Shitstorm wegen Monkeygate :
Volkswagen hat einen Markenkern aus Teflon

Aufregung über Volkswagen ist eigentlich Zeitverschwendung, denn am Konzern perlt alles ab. Weil die öffentliche Empörung nur noch ritualisiertes Strohfeuer ist. Ein Kommentar von Frank Zimmer.

Text: Frank Zimmer

Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online bei W&V
Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online bei W&V

"Diesel-Versuche bringen Autobauer erneut in Bedrängnis", überschrieb die Nachrichtenagentur Reuters einen Überblicksartikel zum Thema Tier- und Menschenversuche für Volkswagen und andere Lieblingsmarken der Deutschen. Der Text ist gut und sachlich, aber die Headline hätte
ganz korrekt lauten müssen: "Diesel-Versuche bringen Autobauer erneut in Bedrängnis, aber nur für kurze Zeit, und spätestens nächste Woche regen sich die Leute über was anderes auf, weil irgendwas ist ja immer."

Das klingt zynisch, ist aber nur die Erkenntnis aus zweieinhalb Jahren Abgasskandal. Wenn ein globaler Mega-Markenartikler Kunden und Behörden vorsätzlich belügt und betrügt, ihnen finanziellen Schaden zufügt, ihnen Unannehmlichkeiten zumutet, sie je nach Herkunftsland ungleich behandelt und am Ende trotzdem noch Rekordzahlen schafft: Was soll ihm in der öffentlichen Debatte jetzt noch schaden? Falls Volkswagen so etwas wie einen Markenkern besitzen sollte, dann ist er mit Teflon beschichtet.

Öffentliche Kritik perlt besonders gut ab, wenn sie oberflächlich und heuchlerisch daherkommt. Für die Bundesregierung ist es leicht, Empörungs-PR zu zelebrieren ("Ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen") und "viele kritische Fragen aufzuwerfen". Anstrengender wäre es, im Diesel-Untersuchungsausschuss des Bundestages aufzupassen oder zumindest dessen Mitschriften zu lesen. Dort war nämlich schon 2016 von Tierversuchen die Rede, ohne dass es die Abgeordneten irgendeiner Partei interessiert hätte. Und nein, es fanden keine verbotenen Menschenversuche in der Garage von Dr. Mabuse statt, sondern Tests an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die nach Recht und Gesetz von der zuständigen Ethikkommission überprüft und genehmigt worden waren. Schade, dass die Bundesregierung das komplizierte Prozedere nicht kennt oder nicht kennen will, sondern lieber ein TV-taugliches Statement von Steffen Seibert raushauen lässt.

Und wir selber, die Konsumenten und Netzbürger? Wollen wir wirklich wissen, wer für die Ledersitze in unseren Autos gestorben ist und wie die Portion Chicken McNuggets neulich zustande kam? Wahrscheinlich nicht. Unsere alltägliche Inkonsequenz macht die üblen Tests für Volkswagen und andere Automarken nicht besser. Aber wenn moralische Empörung zum ritualisierten Strohfeuer wird, dann haben die Zyniker wirklich gewonnen.


Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.