Reaktion auf EU-Entscheidung :
Apple-Chef Cook schreibt offenen Brief an die Europäer

Apple-Chef Tim Cook wendet sich mit einem offenen Brief an die europäischen Kunden. Doch eigentlich richten sich seine Worte an die EU-Kommission.

Text: Ulrike App

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Apple-Chef Tim Cook.
Apple-Chef Tim Cook.

Apple reagiert mit einem offenen Brief auf die EU-Entscheidung. Der US-Konzern soll bis zu 13 Milliarden Euro Steuern nachzahlen. Kaum hatte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ihre Begründung veröffentlicht, ging Apple zur Krisen-PR über.

CEO Tim Cook richtet seine Worte an die europäischen Apple-Kunden. Der Konzernlenker verweist auf die erste Fabrik in Irland, die Apple 1980 in Cork eröffnet habe. Cook spricht von 1,5 Millionen Jobs in Europa, die der Konzern (indirekt) geschaffen hat - nicht nur bei Apple, sondern auch bei App-Entwicklern und viele kleinen Firmen.

Er betont, dass das Vorgehen der EU-Kommission "weitreichende Folgen" habe. Die Botschaft: Die Haltung der EU gefährde Arbeitsplätze und bremse Investitionen. 

Der Brief im Wortlaut:

Eine Nachricht an die Apple Community in Europa

Vor 36 Jahren, lange vor dem iPhone, dem iPod und selbst dem Mac, eröffnete Steve Jobs die erste Geschäftsstelle von Apple in Europa. Zu dieser Zeit war dem Unternehmen bewusst, dass es, um die Kunden in Europa zu bedienen, vor Ort eine Basis benötigt. Also eröffnete Apple im Oktober 1980 eine Fabrik mit 60 Angestellten im irischen Cork.

Zu dieser Zeit litt Cork unter hoher Arbeitslosigkeit und extrem geringen wirtschaftlichen Investitionen. Doch die Firmenleitung von Apple sah eine Region mit viel Potenzial und eine, von der sie glaubte, dass sie sich dem Wachstum anpassen könnte, falls die Firma das Glück hätte, erfolgreich zu sein.

Seitdem haben wir kontinuierlich von Cork aus operiert, selbst in Zeiten der Unsicherheit bezüglich unseres eigenen Geschäfts, und haben heute nahezu 6000 Angestellte in ganz Irland. Der allergrößte Teil ist immer noch in Cork – darunter Angestellte der ersten Stunde – und sie arbeiten in unterschiedlichsten Funktionen als Teil von Apples weltweitem Geschäft. Zahllose multinationale Unternehmen folgten Apple und investierten in Cork. Heute ist die örtliche Wirtschaftsleistung stärker als je zuvor.

Der Erfolg, der Apples Wachstum in Cork angetrieben hat, beruht auf innovativen Produkten, die unseren Kunden Freude machen. Dieser Erfolg hat mitgeholfen, über 1,5 Millionen nachhaltiger Arbeitsplätze in ganz Europa zu schaffen – Jobs bei Apple, Jobs für hunderttausende kreativer App‑Entwickler, die im App Store erfolgreich sind, Jobs in der Produktion und bei anderen Zulieferern. Unzählige kleine und mittelgroße Unternehmen verlassen sich auf Apple und wir sind stolz darauf, sie zu unterstützen.

Als verantwortungsvolles Unternehmen sind wir ebenso stolz auf unseren Beitrag zu lokalen Volkswirtschaften in Europa und Regionen überall in der Welt. Mit dem Wachstum unseres Geschäfts sind wir zum größten Steuerzahler in Irland, zum größten Steuerzahler in den USA und zum weltweit größten Steuerzahler geworden.

Im Laufe der Jahre haben wir von den irischen Steuerbehörden Richtlinien erhalten, wie wir das irische Steuergesetz einhalten – dieselbe Art Richtlinien, die für jedes Unternehmen verfügbar sind, das dort Geschäfte tätigt. In Irland wie auch in jedem anderen Land, in dem wir operieren, folgt Apple den Gesetzen und bezahlt sämtliche fällige Steuern.

