Reiseführer wie Lonely Planet machen kein Geld mit E-Books :
Lonely Planet & Co. sind als E-Books kaum gefragt

Reiseführer als E-Books setzen sich noch nicht durch. Bei einer bekannten Buch-Marke gehen die Verkaufszahlen sogar zurück.

Text: W&V Redaktion

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Beim Reiseführer Lonely Planet gehen die E-Book-Verkaufszahlen sogar zurück.
Beim Reiseführer Lonely Planet gehen die E-Book-Verkaufszahlen sogar zurück.

Deutsche Urlauber setzen auf Altbewährtes: Sie kaufen gedruckte Reiseführer. Die Nachfrage nach digitalen Versionen sei verhalten, heißt es aus der Verlagsbranche. Das Geschäft mit den elektronischen Büchern sei auf eher niedrigem Niveau geblieben, teilt der Michael Müller Verlag mit. E-Books hätten keinen Sprung gemacht, so Travel House Media ("Merian"). "Der Verkauf läuft mäßig", sagt die Chefin vom Peter Meyer Verlag, Annette Sievers, über ihre Digitalversionen. Und bei Lonely Planet gehen die Verkaufszahlen für E-Books seit 2014 sogar runter, nachdem sie zuvor gestiegen waren.

Bei der Tourismusmesse ITB, die noch bis zum 12. März in Berlin läuft, ist die Digitalisierung in der Reisebranche ein großes Thema - auch über elektronische Bücher wird gesprochen. Innovative Aufbruchstimmung herrscht hierbei nicht. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels spielen Reiseführer am E-Book-Markt kaum eine Rolle, ihr Umsatzanteil liegt bei nur etwa einem Prozent. MairDumont mit Titeln wie Baedeker macht zum Verlauf der Digitalgeschäfte keine Angaben, verweist aber auf stabile Zahlen beim Print. "Apps und mobile Zusatzangebote wie E-Books ersetzten den gedruckten Reiseführer keinesfalls", sagt eine Sprecherin.

Warum eigentlich nicht? Nirgendwo sonst ist das Gewicht eines Buches für Konsumenten so wichtig wie im Urlaub. Reiseführer, Wörterbuch, dazu noch ein Sprachführer mit Small-Talk-Tipps und noch eins, zwei Klassiker-Romane aus der Reiseregion - da ist der Koffer ruckzuck schwerer als beabsichtigt. Während der Belletristik-E-Book-Anteil im Büchermarkt deutlich gestiegen ist, bleiben digitale Reiseführer eher ein lästiges Pflichtprogramm für die Verlage. Davon jedenfalls ist Svenja Hagenhoff überzeugt, Buchwissenschaftlerin von der Universität Erlangen: "Die meisten Digitalprodukte der Reisebuch-Verlage sind schlicht und ergreifend schlecht."

Die Verlage investierten zwar durchaus in digitale Zusatzangebote, dies aber bestenfalls halbherzig. "E-Books sehen genauso aus wie Printversionen, damit lässt man das Potenzial an Zusatznutzen des digitalen Formats ungenutzt", moniert die Professorin. Dass man beispielsweise im E-Book genauso blättern müsse wie im haptischen Buch, sei lästig. Besser wäre es, wenn Reisende die für sie relevanten Kapitel bündeln könnten. "Anstatt das Printbuch einfach nur digital zu kopieren, sollte man ein komplett neues Produkt entwerfen", sagt Hagenhoff.

So könnte es hilfreich sein, wenn Reisende ihre Fotos oder Eindrücke im digitalen Führer abspeichern könnten, sagt die Wissenschaftlerin. "Gerade junge Menschen erwarten etwas anderes als ein digitales Abbild des Print-Reiseführers im Bücherschrank ihrer Eltern."

