Debatte :
Contra: Ein Schreibtisch ist da, wo WLAN ist

Christa Catharina Müller, Digital Native und W&V-Redakteurin, debattiert mit ihrer Kollegin über Millennials. Sie sagt, die Kritik muss man weglächeln. Sie stimme einfach nicht.

Text: Christa Catharina Müller

Christa Catharina Müller (Millennial) und Anja Janotta (40+) diskutieren.
Christa Catharina Müller (Millennial) und Anja Janotta (40+) diskutieren.

„Stimmen die Vorurteile über Millennials?”

Ja, ich bin ein sogenannter Digital Native und damit ein ziemlich typischer Vertreter meiner Generation. Rechnen habe ich mit einem Computerspiel gelernt, dem ersten soziale Netzwerk bin ich circa 1998 beigetreten (uboot.com anyone?) und an Tagen wie heute, an denen ich aus unerfindlichen Gründen mein Smartphone zu Hause habe liegen lassen, bin ich irgendwie nervöser als sonst.

Wäre ich im Jahr 1953 oder 1959 geboren, würde ich eine andere Geschichte erzählen. Denn den Luxus einer vernetzten Welt haben meine Eltern erst Mitte ihres Lebens kennengelernt. Inzwischen stürzt mein Vater sich auf Datenschutzthemen und meine Mutter kauft fast alles im Netz ein. Nur frisches Gemüse hat sie noch nie online bestellt. Darüber nachgedacht hat sie aber schon. Das Internet mit all seinen Tücken und Finessen gehört auch für die beiden wie selbstverständlich dazu.

Schon klar, wer zwischen 1981 und 1998 geboren wurde, ist anders aufgewachsen als die Generationen zuvor. Doch wir haben es nicht nur leichter, sondern manchmal auch schwerer als Babyboomer oder die Generation X.

Die Liste der Vorurteile gegenüber Millennials ist lang: Faul sollen wir sein, selbstverliebt und egozentrisch. Nichts als nach Aufmerksamkeit hungernde Selbstdarsteller, ein chronisch unzufriedener Haufen illoyaler Konsumenten. Das Magazin Time nennt uns schlicht die "Me Me Me Generation".

Alles nur Projektion?

Die Kritik kann ich zu großen Teilen weglächeln. Wir mögen zögerlich in wichtigen Lebensentscheidungen agieren, bekommen später Kinder und reisen lieber noch drei Mal um die Welt bevor wir uns irgendwo niederlassen. Aber: Das machen wir nur, weil wir die ersten sind, die es sich in der Masse leisten können. Vom Strand in Thailand Webseiten programmieren oder aus der Pampa in Argentinien Texte schreiben? Kein Problem. Ein Schreibtisch ist da, wo WLAN ist.

Die unendlich vielen Entscheidungsmöglichkeiten lassen uns zeitweise unzufrieden oder planlos erscheinen. Das will ich gar nicht bestreiten.

Aus der Art und Weise, wie die Kritik häufig vorgetragen wird, lese ich aber auch: Neid. Denn wer behauptet eigentlich lautstark, dass es nur noch Faule, Selbstverliebte und Egozentriker gibt? Das steht in keiner Selbstbeschreibung eines Millennials. Das sagen die Älteren. Und die klingen dabei ein wenig gönnerhaft.

Wir versuchen doch nur – wie übrigens alle Generationen vor uns – herauszufinden, wo wir hingehören. Um das rauszufinden, muss man sich nun mal mit sich selbst beschäftigen.

Vielleicht ist es ein Irrglaube, dass wir alles haben könnten. Aber vielleicht tut diese Naivität unserer Gesellschaft als Ganzem auch gut. Wer jung ist, muss – wenigstens für einen Moment –  das Gefühl haben dürfen, die Welt läge ihm zu Füßen. Ich jedenfalls bin mir sicher, meine Eltern wären gerne so aufgewachsen wie ich.

Die Debatte geht weiter: Das Pro lesen Sie hier: "So sind die Millennials ohne Instagram-Retusche"

„Stimmen die Vorurteile über Millennials?”


Autor:

Christa Catharina Müller
Christa Catharina Müller

ist seit Februar 2014 Redakteurin im Ressort Marketing, wo sie über Mode und digitales Marketing schreibt. Bevor sie zu W&V kam, hat sie ein Onlinevolontariat bei Condé Nast absolviert und war anschließend drei Jahre als freie Autorin tätig, unter anderem als Bloggerin für Yahoo.