Die Europäische Kommission hat einen Versuch gestartet, die Geschichte von Apple in Europa umzuschreiben, die irischen Steuergesetze zu ignorieren und dadurch das internationale Steuersystem zu kippen. Die am 30. August abgegebene Stellungnahme behauptet, dass Apple von Irland eine besondere Steuerregelung erhalten habe. Diese Behauptung entbehrt jeglicher rechtlichen und tatsächlichen Grundlage. Wir haben niemals nach irgendwelchen besonderen Regelungen gefragt, noch haben wir jemals welche erhalten. Wir befinden uns jetzt in der außergewöhnlichen Situation, aufgefordert zu sein, nachträglich zusätzliche Steuern an eine Regierung zu zahlen, die sagt, dass wir ihnen nicht mehr schulden, als wir bereits gezahlt haben.

Der Schritt der Kommission ist beispiellos und hat ernsthafte, weitreichende Auswirkungen. Im Grunde empfiehlt er, die irischen Steuergesetze dahingehend zu ersetzen, wie das Gesetz nach Ansicht der Kommission hätte sein sollen. Dies hätte verheerende Folgen für die Souveränität der EU Mitgliedsstaaten in eigenen Steuersachen und das Prinzip der Rechtssicherheit in Europa. Irland plant, gegen die Entscheidung der Kommission Berufung einzulegen, und Apple wird dies ebenso tun. Wir sind zuversichtlich, dass die Anordnung der Kommission aufgehoben wird.

Im Prinzip geht es im Fall der Kommission nicht darum, wie viel Steuern Apple zahlt. Es geht darum, welche Regierung davon profitiert.

Die Steuern multinationaler Unternehmen sind eine komplexe Angelegenheit. Dennoch wird weltweit ein fundamentales Prinzip anerkannt: Der Gewinn einer Firma sollte in dem Land versteuert werden, in dem der Gewinn geschaffen wird. Apple, Irland und die Vereinigten Staaten stimmen diesem Prinzip zu.

Im Fall von Apple findet nahezu die gesamte Forschung und Entwicklung in Kalifornien statt, weswegen der allergrößte Teil unseres Gewinns in den Vereinigten Staaten versteuert wird. Europäische Unternehmen, die in den USA Geschäfte machen, werden nach dem gleichen Prinzip besteuert. Doch die Kommission verlangt jetzt, diese Regeln rückwirkend zu ändern.

Neben den offensichtlichen Auswirkungen für Apple wird der weitreichendste und schädlichste Effekt dieses Beschlusses die Investitionen und Schaffung von Arbeitsplätzen in Europa betreffen. Würde der Empfehlung der Kommission gefolgt werden, wäre jedes Unternehmen in Irland und Europa mit einem Mal davon bedroht, nach Gesetzen besteuert zu werden, die nie existierten.

Apple befürwortet seit Langem die internationale Steuerreform mit dem Ziel von Einfachheit und Klarheit. Wir glauben, dass diese Veränderungen durch ein ordentliches Gesetzgebungsverfahren geschehen sollten, in dessen Verlauf die Anführer und Bürger der betroffenen Länder Vorschläge diskutieren können. Und wie alle neuen Gesetze sollten diese mit Wirkung für die Zukunft gelten – und nicht rückwirkend.

Wir haben eine Verpflichtung gegenüber Irland und planen weiterhin dort zu investieren, zu wachsen und mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Engagement für unsere Kunden da zu sein. Wir sind fest davon überzeugt, dass sich die Fakten und die geltenden gesetzlichen Grundlagen, auf denen die EU gegründet wurde, letztendlich durchsetzen werden.

Tim Cook


Autor:

Ulrike App
Ulrike App

ist bei W&V Online für Digitalthemen zuständig. Und das hat nicht nur mit ihrem Nachnamen zu tun, sondern auch mit ihrer Leidenschaft für Gadgets und Social Media. Sie absolvierte vor ihrer Print-Zeit im Marketing-Ressort der W&V die Berliner Journalisten-Schule und arbeitete als freie Journalistin.



13 Kommentare

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Anonymous User 3. September 2016

Das Ganze sieht für mich fast wie eine Retour-Kutsche von VW aus!
Sollte sich die EU-Kommission doch besser für eine einheitliche Steuerregelung innerhalb der EU stark machen. Stattdessen nun – auch noch rückwirkend – die Gesetze neu zu interpretieren wirkt in meinen Augen peinlich für diese Beamten. Bei CETA und TTIP zuzustimmen, wo man noch nicht einmal den Gesetzestext kopieren und veröffentlichen darf, verstehe ich dagegen überhaupt nicht.
Ja, Apple sollte einen vernünftigen Steueranteil entrichten. Allerdings kann man nicht einfach rückwirkend die Gesetze ändern, meine ich. Gewinne sollten in dem Land versteuert werden, in dem sie erzielt werden. Das wäre ein verständlicher Ansatzpunkt.

