Arbeitsbedingungen :
Warum der Primark-Shitstorm nach Guerilla-Kampagne aussieht

Schon zum wiederholten Mal ist die britische Billigmode-Kette Primark wegen der Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ihrer Produkte in die Kritik geraten. Und obwohl diese Kritik angesichts der niedrigen Preise für die Kleidungsstücke berechtigt sein dürfte, sieht das Auftauchen von eingenähten Hilferufen aus folgenden Gründen nach einer Kampagne aus, um gezielt den Shitstorm gegen Primark herbeizuführen.

Text: Franziska Mozart

26. Jun. 2014 - 8 Kommentare

Schon zum wiederholten Mal ist die britische Billigmode-Kette Primark wegen der Arbeitsbedingungen bei der Herstellung ihrer Produkte in die Kritik geraten. Und obwohl diese Kritik angesichts der niedrigen Preise für die Kleidungsstücke berechtigt sein dürfte, sieht das Auftauchen von eingenähten Hilferufen aus folgenden Gründen nach einer Kampagne aus, um gezielt den Shitstorm gegen Primark herbeizuführen:

Das zeitgleiche Auftauchen der Zettel

Zwei der eingenähten Zettel sollen die Kundinnen bei neu gekauften Kleidern gefunden haben. Auf dem einen stand "... forced to work exhausting hours", also etwa: "... zur Arbeit bis zur Erschöpfung gezwungen ...". Eine weitere Primark-Kundin habe einen Zettel mit der Aufschrift "degrading sweatshop conditions", auf Deutsch: "erniedrigende Sweatshop-Bedingungen" in ihrem Kleid vorgefunden.

Den dritten Zettel, den unter anderem die BBC online zeigt, sei versehen mit einer in asiatischen Schriftzeichen verfassten Klage einer Arbeitskraft, heißt es. Demnach müssten der Verfasser und seine Kollegen "wie Ochsen" arbeiten. Das Essen, das ihnen zur Verfügung gestellt werde, wäre für Tiere ungenießbar. Darüber seien in lateinischer Schrift die Worte "SOS! SOS! SOS!" zu lesen. Die Nachricht soll in den Gefangenenausweis eines chinesischen Gefängnisses eingelegt gewesen sein. Die Hose, in der die Primark-Kundin die Botschaft angeblich gefunden hat, soll sie schon seit Juni 2011 besitzen, bisher aber noch nie getragen worden haben.

Die geografische Verteilung der Zettel

Die beiden in englischer Sprache verfassten Zettel sollen in Kleidern gefunden worden sein, die im walisischen Swansea gekauft wurden, der dritte, asiatisch verfasste Zettel in Belfast. Alle drei tauchten also in Großbritannien auf. Dort ist Primark zwar besonders stark, doch bei insgesamt 250 Filialen, die Primark in Europa betreibt, ist die Konzentration auf das Königreich doch auffällig.

Die englische Sprache auf den Zetteln

In Bangladesch beispielsweise, wo Primark unter anderem produziert, sind geschätzt 70 Prozent der Frauen Analphabeten. Dass eine Näherin dort auch noch englische Wörter aufsticken könnte, dürfte äußerst unwahrscheinlich sein.

Ungereimtheiten bei den Verkaufsdaten der einzelnen Produkte

Primark behauptet in einer Pressemitteilung, die beiden in Swansea aufgetauchten Zettel seien auf Produkten aufgebracht gewesen, die bereits 2013 zuletzt im Sale waren. In den Medienberichte zu den Funden wird dagegen suggeriert, die Kleider wären neu gekauft worden. Die angeblich 2011 gekaufte Hose aus Belfast soll dagegen seit 2009 nicht mehr im Verkauf sein.

Ob es nun tatsächlich betroffene Näherinnen waren, die die Botschaften verbreitet haben, oder Helfer aus dem Westen, die eine Debatte über die Arbeitsbedingungen anstoßen wollten – der Plan ging auf. Internationale Medienberichte, Shitstorm im Social Web und Boykott-Aufrufe sind die Folge. Gleichzeitig wird bereits die Agentur gelobt, die hinter einer möglichen Guerilla-Kampagne stehen könnte.

