Katja Nettesheim zur Filterblase bei Facebook :
Auf Facebook verzichten?

Über die "Filterblase" von Facebook wird viel diskutiert. Was lässt sich tun, um die Social-Media-Scheuklappen abzulegen? Ein Gastbeitrag von Katja Nettesheim.

Text: W&V Leserautor

Gerade in Zeiten von Trump & Co. wieder diskutiert: Die Filterblase.
Gerade in Zeiten von Trump & Co. wieder diskutiert: Die Filterblase.

Was lässt sich tun, um die Social-Media-Scheuklappen abzulegen? Ein Gastbeitrag von Katja Nettesheim*, Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Mediate.

In letzter Zeit wird zunehmend über die "Filterblase" von Facebook diskutiert: Facebook personalisiert den News Feed basierend auf Informationen über den Nutzer. Seine Freunde, Likes, Posts, der Standort und andere Informationen werden laufend ausgewertet, um die Relevanz der angezeigten Posts zu steigern. Im Ergebnis sieht der Facebook-Konsument nur noch, was der dahinterliegende Algorithmus für sehenswert hält.

Für eine demokratische Gesellschaft ist das eine kritische Entwicklung. Denn immerhin ein Drittel der deutschen Internetnutzer bezieht seine Nachrichten über Social Media, also im Wesentlichen über Facebook. Tendenz steigend. Der Internetaktivist Eli Pariser, der das Phänomen 2011 zuerst beschrieben hat, sieht dadurch die Gefahr der "intellektuellen Isolation": Eine Filterblase lässt keinen Raum für Denkanstöße, Irritierendes und neue Argumente, sie betoniert stattdessen die eigene Weltsicht.

Also auf Facebook verzichten?

Der Social-Media-Riese erfüllt mittlerweile für große Teile der Bevölkerung so viele Funktionen, dass eine Lossagung fast dem sozialen Tod gleichkommt. Natürlich kann man die Aktivitäten zurückfahren und als passiver Nutzer Facebook vermeintlich Informationen vorenthalten. Doch auch Lese- und Verweildauer fließen in den Algorithmus ein. Und ohne aktiven Input ist Facebook langweilig. Liked man wiederum Andersdenkende oder ihre Posts, um den News Feed bunter zu gestalten, irritiert man damit nicht nur den Algorithmus, sondern auch Freunde, Bekannte und je nach Bekanntheitsgrad auch die Medien. Ferner konturiert man auch das eigene Profil entsprechend – spätere Konsequenzen unbekannt.

So bleibt für mehr Abwechslung im Lesefutter scheinbar nur die direkte Lektüre auf den bevorzugten Nachrichtenportalen, um dort zumindest auf die vom Algorithmus als irrelevant eingestuften Themen zu stoßen. Wahre Meinungsvielfalt bedeutet jedoch selbst darüber hinaus, den gesamten Medienkosmos direkt anzusurfen. Aber das kostet Zeit, die nicht jeder hat.

Welche Strategien gibt es also sonst, sich Parisers "intellektueller Isolation" zu entziehen, ohne auf Facebook zu verzichten?

 

5 zeitsparende Tipps, um der Filterblase zu entgehen

 

  • Eine Strategie besteht darin, zusätzlich andere Aggregatoren zu nutzen wie z.B. piqd, Blendle, Flipboard, Newscron oder pocketstory – vor allem, wenn sie zu einem großem Anteil manuell die Inhalte auswählen. Diese innovativen Angebote sind effizient in der Bedienung und stellen Inhalte verschiedener Medienmarken zur Verfügung. Umfang und bevorzugte Themenbereiche können nach persönlichen Interessen eingestellt werden – müssen aber nicht!

 

  • Sie können sich auch auf Facebook ein zweites Profil zuzulegen – quasi "zu Recherchezwecken", gegebenenfalls unter Nutzung eines Pseudonyms oder einer Namensabwandlung. Damit lässt sich dann konsequent und ohne persönliches Risiko das andere Meinungslager verfolgen und sogar in den Diskurs gehen. Denn Facebook ist nicht nur ein trennendes Tool, sondern eine einmalige Plattform, um sich mit Personen auszutauschen, an die man anderweitig nie herankäme.

 

  • Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch "Escape Your Bubble": Die Chrome Extension spielt in den eigenen News Feed Beiträge ein, die der politischen Grundhaltung des Nutzers widersprechen. Aktuell kommen so vor allem US-amerikanische Artikel an die Oberfläche, die – je nach eigener Orientierung - die Republikaner oder Demokraten in einem positiveren Licht beschreiben. Jüngst beispielsweise mit einer Darstellung darüber, wo sich die Republikaner für eine Freigabe von Marihuana einsetzen.

 

  • Wer sich in kurzer Zeit ein Bild über die öffentliche Meinung zu bestimmten Themen machen will, ist bei den neuen Online-Marktforschern gut aufgehoben. So liefert z.B. das Portal Opinary im Vergleich zur herrschenden Meinung im News Feed oft überraschende Einschätzungen. Aktuell findet man auf der Homepage Abstimmungsergebnisse zu verschiedensten Themen - von der Auswirkung der AfD auf die deutsche Politik (rd. 93 Tsd. Stimmen) bis hin zur Mega-WM (rd. 26 Tsd. Stimmen).

 

  • Und zuletzt, so banal es klingt: Es gibt auch noch die Offline-Welt. Aber auch aus der haben wir die Andersdenkenden inzwischen häufig ausgeblendet. Dabei ist es nicht schwer, ohne Zeitaufwand mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die viel wissen und dennoch (vielleicht aus gutem Grund?) in einer anderen Meinungswelt leben. Zum Beispiel Taxifahrer, Mitreisende in der U-Bahn oder die Reinigungskraft im Büro. Blick vom Handy heben, die weißen Ohrstöpsel rausnehmen und einfach mal zuhören, heißt die Devise – dann überraschen auch so manche Wahlergebnisse weniger.

Zur Person: *Katja Nettesheim ist Gründerin und Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Mediate. Zudem hat sie eine Professur für digitales Medienmanagement an einer privaten Hochschule inne.

Mehr über das Thema Filterblase und die Frage, was Medien gegen das Phänomen tun können, finden Sie in W&V 5/2017.


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