Anonymous User 31. August 2016

Zu diesem Thema sollte man vielleicht einfach auch die PR der "Gegenseite" lesen und sich erst dann ein objektives Urteil bilden. Gar nicht uninteressant. (Sorry Mr. Cook.)

Quote Margrethe Vestager "The Commission's investigation concluded that Ireland granted illegal tax benefits to Apple, which enabled it to pay substantially less tax than other businesses over many years. In fact, this selective treatment allowed Apple to pay an effective corporate tax rate of 1 per cent on its European profits in 2003 down to 0.005 per cent in 2014."

http://europa.eu/rapid/press-release_IP-16-2923_en.htm

Her gibts tolle Sätze wie: "Therefore, only a small percentage of Apple Sales International's profits were taxed in Ireland, and the rest was taxed nowhere."

Taxed in Nowhere-Land - das ist noch besser, als in der Shannon Free Zone. Wer hätte das nicht gern... Das Steuersystem in Irland und seine Entwicklung - ein extrem spannendes und nicht ganz unkompliziertes Themenfeld.

Anonymous User 31. August 2016

Das ist eine so komplexe Angelegenheit, dass sie mit platten Emotionen nicht geklärt werden kann.

Ist nun eigentlich Irland schuld, weil es Apple Sonderkonditionen geboten hat, um dessen Standort anderen Euroländern "wegzuschnappen"?

Man hört , dass Apple pro Million Income 50,- € Steuern gezahlt hat. Wenn Irland das bei allen dort ansässigen Firmen so gemacht hat, wäre das Land doch längst Pleite. Oder hat Apple Sonderkonditionen?

Warum wird Irland nicht an den Strafzahlungen beteiligt, wenn es unerlaubtes Steuerdumping betrieben hat? Oder holt man sich das Geld eben da, wo es vorhanden ist?

Wenn das seit Jahren so geht, warum meldet sich Europa erst jetzt?

Fragen über Fragen – und keiner erklärt einem das mal von Grund auf.

Der weinerliche Cook-Werbebrief an Apples gläubige User (zu denen, was die Geräte angeht auch ich gehöre) trägt zur Klärung nichts bei, das ist doch der gleiche verlogene Nächstenliebe-Tonfall, in dem alle Unternehmen ihre Teilnahme am Raubkapitalismus zu bemänteln versuchen. Glauben tut es eh keiner, dass die Unternehmen nur für ihre Kunden da sind, sie sind für sich da. Punkt!

Anonymous User 31. August 2016

Natürlich muss er diesen offenen Brief schreiben. Hebt aber die Tatsache nicht auf, dass sich etliche Großunternehmen so aufstellen, um minimalste Steuern zu zahlen. Das erreichen sie über eigens dafür gestrickte Modelle, die zwar dem Steuerrecht des Landes entsprechen, aber nicht der Realität entsprechen, dass Steuern dort gezahlt werden, wo Gewinne eigentlich erwirtschaftet werden. Man muss sich nur mal überlegen, welche Umsaätze in
Deuschland gemacht werden und welche Steuern Apple an Detuschland abführt. Das passt einfach nicht zusammen. Das gilt aber auch für andere Unternhemn, die Ihren Sitz nach Genf und Luxemburg verlegt haben. Alleinig aus dem Grund der Steuerersparnis. Schön, wer da noch in den Spiegel schauen kann.

Anonymous User 31. August 2016

Eine Firma, die sich nach eigenem Bekunden so vorbildlich verhält, wie Tim Cook uns hier wahr machen will, wird sicherlich mit Freude auch in Sachen Steuern als Vorreiter agieren und freiwillig einen höheren Satz als die Allgemeinheit leisten.
Dem Mittelstand indes empfehle ich, eine Sammelklage gegen Irland und Konsorten vorzubereiten, um evtl. durch eine tatsächlich höhere Steuerlast entstandene Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Damit auch sie sich in Zukunft als Wohltäter und Retter der Allgemeinheit selbst beweihräuchern können.