Schon vor rund einem Jahr stürzte das Social-Responsibility-Kartenhaus von Primark zusammen mit dem Rana Plaza ein. Damals wurde bekannt, dass das Unternehmen Kleidung in der Fabrik in Bangladesch hatte fertigen lassen, deren Gebäude im April 2013 eingestürzt war und mehr als 1100 Billigarbeiter unter sich begraben hatte. (fm/app/pda)


8 Kommentare

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Anonymous User 3. September 2014

Warum glauben alle immer gleich das eine Agentur dahinter stecken könnte?
Das können auch Privatpersonen sein.
Mann muss nicht eine Agentur beauftragen um gute Ideen zu bekommen oder umzusetzen.

Anonymous User 27. Juni 2014

....billig ist auch eben billig! Ein Tshirt für weniger als 5 Piepen hält doch auch nur ein paar Tage/Wochen. Ergo, wird wieder ein Tshirt gekauft.
Ich habe auch nicht wirklich einen Goldesel im Keller stehen, aber ich bin zu arm um mir billiges zu kaufen. Der Müll hält eben icht lange!!
Unb btw FAIRTRADE ist auch nicht die Lösung. Die Produkte sind evtl. menschlicher hergestellt, doch was ist mit dem Workflow danach; Transport, Verkauf, Lager, ... und dann kaufen wir FAIRTRADE Produkte in den Läden, in welchen UNSERE EIGENEN LEUTE ausgebeutet werden (Schlecker, ...) Wo also ist das die Logik?! Billig ist MIST! Made in Germany sollte mal endlich wieder eine Qualitätsmerkmal sein! (siehe Trigema, jaja, ist auch irgendwie plakativ, aber er hat SCHIESSER überlebt.....warum wohl?!

Anonymous User 27. Juni 2014

Dass von 30% Alphabetisierungsquote geschlossen wird, dass 3 Zettel unwahrscheinlicherweise authentisch wären, finde ich kühn gefolgert.

Anonymous User 27. Juni 2014

Ich frage mich, was wohl mit einer Agentur / oder den Aktivisten passiert, wenn sie sich als Urheber der Zettelchen outen.

Wird Primark wegen Rufschädigung gegen die Personen vorgehen? Oder vielleicht die Hand schütteln und sich für den unglaublichen europaweiten Medien-Boost bedanken ("Mensch Leute, dank euch sind wir ohne Werbeausgaben in den Nachrichten der ganzen Welt! Das hätten wir nicht besser machen können!")?

Denn mal ehrlich, wer glaubt woanders andere Arbeitsbedingungen zu unterstützen, weil er das doppelte oder dreifache bezahlt liegt doch in den meisten Fällen falsch (wenn es sich nicht gerade um Firmen handelt, die ihr Marketing genau auf diese USP fokussiert, wie etwa American Apparell oder Trigema).

Der größte (Preis-) Unterschied bei den meisten Kleidungsstücken entsteht durch unterschiedliche Ausrichtung der Gewinnmaximierung (Stichwort Qualitätsführerschaft vs. Preisführerschaft) und der Kostenseite. Und da sind die Produktionskosten zu vernachlässigen.

Aber erklär das mal jemandem, der sich weigert sich über sowas Gedanken zu machen (weil Wirtschaft generell böse ist, und man damit nichts zu tun haben will). Das sind leider gefühlte 90% der Deutschen. Sie fragen sich zwar "HÄ? Wieso kann ich mir fürs gleiche Geld bei Primark 3 Hosen kaufen, während ich bei H&M nur eine bekomme?". Können es sich aber nur so erklären, dass die Produkzenten ausgebeutet werden.

Das wird zu ihrer Wirklichkeit, und das findet man dann auch in der öffentlichen Diskussion. Dass es aber noch andere Faktoren gibt, wissen sie einfach nicht. Oder habt ihr mal in irgendeiner Diskussionsrunde jemanden Statistiken über den Anteil der Produktionskosten am Verkaufserlös zitieren hören? Sicher nicht! Sie sind nämlich äußerst gering und würden diese ganze Diskussion ad absurdum führen: Allein die Stellschraube an diesem Faktor KANN GARANTIERT keine Preisveränderung von 300% ausmachen. Nichtmal von 40%.