Beim Michael Müller Verlag machen E-Books nur einen Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich aus. Am fehlenden Angebot kann das nicht liegen - etwa drei Viertel der 220 Büchertitel gibt es auch elektronisch. "Unserer Meinung nach liegt die etwas schleppende Nachfrage an der Hardware, den Endgeräten", sagt Verlagssprecher Matthias Kröner. "Sie sind - gerade für angewandte Literatur, wie das Reiseführer nun einmal sind - noch nicht ausgefeilt genug." So sei die Kartendarstellung "suboptimal" gelöst. Man biete die Karten auch als kostenlose Downloads an, etwa für Tablets, oder zum Ausdrucken.

Also einen Reiseführer auf dem E-Reader lesen und dann zu einem anderen Elektrogerät greifen oder zum Papier? Wissenschaftlerin Hagenhoff schüttelt da nur den Kopf. "Mit so einer Praxis schöpft man das enorme Potenzial an Zusatz-Funktionalitäten von Reiseführer-E-Books noch nicht mal im Ansatz aus."

Die Chefin des Peter Meyer Verlags, Sievers, gibt zu bedenken, dass E-Guides angesichts der mäßigen Kartendarstellung generell nicht sehr verbraucherfreundlich seien. Zugleich verweist sie aber auch auf eine betriebswirtschaftlich schwierige Situation. Würde man innovative digitale Reiseführer mit Videos und anderen Zusatzkomponenten herausbringen, würden die Kosten deutlich ansteigen - zugleich erwarteten Verbraucher aber, dass E-Books billiger seien als Printversionen. "Das passt nicht zusammen", sagt Sievers.

Und wie geht es weiter? Unisono versichern die Branchenvertreter, weiter in Digitales zu investieren, sowohl in neue Webseiten-Angebote als auch in elektronische Bücher. "Es gibt eine klare Nachfrage nach E-Books", sagt Lonely-Planet-Manager Piers Pickard. Andererseits - es gibt gute Gründe, warum E-Books auch in der Zukunft einen schweren Stand haben könnten. So weist die Verlagsleiterin von Travel House Media, Michaela Lienemann, darauf hin, dass Reiseführer für viele Menschen auch ein Andenken seien. "Da spielt die haptische Präsenz im Buchregal daheim dann auch eine Rolle." (dpa)


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Anonymous User 10. März 2017

Die Verlage sollten mal aufwachen. Da verschläft eine ganze Branche den Trend. Reiseblogs, Apps und Services wie spotted by locals oder ganz einfach die Favoritenfunktion auf Google Maps haben bei jungen Leuten die Nase vorn. Alles schnell verfügbar und ohne Medienbruch auf dem Smartphone: Flugticket, Hotelreservierung, Stadtplan des Reiseziels etc. Ich verreise oft, plane komplett individuell und würde nie wieder einen Reiseführer mitschleppen, zumal die Bücher nach 2-3 Jahren ohnehin an Aktualität verloren haben. Auch eBooks ergeben - einmal gekauft - keinen Sinn, wenn sie nicht aktualisiert werden oder man keine Favoriten markieren kann oder es irgendwie interaktiv ist, sondern nur ein "Blätter-pdf". Und wer bereist schon mehrmals das gleiche Ziel und würde sich immer am selben Reiseführer orientieren? Normalerweise ist der Reiseführer nach dem Urlaub Schnee von gestern, Haptik kann ich zuhause auch individueller erzeugen - z.B. via Scrapbook mit Eintrittskarten und anderen Erinnerungen. Oder online direkt auf Instagram. Lonely Planet und Co. haben nur den Hauch einer Chance, wenn sie einen Mitgliederbereich aufbauen, in dem man Orte, Hotels etc. favorisieren kann und die Infos zu den Zielen an einem Ort - in der App - aktualisiert werden. Und wer qualitativ hochwertigen, nicht eingekauften/gesponsorten Content schätzt, gibt dafür sicher auch per Abomodell Geld aus. Oder duldet Werbung. Naja, und der Pauschal- oder Gruppenreisende braucht vor Ort eh nix, der wird ja vom Veranstalter versorgt.

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