Kommentar zum Facebook-Skandal :
Nach dem Daten-Gau das Warten auf die nächste Sau

Wer sich jetzt in der Branche über die von Facebook gesammelten Daten echauffiert, ist entweder völlig naiv, lebt von dieser Empörung oder - von einem vergleichbaren Geschäftsmodell.

Text: Bernd Rubel

W&V-Autor Bernd Rubel, Director of Development and Head of Social & Community von Mobilegeeks
W&V-Autor Bernd Rubel, Director of Development and Head of Social & Community von Mobilegeeks

Facebook in der Krise, Mark Zuckerberg in der Defensive, Investoren und ehemalige Geschäftspartner setzen das Unternehmen unter Druck, Politiker und Nutzer sind empört - die Meldungen zum (nicht neuen) Datenskandal rund um das Soziale Netzwerk überschlagen sich. Oink, oink, die Sau wird durchs Dorf getrieben - bis zum nächsten Skandal. Währenddessen verscherbeln unzählige staatliche Institutionen und Unternehmen auf der ganzen Welt weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit jeden nur denkbaren Datenschnipsel an den Meistbietenden.

Wer die vergangenen Tage unter einem Stein verbracht hat, benötigt vielleicht eine kurze Zusammenfassung, mehr erfährt man via Google (doch Vorsicht, die Suchanfrage wird gespeichert und in der Regel einem persönlichen Profil oder einer AdID zugeordnet).

Futter für Verschwörungstheoretiker

Also: Aleksandr Kogan, ein russisch-amerikanischer Wissenschaftler, beantragt bei Facebook die Zulassung eines "Psycho-Tests" via App und verscherbelt entgegen der zugrundeliegenden Vereinbarung die Daten der Befragten und Daten ihrer virtuellen Freunde an die Datenanalysefirma Cambridge Analytica. Deren Spezialität ist die Aufbereitung solcher Daten für Wahlkampagnen, zur prominenten Kundschaft gehören Brexit-Befürworter und Donald Trump. Den wiederum verbindet mit Cambridge Analytica auch die Freundschaft zu einem der Investoren, Robert Mercer. Der wiederum rangiert unter Verschwörungstheoretikern auf einem Level mit George Soros oder den Reptiloiden.

Aus diesen Daten kann die mit dem seriös klingenden Namen ausgestattete Firma angeblich Profile identifizieren, deren Inhaber besonders empfänglich für bestimmte politische Botschaften sind und so in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst werden. Spätestens an dieser Stelle zucken die ersten Online-Marketer vermutlich mit den Schultern - Tagesgeschäft, oder? Ob da nun "America first" oder "Kauf’ mich" steht, Werbung soll eben im Idealfall den Richtigen erreichen.

Nun, dass diese mit ähnlichen Methoden gewonnenen Daten u.U. keinen Pfifferling wert sind oder allenfalls die Streuverluste einer Kampagne minimieren, zeigte sich bereits, als im Dezember 2016 das erste Bömbchen platzte. Da zeigte sich allerdings auch, dass ausgerechnet die bereits damals überaus empörte "digitalen Bohème" selbst überhaupt kein Problem damit hat, völlig unreflektiert einen an "Fake News" grenzenden Artikel in den Newsfeed ihrer Freunde zu pushen.

Und? Wer löscht nun sein Facebook-Profil?

Um das einmal klar zu sagen: K(aum)einer von den Digitalverstehern, die bereits damals mahnend mit dem Fingerchen fuchtelten, hat im zurückliegenden Jahr sein Facebook-Profil gelöscht. Siebzig, achtzig, neunundneunzig Prozent all derer, die heute via Twitter (Apropos Twitter, MoPub trackt plattformübergreifend, oder?) ihren Followern zu #deleteFacebook raten, empören sich parallel dazu auch bei Facebook - oder, eigentlich noch viel auffälliger, tun dies dort nicht.

Wer sich jetzt überrascht gibt und über die von Facebook gesammelten Daten echauffiert, ist entweder völlig naiv, lebt von dieser Empörung oder, auch das muss man festhalten, lebt von einem durchaus vergleichbaren Geschäftsmodell. Wenn Sascha Lobo völlig zu recht auf die ganz profane Realität im Netz hinweist, dann laufen im Hintergrund der Spiegel Online Website die Tracker der nicht minder neugierigen Werbepartner und Agenturen. Und ich wage zu bezweifeln, dass der Verlag auch nur ansatzweise nachvollziehen kann (oder will), wo die Daten zum Leseverhalten und die daraus ableitbaren Rückschlüsse irgendwann einmal landen. Ja, sie erreichen vielleicht nicht unmittelbar das Level der Personifizierung, das Facebook als Soziales Netzwerk erreichen kann. Da helfen dann eben ein bisschen Fingerprinting und andere Mechanismen weiter.

Alexander Nix, der CEO von Cambridge Analytica, ist jedenfalls vorerst seinen Job los. Nicht, weil er Daten ausgewertet hat, wohlgemerkt - er hatte wohl ein seltsames Rechtsverständnis in anderen Bereichen. Mark Zuckerberg macht den Kotau vor seiner "Community" und dürfte ebenso wie seine Vertreter in anderen Ländern vor Untersuchungsausschüsse geladen werden, um seit Jahren auf dem Tisch liegende Fragen zu beantworten. Und das Netz? Das bleibt kaputt, ob mit oder ohne Facebook. Bis die nächste Sau um die Ecke kommt. Adblocker, anyone?

Nächste Hürde Datenschutz-Grundverordnung

Nein, Moment: Mit der neuen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stehen ja enorme Veränderungen an. Auf die ist allerdings kaum ein Unternehmen oder Online-Medium vorbereitet, wenn man den bisherigen Meldungen aus der Branche glaubt. Das wiederum könnte an den nahezu unmöglich umzusetzenden Hürden liegen, die Besucher jeder einzelnen piseligen Website zu einem Dutzend Einverständnis-Erklärungen nötigen, bevor sie einen Kommentar zu einem Artikel hinterlassen wollen. Fun Fact: Es gibt Blogs, die ihre bisher selbst gehosteten Kommentare vollständig zu Facebook auslagern möchten, weil die Rechtslage dort eindeutiger ist. Juchu.

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Marketing Technology Landscape, Quelle: chiefmartec.com

(Bild: Marketing Technology Landscape, Quelle: chiefmarket.com)