Thomas Knüwer zur Causa Schramm :
"Axel Springer hätte seine Nachfolger längst vom Hof gejagt"

Digitaler Exhibitionismus, Sex und angebliche Doppelmoral in Sachen Urheberrecht: Piratin Julia Schramm kommt mit einem "desaströsen" Roman ins Gerede. W&V Online hat mit Medienkritiker Thomas Knüwer über die Hintergründe gesprochen.

Text: Katharina Hannen

18. Sep. 2012 - 13 Kommentare

"Der Spiegel" watscht "Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin", den ersten Roman von Piraten-Bundesvorstand Julia Schramm als "Desaster" ab, es gebe keinerlei Erkenntnisgewinn für den Leser. Im Vordergrund der Debatte steht allerdings nicht der Inhalt, sondern die Tatsache, dass Schramm den kostenlosen Download des Buches untersagt. Dabei fordert das Parteiprogramm der Piraten, das "nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen" von Werken, um "die allgemeine Verfügbarkeit von Information und Wissen" zu verbessern. Auf den ersten Blick liefert Schramm eine Steilvorlage für die Verfechter des Leistungsschutzrechts. W&V Online sprach darüber mit dem Berater und Publizisten Thomas Knüwer.

Herr Knüwer, wie stufen Sie die Haltung von Julia Schramm ein - besonders im Hinblick auf die Einstellung der Piraten zum freien Datenaustausch im Internet?

Thomas Knüwer: Ich verstehe gar nicht, wo hier die Verwunderung herkommt. Frau Schramm und die Piratenpartei lehnen nicht das Urheberrecht ab, sondern den Begriff des Geistigen Eigentums. Dies tue ich übrigens auch und ganz nebenbei sehr, sehr viele deutsche Gerichte. Dass dieser Unterschied nicht in die Köpfe der Journalisten und Politiker zu bekommen ist, zeugt nur davon, wie sehr in Deutschland gesellschaftliche Debatten ausschließlich auf Talkshow-Niveau geführt werden. 

Das, was gemeinhin von den geistig Kurzspringenden als Geistiges Eigentum tituliert wird, unterscheidet sich erheblich von materiellem Eigentum. Stehle ich zum Beispiel eine Uhr, so habe ich sie - und ihr Vorbesitzer nicht mehr. Immatierielle Rechtsgüter - und dies ist der akzeptierte Begriff - bleiben dagegen beim ursprünglichen Inhaber erhalten. Deshalb muss die Rechtsprechung entsprechend anders reagieren. 

Die gleichen Institutionen, die diesen Unterschied nicht begreifen (oder nicht begreifen wollen), faseln übrigens gern vom Internet als "rechtsfreiem Raum". Merkwürdig: Wieso kann Schramms Verlag dann gegen Raubkopien vorgehen?

Was halten Sie von der Anfrage der Bild-Zeitung, das Buch trotz Springers Positionierung zum Leistungsschutzgesetzt kostenlos auf bild.de anzubieten?

Nimmt noch irgendjemand den Springer-Verlag ernst? Raubkopien gehören für dieses Unternehmen zum Geschäftsalltag. Munter stahl die "Bild" ja zum Beispiel ein Sarrazin-Interview aus "Lettre", dann ein Kachelmann-Gespräch aus der "Zeit" und ein Satire-Motiv eines "Taz"-Redakteurs. Bei Springer wird Wasser gepredigt und Champagner kübelweise gesoffen. Axel Springer hätte seine Nachfolger längst vom Hof gejagt.

Ist von Verlags- und Medienseite aus eine Kampagne gegen diese Einstellung der Piraten zu erwarten?

