann stellen sich alle auf den Irrsinn ein, kündigen ihr Privatleben, und machen den Arbeitsplatz auch noch zur WG / Kneipe / Spielhalle/ Ersatzfamilie. Ab 20 Uhr wird dann auf Agenturkosten Pizza u.ä. bestellt – sehr beliebt unter Praktikanten und anderen Unterbezahlten, die wegen knapper Kasse zusätzliche Ess-Überstunden machen. Sobald der Magen dann voll ist, setzt die Kreativ-Lähmung ein und manche Agentur wird ganz schnell leer. Pünktlich um neun schaufeln sich dann alle wieder am Frühstücksbuffet die Teller voll, auch das kostet ja vermeintlich nix.
Aber das Problem erledigt sich ja sowieso bald von selbst, es gibt ja keinen Nachwuchs mehr. Da sagen wir Freien einfach mal Dankeschön.

Anonymous User 12. März 2013

Liebes W&V-Team, gut, dass Ihr dieses Thema seit einigen Wochen endlich mal ansprecht. Es ist ein Massenphänomen und auch ich wäre längst aus der Agenturtretmühle raus, wenn ich statt Grafikdesign etwas Vernünftiges gelernt hätte. Die meisten Kreativen um die 30 haben für ADC-Denke wie "Ideen sind das Kapital von morgen" nur Hohn übrig, denn uns fehlt wegen Überstunden und Mickergehältern Zeit und Geld, um Familien zu gründen. Leider äußere ich wie die meisten anderen Kritik nur unter Pseudonym, weil ich mir andernfalls morgen früh wohl einen Einlauf von unserem GF Kreation abholen dürfte. Btw., meine Rechneruhr zeigt 23 Uhr und ich sitze zum zweiten Mal in dieser Woche (es ist ja erst Dienstag) noch im Büro, die letzten 3 Wochenenden musste ich auch durchrödeln.

Anonymous User 12. März 2013

Liebes W&V-Team, gut, dass Ihr dieses Thema seit einigen Wochen endlich mal ansprecht. Es ist ein Massenphänomen und auch ich wäre längst aus der Agenturtretmühle raus, wenn ich statt Grafikdesign etwas Vernünftiges gelernt hätte. Die meisten Kreativen um die 30 haben für ADC-Denke wie "Ideen sind das Kapital von morgen" nur Hohn übrig, denn uns fehlt wegen Überstunden und Mickergehältern Zeit und Geld, um Familien zu gründen. Leider äußere ich wie die meisten anderen Kritik nur unter Pseudonym, weil ich mir andernfalls morgen früh wohl einen Einlauf von unserem GF Kreation abholen dürfte. Btw., meine Rechneruhr zeigt 23 Uhr und ich sitze zum zweiten Mal in dieser Woche (es ist ja erst Dienstag) noch im Büro, die letzten 3 Wochenenden musste ich auch durchrödeln.

Anonymous User 12. März 2013

Der Artikel ist leider zutreffend. War es früher noch der Stolz auf die eigene Kampagne, die draußen ist, so ist auch das kaum noch möglich, weil die Qualtiät der Werbung durch viel zu viele Diskussionen auf der Strecke bleibt. Zum Schluss muss man sich bei seinen Bekannten noch für die verwässerte Kampagne entschuldigen. Hinzu kommt, dass man auf Basis dieser harmlosen und weichgespühlten Kampagnen den Respekt der eigenen Kunden verliert, die Werber immer seltener als kompetente Berater sehen, sondern als willige Ideenlieferanten und zur Aufheiterung langer Meetings mit dem Chef.

Anonymous User 12. März 2013

Es geht ja eben nicht nur um die Zeiten. Aber das Zeit-Geld Verhältnis sieht ja doch am unteren Ende der Hackordnung sehr bescheiden aus. Wenn dann noch keine Awards dazukommen, man nicht mehr 22 ist und sich auch das Tagesgeschäft hinzieht wie Kaugummi - eben ohne kreative Highlights - dann gute Nacht.

Anonymous User 12. März 2013

Meine Wahrnehmung ist, dass sich Agentur und Kunde hinsichtlich Arbeitsbelastung annähern. Die Zeiten, in denen einzelne Agenturmitarbeiter grundsätzlich nicht vor 22h nach Hause gegangen sind, sind längst vorbei. Bei uns ist in der Regel nach 19h das Haus leer. Manche Kunden sind dann noch munter bei der Arbeit.

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