Anonymous User 30. August 2016

Vergessen hat er allerdings die indirekt durch Apple geschaffenen Jobs bei chinesischen Zulieferern, die so schlimm waren, dass sich die Arbeiter reihenweise vom Dach in den Tod stürzten.
Dass Abgaben und Steuern angeblich Arbeitsplätze kosten, ist eine uralte Laier der Arbeitgeber, die hier auch wieder als wenig subtile Drohung und zur Angstschürung verwendet wird. Tim Cook nutzt hier seine demokratisch nicht legitimierte Macht. Wenn sie keine Steuern zahlen müssten, würden sie auch keine bezahlen. Der Zwang zur Profitmaximierung ist im Kapitalismus systemimmanent, deswegen wird auch jede Gelegenheit zur so genannten Rationalisierung genutzt. Apple quasi als gemeinnützige Organisation zu schildern ist daher hochgradig peinlich und verlogen.

Anonymous User 30. August 2016

Sich mit geschaffenen Arbeitsplätzen zu rühmen und Steuerersparnisse und Strategien zu rechtfertigen ist schlecht. Wenn die Mitarbeiter*Innen nicht gewesen wären, hätte Apple lange nicht so viel verdient. Das schließt Kunden , App-Entwickler und Partner ein. Apple soll gefälligst Steuern zahlen und sich wie jeder Bürger und viele andere Unternehmen am Gemeinwohl beteiligen. Fehlen dann nur noch Amazon, IKEA und Co. Bitte folgen...

Anonymous User 30. August 2016

Allerdings wer von euch kann den beurteilen ob er nicht recht hat. Vielleicht ist das mit der steuer ja genau so elaufen wie er gesagt hat. Dann darf er ruhig der Kommission mal aufs gepuderte näschen hauen.
Denn bloß weil apple vermeintlich reich ist, ist das kein grund dass man an ihnen ein exempel statuieren darf.

Für mich sieht das eher aus wie ein Vergeltungsschlag für VW. Sind ja ähnliche Beträge. Just saying. #aluhut

Anonymous User 30. August 2016

Musste ganz kurz weinen.

Anonymous User 30. August 2016

Ein Armutszeugnis für Apple. Sich zu rechtfertigen, dass man in Europa keine 4% Steuern bezahlt obwohl jeder Wettbewerber durchschnittliche Steuerquoten von 25-35% ertragen muss und sich dann zu rühmen, dass man 1,5 Mio. Jobs geschaffen hat (und gleich App Entwickler mit rein rechnet) ist schon eine bodenlose Frechheit. Da sollte der gute Hr. Cook auch mal berücksichtigen, wie viele Jobs er durch seine niedrige Steuerqote vernichtet hat, da Wettbewerber mit 30% Steuerquote schlechtere Voraussetzungen hatte als Apple. Apple kann sich auch gerne aus dem Markt Europa verabschieden, wenn sie sich nicht an einer fairen Teilung von Nutzen und Lasten beteiligen möchten. Wettbewerber übernehmen bestimmt gerne. Gewinn ohne Kosten und den anderen die Bezahlung der Infrastur überlassen ist leider hochgradig unsozial, um nicht zu sagen asozial!

Anonymous User 30. August 2016

Dann muss wohl Herr Cook mal kurz an die Kaffee-Kasse von Apple ran. 13 Millarden...Peanuts!

Das nächste iPhone kostet dann halt 10 EUR mehr...is dann halt so.

Anonymous User 30. August 2016

Was ein elendes Armutszeugnis. "Wir haben Irland gerettet! Und jetzt wollt ihr undankbares Europäer-Pack dafür noch Steuern von uns?!"

Es ist wirklich erschütternd, wie man sich in Management-Kreisen die Welt zurechtwünscht.

Aber so läufts - siehe VW, ADAC, Banken etc etc pp. Noch schlimmer wird es ja, wenn man sieht, wie die Politik jedes Mal vor diesem Pack einknickt. Man will es sich ja nicht mit dem künftigen Arbeitgebern verderben.

Naja, der Steuerzahler wirds schon richten.

Anonymous User 30. August 2016

Mir kommen die Tränen!
Wahrscheinlich wäre Apple Pleite wenn man in Europa auch noch Steuern zahlen müsste. Wie peinlich so ein Brief, wenn man überlegt wie viel Geld Apple Bar auf der hohen Kante hat.
Ich kann nur an die europäische Kommission appellieren hart zu bleiben.
Dann werden, die Geräte vielleicht 5 € teurer - das macht bei den abgehobenen Preisen den Kohl eh nicht fett! Auf den europäischen Markt kann Apple auf jeden Fall nicht verzichten!

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