Interview mit Zukunftsforscher :
"Der Trend Digitalisierung wird überschätzt"

Tröstende Worte an die Kreativen zum Jahresabschied: Zukunftsforscher Matthias Horx findet, dass der Trend zur Digitalisierung ziemlich überschätzt wird und bricht eine Lanze für den Faktor Mensch im kreativen Prozess. Ein Interview.

Text: W&V Redaktion

30. Dec. 2016 - 9 Kommentare

Matthias Horx ist einer der renommiertesten deutschen Zukunftsforscher.
Matthias Horx ist einer der renommiertesten deutschen Zukunftsforscher.

Tröstende Worte an die Kreativen zum Jahresabschied: Der Frankfurter Zukunftsforscher und Soziologe Matthias Horx findet, dass der Trend zur Digitalisierung überschätzt wird. "Ein alter Hut", sagt der Gründer des Zukunftsinstituts im Interview mit der dpa. Gerade im kreativen Bereich spiele der Mensch die Hauptrolle. Horx plädiert für einen achtsameren Umgang mit den Medien.

Herr Horx, Sie sind Zukunftsforscher und befassen sich mit den Trends von morgen. Welche gesellschaftlichen Phänomene werden die Menschen in Deutschland 2017 beschäftigen?

Der Hass-Populismus, das "Postfaktische Zeitalter" wird uns im nächsten Jahr verfolgen. Es ist ein typischer Zeitgeist-Wandel, wie er etwa alle 25 Jahre vorkommt, zum Beispiel 1968 und 1989. Alte Paradigmen und Denkweisen werden infrage gestellt. Plötzlich wirkt die Welt chaotisch unsicher, unberechenbar, nichts scheint mehr voraussagbar - auch keine Wahlergebnisse.

Der Begriff "postfaktisch" wurde zum Wort des Jahres gewählt. Er beschreibt das Phänomen, wenn die öffentliche Meinung weniger von Tatsachen als von Gefühlen und Ressentiments beeinflusst wird. Sie sprechen gleich von einem "postfaktischen Zeitalter"?

Das "postfaktische Zeitalter" bedeutet, dass eine Grundlage der Fortschritts-Idee - Verbesserung durch Kritik, Vernunft und Debatte - infrage gestellt wird. Gefühle überschwemmen die Gesellschaft und die Politik. Eine Art Angst-Hysterie bricht aus. Dabei spielen negative und übertriebene Angst-Bilder eine Rolle, die sich durch Sensations-Medien ausgebreitet haben.

Und positive Errungenschaften werden schnell ausgeblendet.

Ja, viele Daten der globalen Entwicklung sind ja positiv, Bildung, Lebenserwartung, Gesundheitszustand - hier hat es enorme globale Erfolge gegeben, auch in armen Ländern. Aber über Positives redet man nie. Gleichzeitig entwickeln sich im Internet die Filterblasen, in denen Menschen alles Mögliche glauben, aber nichts mehr verifizierbar ist. Immer mehr Menschen sind überfordert mit komplexen Themen und glauben dann eben, was im Netz verbreitet wird. Eine Art mentales Rudelverhalten.

Welcher Trend wird künftig viel stärker als wir denken?

Der Trend zur Achtsamkeit. Achtsamkeit ist einerseits ein neuer Innerlichkeits-Trend, der bedeutet, sich achtsam dem Kleinen, Nahen, Persönlichen zuzuwenden. Also durchaus ein bewusster Rückzug vom Gelärme der Welt, von den hysterischen Übertreibungen. Wir wollen mehr im Leben sein, wir wollen Gefühle und Zwischenmenschlichkeit spüren. Hier formiert sich eine geistige Gegenbewegung zu all dem Schreien und Brüllen und Hassen, das derzeit die Gesellschaft prägt.

Gelingt dies auch über einen achtsameren Umgang mit Medien?

Es geht darum, die Selbstbestimmung über den eigenen Geist wiederzugewinnen, besonders auch in der Kontrolle über den Mediengebrauch. Wir sehen, dass immer mehr Menschen das Gewüte, Gejammer und Geschreie in Medien und im Internet einfach abschalten.

Was ist ein überschätzter Trend, der aber in aller Munde ist?

Digitalisierung. Sie wird falsch und übertrieben eingeschätzt, wie auch aus unserem Zukunftsreport 2017 hervorgeht. Eigentlich ist Digitalisierung ein alter Hut, Computer und Rationalisierung verändern seit zwanzig, dreißig Jahren die Arbeitswelt. Aber heute wird Digitalisierung immer mit gigantischen Disruptionen gleichgesetzt, mit dem Zusammenbruch ganzer Märkte. Das ist übertrieben, Digitalität ist einfach nur ein gutes Instrument, das man nicht nur zur Rationalisierung, sondern auch zur Ermächtigung von Kunden und Mitarbeitern einsetzen kann. Die Horrorgeschichte, dass demnächst alle Jobs durch Roboter ersetzt werden, ist Blödsinn. Gerade in den Dienstleistungssektoren, im kreativen Bereich spielt der Mensch auch künftig die Hauptrolle.

Um dem Geschrei in sozialen Netzwerken und einigen Medien zu entgehen, lohnt sich die digitale Diät? Auch mal offline gehen?