Die Kampagne gegen die Piratenpartei läuft doch längst. Deutschlands Hauptstadtjournalisten hassen die Piraten, weil diese ihnen nicht so bequeme Zugänge liefern wie die anderen Parteien. Die Art und Weise, wie die Haltung der Partei entstellt und bewusst falsch dargestellt wird, hat mit Journalismus oft nichts zu tun - es ist purer Hass. Erinnern wir uns nur, wie die versammelte Journaille sich erhitzte, als die Piraten während ihres niedersächsischen Landesparteitags ein Drittel (!) des Saals zur privaten Zone erklärten, in der Kameras nicht zugelassen waren - unter anderem aus der berechtigten Angst, es könnten Bildschirme abgefilmt werden. Prompt bildete sich ein wütender Medienmob.


13 Kommentare

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Anonymous User 25. September 2012

Auf Wunsch von Thomas Knüwer haben wir einen anonymen Kommentar entfernt, durch den er sich persönlich verunglimpft fühlt. Thomas Knüwer hat uns außerdem gebeten, seine Reaktionen auf diesen Kommentar ebenfalls zu löschen. Dieser Bitte sind wir nachgekommen. W&V Online

Anonymous User 22. September 2012

Die Kommentarfolge zu lesen zeigt eine typische Dramaturgie für Zeiten wenn sich Geschäftsmodelle fundamental ändern. Getroffene Hunde bellen in einer einer äußerst unangenehmen Emotionalität und bestätigen damit aus meiner Sicht eindrucksvoll wo Thomas Knüwer und "Kollegen" den Finger in die Wunde legen. Ich empfehle in Zeiten der Veränderung gerne die Lektüre des kleinen Büchleins "Who moved my cheese" verbunden mit de Frage mit welcher der Charaktere man sich gerne identifizieren möchte

Veränderung bedeutet immer dass sich auch Rahmenbedingungen mit verändern müssen die früher funktioniert haben, jetzt aber nicht mehr. So auch der Umgang mit Begriffen, ihrer Bedeutung und dem rechtlichen Kontext. Und genau hier gilt es sehr wohl präzise und differenziert zu sein anstatt großzügig mit Unschärfe umzugehen nur um seine Pfründe zu verteidigen anstatt die Energie auf die Suche einer Lösung zu fokussieren.

Insofern Danke an TK und die sachlich Kommentierenden deren Sichtweise ich teile!

Anonymous User 21. September 2012

@hauptstadtjournalistin Sie haben die Netiquette gelesen und sich damit einverstanden erklärt. Bitte halten Sie sich daran. Wenn Sie in Sachfragen anderer Meinung sind als Thomas Knüwer, dann sind wir gespannt auf Ihre Argumente und nicht auf persönliche Unterstellungen. W&V Online

Anonymous User 20. September 2012

Oh, die Piraten haben also im Patentregister das Signet und den Schriftzug eingetragen und trinken deswegen Wein während sie Wasser predigen?

Ich empfehle mal das piratische Grundsatzprogramm zu lesen, da kann der ein oder andere noch was draus lernen bevor er sinnlos kommentiert.

Anonymous User 20. September 2012

Bravo, und Sternchen für Herrn Klüver der die Piraten wohl richtig erkannt hat. Ich schließe mich seiner Darstellung sehr gerne an.

Anonymous User 20. September 2012

:) einfach mal auf Patentamt.de gehen und mal kurz nachsehen was die Piraten selbst so für Marken eingetragen haben. Den Link zur Recherche Website gibt es hier: http://register.dpma.de/DPMAregister/marke/einsteiger bei Markeninhaber: Piratenpartei Deutschland eingeben und schon haben wir das, was wir auch bei allen anderen Parteien erleben: Wasser predigen, Wein trinken.

Anonymous User 20. September 2012

So richtig gut scheint die Aufklärung der Presse über die Piraten bislang nicht zu funktionieren, wenn man bedenkt, dass meine wohl gebildeten Vorkommentatoren noch nicht erkannt haben, dass es den Piraten bei einer Urheberrechtsreform darum geht, die Urheber - in diesem Fall Frau Schramm - in ihren Rechten zu stärken.
Dazu muss man zuerst den Unterschied zwischen immateriellen Gütern und physischem Eigentum akzeptieren. Erst dann kann man insbesondere andere Rechte bezüglich des immateriellen Gutes durchsetzen.
Es geht hier darum, einen Fehler im Gesetz durch eine bessere Alternative zu ersetzen.

