So bleibt für mehr Abwechslung im Lesefutter scheinbar nur die direkte Lektüre auf den bevorzugten Nachrichtenportalen, um dort zumindest auf die vom Algorithmus als irrelevant eingestuften Themen zu stoßen. Wahre Meinungsvielfalt bedeutet jedoch selbst darüber hinaus, den gesamten Medienkosmos direkt anzusurfen. Aber das kostet Zeit, die nicht jeder hat.

Welche Strategien gibt es also sonst, sich Parisers "intellektueller Isolation" zu entziehen, ohne auf Facebook zu verzichten?

 

5 zeitsparende Tipps, um der Filterblase zu entgehen

 

  • Eine Strategie besteht darin, zusätzlich andere Aggregatoren zu nutzen wie z.B. piqd, Blendle, Flipboard, Newscron oder pocketstory – vor allem, wenn sie zu einem großem Anteil manuell die Inhalte auswählen. Diese innovativen Angebote sind effizient in der Bedienung und stellen Inhalte verschiedener Medienmarken zur Verfügung. Umfang und bevorzugte Themenbereiche können nach persönlichen Interessen eingestellt werden – müssen aber nicht!

 

  • Sie können sich auch auf Facebook ein zweites Profil zuzulegen – quasi "zu Recherchezwecken", gegebenenfalls unter Nutzung eines Pseudonyms oder einer Namensabwandlung. Damit lässt sich dann konsequent und ohne persönliches Risiko das andere Meinungslager verfolgen und sogar in den Diskurs gehen. Denn Facebook ist nicht nur ein trennendes Tool, sondern eine einmalige Plattform, um sich mit Personen auszutauschen, an die man anderweitig nie herankäme.

 

  • Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch "Escape Your Bubble": Die Chrome Extension spielt in den eigenen News Feed Beiträge ein, die der politischen Grundhaltung des Nutzers widersprechen. Aktuell kommen so vor allem US-amerikanische Artikel an die Oberfläche, die – je nach eigener Orientierung - die Republikaner oder Demokraten in einem positiveren Licht beschreiben. Jüngst beispielsweise mit einer Darstellung darüber, wo sich die Republikaner für eine Freigabe von Marihuana einsetzen.

 

  • Wer sich in kurzer Zeit ein Bild über die öffentliche Meinung zu bestimmten Themen machen will, ist bei den neuen Online-Marktforschern gut aufgehoben. So liefert z.B. das Portal Opinary im Vergleich zur herrschenden Meinung im News Feed oft überraschende Einschätzungen. Aktuell findet man auf der Homepage Abstimmungsergebnisse zu verschiedensten Themen - von der Auswirkung der AfD auf die deutsche Politik (rd. 93 Tsd. Stimmen) bis hin zur Mega-WM (rd. 26 Tsd. Stimmen).

 

  • Und zuletzt, so banal es klingt: Es gibt auch noch die Offline-Welt. Aber auch aus der haben wir die Andersdenkenden inzwischen häufig ausgeblendet. Dabei ist es nicht schwer, ohne Zeitaufwand mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die viel wissen und dennoch (vielleicht aus gutem Grund?) in einer anderen Meinungswelt leben. Zum Beispiel Taxifahrer, Mitreisende in der U-Bahn oder die Reinigungskraft im Büro. Blick vom Handy heben, die weißen Ohrstöpsel rausnehmen und einfach mal zuhören, heißt die Devise – dann überraschen auch so manche Wahlergebnisse weniger.

Zur Person: *Katja Nettesheim ist Gründerin und Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Mediate. Zudem hat sie eine Professur für digitales Medienmanagement an einer privaten Hochschule inne.

Mehr über das Thema Filterblase und die Frage, was Medien gegen das Phänomen tun können, finden Sie in W&V 5/2017.


Autor: W&V Gastautor:in

W&V ist die Plattform der Kommunikationsbranche. Zusätzlich zu unseren eigenen journalistischen Inhalten erscheinen ausgewählte Texte kluger Branchenköpfe. Eine:n davon habt ihr gerade gelesen.