Kommentar von Klaus Weise :
Keine Angst vor dem digitalen Mob!

Der Flughafen München durfte sich wegen seines Wintermarktes mit digitalen Krawallmachern auseinandersetzen und reagierte klug. Denn gegen die "Dummheit und Enthemmtheit mancher Shitstorms hilft nur das digitale Hausrecht", sagt Klaus Weise, Geschäftsführer von Serviceplan Public Relations. Warum, das lesen Sie in seinem Kommentar.

Text: W&V Leserautor

- 7 Kommentare

Dass etwas so Harmloses wie ein "Wintermarkt" einen heftigen Shitstorm auslösen kann, musste jüngst der Flughafen München erleben. Es hagelte tausende erzürnte und hetzerische Kommentare von Menschen, die Weihnachten und das christliche Abendland in Gefahr wähnen. Und dies nur, weil der Flughafen die Buden und die Eislaufbahn vor Terminal 2 nicht "Weihnachtsmarkt" nennt. Übrigens schon seit 2006. Die Flughafenbetreiber reagieren klug und zeigen, wie man mit digitalen Krawallmachern umgeht. Denn: "Gegen die Dummheit und Enthemmtheit mancher Shitstorms hilft nur das digitale Hausrecht". Ein Kommentar von Klaus Weise, Chef von Serviceplan Public Relations.

Xmas und die digitalen Krawallmacher

von Klaus Weise

Der kleinste Flughafen, den ich jemals gesehen habe, liegt in der Namib Wüste. Er ist eigentlich gar kein Flughafen: Ein Weg, auf dem die größeren Steine entfernt wurden, dient als Piste. Eine ziemlich windschiefe Holzhütte bietet Schatten – für maximal zwei Personen, aber nur falls diese nicht zu korpulent sind. Und eine zerfledderte Windhose verrät den wenigen Piloten die ungefähre Windrichtung. Das war es dann schon auch.

Der Flughafen München II "Franz Josef Strauss" ist so ziemlich die Antithese des minimalistischen Wüstenflughafens. 48 Restaurants und 97 Läden erwarten die Besucher. Man kann dort niveauvoller einkaufen und angenehmer essen als in einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt. Die flughafentypischen Öffnungszeiten der Shops sind der Alptraum jedes Verdi-Funktionärs. Wenn man wollte, könnte man den Münchner Flughafen als eine Shoppingmall mit angeschlossener Start- und Landebahn sehen.

Die offizielle Fanpage der Flughafen München GmbH auf Facebook hat beachtliche 109.000 Fans. Wie ein gut gemanagtes Einkaufszentrum kommuniziert der Münchner Flughafen auf allen Kanälen. Allerdings hat der Flughafen München auch eine Menge ziemlich hysterischer Gegner, die kürzlich auf seiner Facebook-Page einen Shitstorm der absurderen Sorte losgetreten haben.

Anlass der digitalen Empörungswelle war der sogenannte Wintermarkt des Flughafens, eine 600 Quadratmeter große Eisfläche samt Glühwein-  und Würstlbuden. Der Name Wintermarkt sei ein Einknicken gegenüber dem Islam, ein neuer Beweis dafür, wie Deutsche im eigenen Land diskriminiert würden, lautete der Kern des Vorwurfs. In über 15.000 Protest-Postings ließen offensichtlich aufgehetzte Wutbürger ihrem Ärger über die säkulare Namensgebung freien und ungehemmten Lauf. "Ist die Islamisierung in Deutschland schon so weit fortgeschritten, dass wir nicht mal mehr einen Weihnachtsmarkt haben dürfen?? Traurig!! Schämt euch!", wurde gepöbelt. Ein anderer abendländischer Wutbürger fragt sich: "Was ist denn der Wintermarkt? Ist das ein muslimisches Fest?"

Was aber an einer temporären Eislaufbahn mit Verkaufsständen explizit christlich sein soll, bleibt das Geheimnis des rechten Mobs. Und was ist bitteschön überhaupt christlich an all diesen winterlichen Outdoor-Verkaufsveranstaltungen, selbst wenn sie Weihnachtsmarkt oder gar Christkindlmarkt heißen? Nichts. Der Namensgeber dieser Märkte persönlich hat übrigens schon vor 2.000 Jahren die Händler aus dem Jerusalemer Tempel geworfen, weil ihn die Kommerzialisierung des Glaubens störte. Man kann Weihnachtsmärkte mögen oder auch nicht – religiöse Elemente enthalten sie bestenfalls in homöopathischen Dosen.

Historisch gehen die Weihnachtsmärkte zurück auf spätmittelalterliche Märkte, die den Bürgern zu Beginn der kalten Jahreszeit die Möglichkeit gaben, sich mit winterlichem Bedarf einzudecken. Im 14. Jahrhundert kam der Brauch auf, Handwerkern wie Spielzeugmachern, Korbflechtern oder Zuckerbäckern zu erlauben, Verkaufsstände auf dem Markt zu errichten. Religiöse Sinnstiftung war noch nie das Ziel der Weihnachtsmärkte. Im katholischen Worms wurde einem Pfarrer im Jahr 2014 sogar eine Bibellesung (!) auf dem Weihnachtsmarkt gerichtlich verboten. Die Lesung könne die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt stören, urteilte das zuständige Verwaltungsgericht.