Anonymous User 19. September 2012

Das ist doch pure Wortdreherei. Hat der gute Herr Jura studiert oder woher kommt die Erkenntnis als " Berater"

Lasst euch nicht verarschen. Das geistige Eigentum wird durch das Urheberrecht impliziert. Ich kann nur mit dem geistigem "Eigentum" Kohle machen.

Anonymous User 19. September 2012

Meine Güte, es steht doch jedem frei, "immaterielle Rechtsgüter" statt "geistiges Eigentum" zu sagen. Allerdings verweise ich darauf, dass sich "Jahresendfigur" für "Weihnachtsengel" genausowenig in allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen konnte wie "Elektronischer Selbstwähl-Fernsprechdienst" für "Festnetz-Telefonie".

Anonymous User 18. September 2012

@Jakob: Die Kommentare zur FAZ und SPON könnten aber auch auf jedes andere Medium und jede andere Partei passen.

Je nach Thema wir doch immer wieder eine neue Sau (Politiker/in) durch die Gazetten getrieben. Mal sind's die Piraten und viel häufiger sind andere Politiker.

Anonymous User 18. September 2012

TK scheint die Presse nicht genau studiert zu haben: Die FAZ ist zwischendurch zum Haus- und Hofblatt der Piraten mutiert, @afelia veröffentlicht da ja in schöner Regelmäßigkeit, der Herr Lauer war auch da und dem Kollegen Schirrmacher scheinen die Piraten auch nicht ganz unpassend zu sein. So gibt man sich mal ein neues Image.

SPON zieht nach, heute wieder schön mit Lauer und auch ansonsten wird doch weitgehend neutral bis positiv für die vielen Netz-Affinen über die Piraten berichtet.

Der neue Tenor der Piraten scheint aber insgesamt zu sein, dass sie benachteiligt werden. Die ansonsten ja sehr gediegend Kommunizierenden, die nie über eine Menschenseele lästern würden (schon gar nicht öffentlich), im Fokus einer Medienkampagne, die sie verunglimpft? "Wer Wind sät, wird Sturm ernten..."

Anonymous User 18. September 2012

Ich stimme allem zu. Bei der Aussage "Ich verstehe gar nicht, wo hier die Verwunderung herkommt." bin ich allerdings anderer Meinung.

In der Tat ist zwischen materiellen und immateriellen Eingentum zu unterscheiden. Immaterielles Eigentum würde gestohlen werden, wenn jemand die Inhalte des Buches als seine ausgibt ("guttenbergen"). Materieller Diebstahl ist, wenn jemand Frau Schramm ihr persönliches "haptisches" Buch stehlen würde.

In diesem Fall -so verstehe ich es - handelt es sich aber genau um das, was die Piraten fordern. Hier wird ein Buch (u.U.) "nichtkommerziell kopiert, zugänglich gemacht, gespeichert und genutzt". Und genau aus diesem Grund kann man hier schon eine Doppelmoral annehmen, wenn nun hiergegen vorgegangen wird.

... oder vielleicht sehe ich das völlig falsch...
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http://twitter.com/stelten

Anonymous User 18. September 2012

Hauptsache noch schnell irgendwas sagen, bevor der Shitstorm vorbei ist und man seinen Namen nicht mehr mit dem Thema irgendwie in Verbindung bringen kann und Klicks abgreifen. Derart wirren Unsinn ohne innere Kohärenz würde nicht mal Schramm selbst auf die gleichen Fragen von sich geben. Das Internet hat schon ein paar seltsame Figuren als Einwohner. Aber sie sind nicht die Mehrheit, sie schreien nur am lautesten.

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