Das Silicon Valley ist längst das Las Vegas der Investoren. Ihnen geht es nicht um die nachhaltige Produktidee, sondern um den Bluff, um Rouge ou Noir, um die maximale Mehrung des Gewinns. Hätte George Orwell die Phantasie gehabt, Kapitalismus mit völlig überdrehten Mechanismen auszudenken, hätte er das Silicon Valley erfunden. 27 Milliarden Dollar stopfen Venture Capitalists in 1.400 Unternehmen pro Jahr, in Deutschland steht 900 Unternehmen lediglich eine einzige nette Milliarde Euro zur Verfügung.

Ein Venture Capitalist wie Pat Kenealy vom renommierten Ridge Ventures, dem einstigen IDG Ventures in San Francisco, prüft jährlich rund 1.000 Startups und junge Gründer. In 91 Unternehmen hat er 2017 investiert, darunter sind Firmen, die Anti-Adblocker-Software auf den Markt bringen, oder auch mal einen innovativen Büstenhalter. Was all die Erfinder eint, ist, dass keiner mehr mit seinem Namen für die Qualität seiner Geschäftsidee bürgt. Ein Werner Siemens, ein Gottlieb Daimler und Carl Benz, ein Claus Hipp, aber auch ein Richard Gruner und John Jahr bürgten mit ihrem Namen. Der spielt im Silicon Valley keine Rolle, kein Mark Zuckerberg, kein Stewart Butterfield traut sich das, denn Flickr, Slack und Facebook sind wie Einarmige Banditen, Slot Machines, die das schnelle Geld machen wollen. Fast alle new Companies tragen Neologismen als Markenname, coole Buchstabenkombinationen, die meist keinen Sinn ergeben oder das Akronym eines umständlichen Erklärungsversuchs sind, wie: Searchable Log of All Conversation and Knowledge, kurz Slack.

Und vor all diesem viel zu engstirnig, da rein digital denkenden Machtwerk fürchten sich Medienhäuser aus aller Welt? Natürlich kommt man sich als Verleger aus dem Niederrhein klein und hässlich vor, wenn man sieht, wie viele Menschen die Silicon-Medien erreichen, obwohl sie überhaupt keinen Content erstellen. Wie viel Werbeumsätze sie machen, obwohl sie weder qualitativ hochwertige, noch schadstoffarme Umfelder garantieren können. Hier wird nicht aus dem Glas getrunken, sondern aus dem Fass gesoffen. Und so ist es eine Art digitale Trunkenheit, die vom Silicon Valley aus die ganze Welt zum Taumeln bringt.

Weitere Inhalte und Eindrücke aus Seattle und dem Silicon Valley in der großen Titelstory der W&V (ET 15. Januar). Die Printausgabe erhalten Sie hier.


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.


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