Die Flughafen München GmbH hat auf den Shitstorm ziemlich nüchtern reagiert. Er verwies darauf, dass der Wintermarkt bereits seit dem Jahr 2006 diesen Namen trägt, weil er über die Weihnachtsfeiertage hinaus geöffnet habe. So viel zum Thema zunehmende Islamisierung des Abendlandes. Die Postings wurden getilgt.

Richtig so! Gegen die organisierte Hetze, die unter dem Deckmantel des Christentums blanken Hass predigt, hilft nur das digitale Hausrecht: Beiträge löschen, Autoren sperren. Und in der analogen Welt ist – in besonders krassen Fällen – der Gang zur Staatsanwaltschaft angezeigt. Im § 130  des Strafgesetzbuchs heißt es unter der Überschrift Volksverhetzung: "Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft".

Den treffendsten Beitrag zum Thema hat der Münchner Bürgermeister Dieter Reiter, Aufsichtsrat der Flughafen München GmbH, geliefert. In den sozialen Netzwerken im Internet habe er jüngst eine  "seltene Größenordnung an Dummheit und Enthemmtheit" ausgemacht, kommentierte der SPD Politiker. Er hat diese Wahrheit übrigens an einem sehr passenden Ort verkündet: von der Kanzel der Münchner Erlöserkirche.


Autor:

W&V Leserautor

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7 Kommentare

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Anonymous User 22. Dezember 2015

@aufreger:
Das ist nichts Neues. Das war auch vorher schon so. Das Internet entlarvt sie nur leichter.

Anonymous User 22. Dezember 2015

Manchmal hilft nur Satire: "Verdammte politische Korrektheit! Weihnachtsreifen heißen jetzt plötzlich Winterreifen" http://www.der-postillon.com/2015/12/verdammte-politische-korrektheit.html#more

Anonymous User 21. Dezember 2015

OT: "Die Postings wurden getilgt."
Und schon ist wieder der schöne Frieden hergestellt?
Nein ist er nicht!
Sei es wie es sei, aber es hallt nach.
Der intelligente Verantwortliche wird sich in Zukunft gut überlegen müssen ob er weiterhin althergebrachte Tradition ignoriert.
Auch wenn das der geneigte Weltbürger-Werber und öffentlich-rechtliche Volkspädagoge nicht war haben will.

Anonymous User 21. Dezember 2015

Im Artikel geht es darum, wie aus fachlicher Sicht mit Shitstorms dieser Art umgegangen wird. Klar, der Artikel beschreibt nur sehr oberflächlich das Krisenmanagement und kreist im Grund nur um die Ansage mit dem "…digitalem Hausrecht".

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Menschen argumentieren mit "Unsere Meinungsfreiheit ist damit abgeschafft", genauso wie sie in der Bezeichnung "Wintermarkt" die Islamisierung des Abendlandes erkennen wollen. So ticken Verschwörungstheoretiker (=Menschen, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen wollen und für alles was ihnen nicht passt einen Schuldigen suchen, eine Feindbildprojektion).

Wer ohne Feindbilder auskommt, lebt übrigens besser, leichter und glücklicher. Ich hab's ausprobiert. Mir fehlt nichts.
Empfehle ich als Vorsatz für das neue Jahr!

Anonymous User 21. Dezember 2015

So ein Schmarrn @Bürger und Demokrat!
Wo siehst du denn deine Meinungsfreiheit gefährdet? Richtig, Meinungsfreiheit endet(e) IMMER schon da, wo andere Rechte verletzt werden, gleich im folgenden Absatz (2) des Artikel 5. Das ist der entscheidende Punkt, den viele gerne überlesen. Was ist daran nun schlecht? Das sichert auch DEINE Rechte.
In unseren Deutschen Kinos läuft eine Hitler-Parodie "Er ist wieder da". Denkst du im Ernst, wenn wir so eine verbogene Gesetzgebung hätten, liefe sowas im Kino? Ich wüsste noch andere Beispiele... aber das

Anonymous User 21. Dezember 2015

Ich glaube das eigentlich Problem ist, dass die Dummen und Falschinformierten in der digitalen Welt mittlerweile die Oberhand haben. Pöbeln. Motzen. Beschweren. Selbst bei so unwichtigen Sachen wie einem Weihnachtsmarkt an einem Flughafen, der schon seit Jahren gar nicht so heißt. Und sich dann auf die Meinungsfreiheit beziehen, wenn man auf seine Dummheit hingewiesen wird. Vielleicht sollte man erstmal drüber nachdenken, ob alles wirklich SOOO schlimm ist, dass man hetzend durchs Internet pflügen muss.

Anonymous User 21. Dezember 2015

Was hier wirklich schlimm ist, ist dass bei uns die Meinungsfreiheit langsam den Bach runtergeht und sehr viele dazunoch Hurra rufen.
Wer nicht sich nicht trendgerecht und politisch korrekt verhält, wird diffamiert, ausgegrenzt und beleidigt.
Schon mal 1984 gelesen? Oder die nicht ganz so alte deutsche Geschichte studiert? Wie war das noch mit dem anderer Meinung sein, aber dafür einstehen, dass auch komplett anders denkende ihre Ansichten äußern dürfen?
Demokratie ist, wenn auch vermeintlich dumme und uninformierte sagen dürfen, was sie denken, ohne das gleich lauf "Verdammen! Verbieten! Verbrecher!" gerufen wird.

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