Ein viel größerer Anteil am Endkundenpreis sind andere Dinge. Da wären Marketing (größter Anteil!), Logistik, Lager, Ladenmieten, Verkaufspersonal, etc. Das müsste man einem WUV-Leser vermutlich gar nicht aufzählen?

Und nun kommen wir also zu meiner anfangs erwähnten Frage: Wer seine Markenbekanntheit steigern will, ohne Milliarden an Werbebudget auszugeben, der lässt einfach mal einen möglichst großen Shitsorm über sich ergehen. Diese eingesparten Milliarden muss man dann nicht wieder rein holen, indem man seine Produkte teurer macht...

In diesem Sinne: Viel Spass beim Aufregen. Aber lasst euch nicht für dumm verkaufen!

Anonymous User 27. Juni 2014

Die Billig-Spirale zeigt nur einen Weg auf - jenen nach unten. Egal in welcher Branche. Billig ist in jedem Fall problematisch. Logisch ist, dass die untersten Einkommenschichten am meisten darunter leiden, dh. am eigenen Ast sägen.
Viel besser wäre das Motto: "weniger ist mehr"

Anonymous User 27. Juni 2014

Es gibt mittlerweile Kleidung die Fairtrade-Label trägt und es wir mehr, aber nur wenn wir alle darauf achten.
Natürlich entscheidet jeder von uns jeden Tag in welcher Welt wir leben wollen. Wenn wir gerne viel und am billigsten einkaufen, dann ist das ein klares Zeichen and die Unternehmen. Selbst wenn auch teure Marken in Bangladesh produziert werden – noch, denn ich hänge alles zurück, was nicht in Europa produziert wurde oder mit Fairtrade gekennzeichnet ist. Wenn das alle täten, wäre das Problem schnell gelöst. Aber beim Einkaufen ist das Volk dann doch zu bequem und zu geizig. Wie viel neue Klamotten braucht der Mensch eigentlich und gibt es nicht bessere Hobbys als Shoppen? ... Keine Sorge, ich kaufe wenig, aber qualitativ und wer sich über mein Aussehen jetzt Sorgen machen sollte ... Ich bin trotzdem eine "Bombe", wie die Franzosen sich ausdrücken würden.

Anonymous User 26. Juni 2014

Der Preis sagt nur leider wenig darüber aus, in welchen Ländern die Produkte produziert werden, bzw. wie fair die Hersteller mit ihren Arbeitern umgehen.

Viele große Betriebe, die auch teure "Qualitätsware" anbieten, lassen ihre Produkte in Indien oder gar noch ärmeren Regionen herstellen.

Der Preis sagt weder etwas über die Qualität, noch die Arbeitsbedingungen in der Produktion aus.

Ich denke nicht, dass das Taten von Unterstützern aus westlichen Ländern sind. Woher stammen die Informationen WANN das Produkt zuletzt verkauft wurde? Auf dem Bild kann man das bei einer derart großen Fülle an Produkten wohl nicht erkennen.

Und wenn eine Frau in Bangladesh lesen und schreiben lernt, wäre es doch auch gut möglich, dass sie das gleich auf Englisch macht..

Ob Fake oder nicht, ich glaube die Firmen sollten alle etwas transparenter arbeiten. Scheinbar machen noch immer nur die Abzocker großes Geld.

Anonymous User 26. Juni 2014

Ich denke, wer solche Billig-Klamotten kauft, sei es von Primark, KIK oder wie sie alle heißen, der nimmt so etwas halt billigend in Kauf. Natürlich kann sich nicht jeder die teuersten Kleider leisten, aber diese ganze Billig-Industrie zu unterstützen halte ich für Sparen am falschen Ende. Und die Näherinnen bezahlen unser "Geiz ist geil" mit dem Leben - traurig....
Ob die Etiketten nun echt sind oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Nachdenklich machen sollte es einen schon!

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