#MeToo in Deutschland

Und dann noch der Blick auf Deutschland: Seit Oktober vergangenen Jahres wurden rund 180.000 #MeToo-Tweets in deutscher Sprache abgesetzt. Schaut man sich an, welche Worte in diesen Tweets häufig genutzt wurden, findet man neben "Debatte" oder "Frauen" auch sehr oft das Schlagwort #120db (rund 10.000-mal). Es steht für "120 Dezibel" - angelehnt an die Lautstärke eines handelsüblichen Taschenalarms. Es handelt sich dabei um eine rechte Gegenkampagne zu MeToo - sie ist nach eigenen Angaben ein Aufschrei "gegen importierte Gewalt" und möchte ein "Sprachrohr für jene Frauen werden, die Opfer von Ausländerkriminalität geworden sind".

Auch das Schlagwort #aufschrei wurde in #MeToo-Tweets mehr als 7000-mal genutzt. Im Jahr 2013 stand es stellvertretend für die Debatte um Alltagssexismus und sexuelle Übergriffe in Deutschland. Auf Twitter hat es allerdings viel von seiner Bedeutung eingebüßt. Es wird oft ironisch verwendet. Am erfolgreichsten ist die Nutzung bei Kritikern der damaligen #Aufschrei-Debatte, zudem wird der Hashtag auch von rechten Politikern verwendet, um auf eine angebliche Gleichgültigkeit gegenüber von Ausländern verübten Straftaten hinzuweisen.

Das einzige mediale Erdbeben in Deutschland gab es nach den Zeit-Berichten mit schweren Vorwürfen gegen Dieter Wedel, die bis hin zur Vergewaltigung reichen. Er bestreitet sie im Kern. Die Justiz ermittelt, mit noch offenem Ergebnis. Das ZDF fand nach einer internen Untersuchung keine Belege für sexuelle Übergriffe des Fernsehmannes. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt auch die Bavaria-Film. Allerdings sei festgestellt worden, dass Verhaltensweisen von Wedel gegenüber Mitarbeitenden" nach dem heute gültigen Verhaltenskodex der Bavaria Film Gruppe nicht tolerabel gewesen wären, heißt es in der Erklärung.

Werbung und Firmenkultur in Zeiten von #MeToo

"Insgesamt sind die Unternehmen sensibler geworden, was sexistische Werbung angeht", sagt Julia Busse, Geschäftsführerin des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW). "Werbung ist in erster Linie ein Spiegel der Gesellschaft und gibt Impulse. Es ist aber nicht ihre Aufgabe, den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben."

Das bedeutet auch: Wenn in der Wirklichkeit tatsächlich meist die Frauen den Haushalt schmeißen und die Männer den Rasen mähen, warum soll das im Werbeblock anders sein? Es ist ähnlich wie beim heute ziemlich verpönten Rauchen. Bei Werten und Rollenbildern wandelt sich die Gesellschaft ganz allmählich: Männer haben in der Werbung auch schon über Windeln geredet. Konservative betrauern den Verlust des Machos und ein Ende der Erotik. Keine echten Kerle und sexy Frauen mehr?

Stevie Schmiedel von der Protestkampagne Pinkstinks, die sich gegen Sexismus und starre Rollenbilder richtet, kennt diese Argumente. Es geht für sie nicht darum, Erotik oder Schlüpfrigkeiten zu verbieten. "Wir wollen nicht zensorisch sein", sagt sie. Eine Frau in Unterwäsche ist demnach als Motiv okay, wenn sie für Dessous wirbt. Nicht okay: wenn sie halbnackt für einen Sessel posiert.

Wenn Safthersteller True Fruits mit dem Wortspiel "Samenstau" Reklame macht, dann muss eine Gesellschaft das aushalten, findet Schmiedel. Der Preis Pinker Pudel würdigt Vielfalt in der Werbung. "Der Trend ist gerade, progressive Werbung zu stärken und weniger von Verboten zu sprechen."

Altherrenwitze und Sexismus: In den Motiven der kleinen und mittelständischen Firmen ist das laut Schmiedel immer noch verbreitet, wie sie an den Beschwerden sieht. "Wir sitzen hier wirklich mit offener Kinnlade." Aber seit der MeToo-Debatte hätten die Unternehmen verstärkt begonnen, über Sexismus zu reden.

Was die Kinderzimmer angeht, so bleibt Deutschland streng in Rosa und Hellblau geteilt, in getrennte Produkte für Mädchen und Jungen. "Es verkauft sich einfach zu gut." Interessant sei, zu sehen, wie unterschiedlich die Bilder auf den Produkten seien, vom Shampoo bis zum Puzzle, so Schmiedel. Die Jungen seien in Action zu sehen, in einer "Ich mach' mein Ding"-Pose. Die Mädchen hingegen schauten immer in die Kamera, nach dem Motto: "Bin ich schön?"

Kundinnen - gibt's erst mal nicht

Rollenbilder, die Ungerechtigkeit bei der Bezahlung von Frauen ("Paygap"), Sprache: Darüber wird viel geredet. In Sachen weibliche Anrede kassierte eine Klägerin gerade vor dem Bundesgerichtshof einen Dämpfer: "Kunde", "Kontoinhaber", "Sparer" - wenn's ums Geld geht, bleibt die Formularwelt männlich. Einen Anspruch auf weibliche Formen gibt es laut Justiz nicht. Das sei schließlich schon seit 2000 Jahren so, dass die männliche Form für beide Geschlechter gelte.

Die meisten Männer finden unsere Gesellschaft gleichberechtigt

56 Prozent der Erwachsenen in Deutschland finden es wichtig, über Sexismus und Missbrauch zu sprechen. Wenn es aber konkret wird, werden Risse vor allem zwischen den Geschlechtern deutlich. Wie eine repräsentative Yougov-Umfrage im Auftrag der dpa ergab, halten 27 Prozent eine Debatte über sexuelle Übergriffe, erlebte sexuelle Belästigung oder Machtmissbrauch für "weniger wichtig" oder "unwichtig". Der Rest machte keine Angabe.

Frauen (29 Prozent) finden das Thema häufiger "sehr wichtig" oder "äußerst wichtig" als Männer (19 Prozent). Generell sind Frauen und Männer uneins darüber, ob es hierzulande eine Gleichberechtigung der Geschlechter gibt. So antworteten nur 32 Prozent der Frauen mit Ja, bei den Männern dagegen 57 Prozent.

Auf die Frage, ob sie konkret von der in den USA begonnenen #MeToo-Debatte schon gehört haben, antworteten in der Yougov-Umfrage nur 53 Prozent mit Ja, 42 Prozent mit Nein. Bei den Männern waren es mehr als bei den Frauen (56 gegen 50 Prozent). Von denjenigen, die #MeToo kennen, meinen 44 Prozent, die Debatte habe keine Veränderung gebracht, 27 Prozent sehen eine positive und 12 Prozent eine negative Veränderung. 17 Prozent machten keine Angabe.

Frauen sehen eher eine positive Veränderung als Männer (31 gegen 24 Prozent). "Übertrieben" finden die #MeToo-Debatte laut Umfrage 43 Prozent (50 Prozent der Männer, 36 Prozent der Frauen). Genau richtig findet sie ein Drittel. "Die Debatte sollte aktuell noch stärker verfolgt werden", sagten 15 Prozent (Frauen 20, Männer 11 Prozent). dpa


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W&V Redaktion
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