Und positive Errungenschaften werden schnell ausgeblendet.

Ja, viele Daten der globalen Entwicklung sind ja positiv, Bildung, Lebenserwartung, Gesundheitszustand - hier hat es enorme globale Erfolge gegeben, auch in armen Ländern. Aber über Positives redet man nie. Gleichzeitig entwickeln sich im Internet die Filterblasen, in denen Menschen alles Mögliche glauben, aber nichts mehr verifizierbar ist. Immer mehr Menschen sind überfordert mit komplexen Themen und glauben dann eben, was im Netz verbreitet wird. Eine Art mentales Rudelverhalten.

Welcher Trend wird künftig viel stärker als wir denken?

Der Trend zur Achtsamkeit. Achtsamkeit ist einerseits ein neuer Innerlichkeits-Trend, der bedeutet, sich achtsam dem Kleinen, Nahen, Persönlichen zuzuwenden. Also durchaus ein bewusster Rückzug vom Gelärme der Welt, von den hysterischen Übertreibungen. Wir wollen mehr im Leben sein, wir wollen Gefühle und Zwischenmenschlichkeit spüren. Hier formiert sich eine geistige Gegenbewegung zu all dem Schreien und Brüllen und Hassen, das derzeit die Gesellschaft prägt.

Gelingt dies auch über einen achtsameren Umgang mit Medien?

Es geht darum, die Selbstbestimmung über den eigenen Geist wiederzugewinnen, besonders auch in der Kontrolle über den Mediengebrauch. Wir sehen, dass immer mehr Menschen das Gewüte, Gejammer und Geschreie in Medien und im Internet einfach abschalten.

Was ist ein überschätzter Trend, der aber in aller Munde ist?

Digitalisierung. Sie wird falsch und übertrieben eingeschätzt, wie auch aus unserem Zukunftsreport 2017 hervorgeht. Eigentlich ist Digitalisierung ein alter Hut, Computer und Rationalisierung verändern seit zwanzig, dreißig Jahren die Arbeitswelt. Aber heute wird Digitalisierung immer mit gigantischen Disruptionen gleichgesetzt, mit dem Zusammenbruch ganzer Märkte. Das ist übertrieben, Digitalität ist einfach nur ein gutes Instrument, das man nicht nur zur Rationalisierung, sondern auch zur Ermächtigung von Kunden und Mitarbeitern einsetzen kann. Die Horrorgeschichte, dass demnächst alle Jobs durch Roboter ersetzt werden, ist Blödsinn. Gerade in den Dienstleistungssektoren, im kreativen Bereich spielt der Mensch auch künftig die Hauptrolle.

Um dem Geschrei in sozialen Netzwerken und einigen Medien zu entgehen, lohnt sich die digitale Diät? Auch mal offline gehen?

In Amerika gibt es längst eine Bewegung der "digitalen Diät". Unsere Kommunikations- und Informationskanäle sind entzündet. Wir leben in einer Hyper-Erregungs-Welt - das macht auf Dauer krank. (dpa)


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W&V Redaktion
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