In Amerika gibt es längst eine Bewegung der "digitalen Diät". Unsere Kommunikations- und Informationskanäle sind entzündet. Wir leben in einer Hyper-Erregungs-Welt - das macht auf Dauer krank. (dpa)


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W&V Redaktion
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9 Kommentare

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Anonymous User 11. Januar 2017

Horx; in den 90ern bin ich auf ihn gestoßen und blieb in seinem Bann. Leider kam aber dann nix mehr und ich verfolge seine Auftritte mit Traurigkeit. Er denkt immer noch in 1996 und ist dort stehengeblieben. Schwierig wird es immer dann wenn ein Sprecher als renommiert angekündigt wird, oder, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Anonymous User 3. Januar 2017

Welchen Trend hat denn Herr Horx jemals richtig vorhergesagt, dass er den Titel Zukunftsforscher, geschweige denn "einer der renommiertesten" verdient hätte? Jemand, der Ende der 90er Jahre erklärte, dass das Internet kein Massenmedium werde und jetzt immer noch denkt, Digitalisierung würde lediglich erweiterte Rationalisierung bedeuten, scheint vielmehr bereits seit 20 Jahren die Welt schon nicht mehr zu verstehen. Das einzige, das man ihm vielleicht attestieren kann, ist ein erfolgreiches Geschäftsmanndasein - aber Redaktionen wie Ihre sollte auf Qualität setzen und auf so jemanden nicht reinfallen.

Anonymous User 3. Januar 2017

Ich wage die These, dass er "The2nd machine age" nie gelesen hat. Nein, ich bin überzeugt. Das täte ihm m.E. ganz gut, nicht nur im eigenen Saft zu schmoren.

Anonymous User 2. Januar 2017

Wenn man von den Medien wahrgenommen werden möchte, ist die Verlockung groß, erst einmal eine steile These aufzustellen. In diesem Fall war die Aussage "Digitalisierung ist nichts Neues" wohl zu verlockend. Herr Horx scheint sich damit leider aufs Altenteil begeben zu haben. Schade!
Aber wer ein bisschen weiter denkt, kommt schnell auf die richtige Lösung (wie es ein Kommentar in der FAZ vor ein paar Tagen wunderbar beschrieben hatte):
Der fundamentale Unterschied zwischen "Computer von früher" und "Vernetzung von heute" ist - aha! - die Vernetzung.
Mit dem Markteintritt des iPhones (also faktisch mit der Herstellung des ersten richtigen Smartphones, so wie es heute benutzt wird) ist die Internetnutzung durch den Konsumenten quasi explodiert, hat die Vernetzung der Gesellschaft um Größenordnungen zugenommen und sich das Individualverhalten (soziale Netzwerke) dramatisch verändert. Das ist offenbar die Konnektivität.
Mit zunehmender Konnektivität verändert sich das Konsumverhalten des Einzelnen. Da jedes Unternehmen irgendwann jemanden anders beliefern muss, werden sich alle Unternehmen an dieser Veränderung ausrichten (müssen).
In der Folge wird Digitalisierung jeden Unternehmensbereich betreffen - und das ist eine allerdings vollkommen neue Situation, denn bisher konnte ein Blumenladen seine ökologische Nische ohne Computerwelt behaupten; in Zukunft wird auch er digital werden müssen.
Ich wage daher die Prognose, dass fast JEDES Unternehmen, das an der Digitalisierung nicht kompromisslos teilnimmt, vom Markt verdrängt werden wird. Das genau bedeutet die viel geschmähte Disruption.
Und mal ganz abgesehen davon, steht die Robotertechnik grad mal am Anfang ... da würde ich mich nicht trauen, irgendwelche Jobgarantien abzugeben.
Vielleicht wird ja irgendwann ein Unternehmensberater (wie ich) oder ein Zukunftsforscher durch eine Maschine ersetzt. "O brave new world that has such people in't." (W. Shakespeare)

Anonymous User 2. Januar 2017

Schliesse mich dem vorigen Kommentar an. Die Digitalisierung wird derzeit in Deutschland eher unterschätzt. Der selbe Herr sich bereits 2010 getäuscht. Leider. http://mobil.derstandard.at/1277337753402/Zeitfressende-Maschine-Von-Facebook-wird-in-fuenf-bis-sechs-Jahren-kein-Mensch-mehr-reden

Anonymous User 30. Dezember 2016

Er hat schon recht: Digitalisierung ist kein Trend (mehr), sondern schon seit mindestens einem Jahrzehnt Pflicht, in jeder Branche!

Anonymous User 30. Dezember 2016

http://www.wuv.de/marketing/das_sind_die_wertvollsten_unternehmen_der_welt

So viel zum Thema überschätzt.

Anonymous User 30. Dezember 2016

"Aber heute wird Digitalisierung immer mit gigantischen Disruptionen gleichgesetzt, mit dem Zusammenbruch ganzer Märkte. Das ist übertrieben.."

Das ist Realität. Wenn man nur mal bedenkt, wie viele Menschen von der Industrie in den Dienstleistungsbereich gewechselt sind über die Jahrzehnte. Hier zeichnet sich nicht nur die auf der einen Seite steigende Digitalisierung im Industriesektor ab, sondern auch der steigende Umsatz mit digitalen Produkten und Services. Wer das bezweifelt hat die Ausmaße der Digitalen Transformation bei weitem nicht erfasst. Und es geht weiter!

Ich bin der Meinung solche Zukunfts-"Forscher" werden überschätzt.

Anonymous User 30. Dezember 2016

Ich kann der Einschätzung, insbesondere was die Digitalisierung betrifft, überhaupt nicht beipflichten. Die Digitalisierung und Vernetzung hat einen ähnlichen Einfluss auf die Gesellschaft wie seinerzeit die Entdeckung der Elektrizität. Wir stehen erst am Anfang eines gesellschaftlichen Wandels, der mit der Generaton Y, den sog. Millennials begonnen hat.

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