Unternehmenskultur :
Yahoo-Debatte: Deutsche Chefs verteidigen Home Office

Yahoo verbietet das Home Office: Ein Vorbild für die Kreativbranche? Die Personalchefs der Branche, von Google bis Axel Springer, von Serviceplan und Unilever bis Telekom, verteidigen gegenüber W&V vehement das flexible Arbeiten.

Text: Anja Janotta

Yahoo holt seine Mitarbeiter zurück ins Büro: Home Office ist künftig für die Angestellten der Suchmaschine gestrichen. Eine umstrittene Entscheidung, denn eigentlich ist das Home Office die Heilige Kuh für moderne Arbeitgeber. Die Mitarbeiter sind in ihrer Wohnumgebung kreativer und ungestörter und kommen zu besseren Ergebnissen, haben manche Studien gezeigt. Eltern können ihren Arbeitsalltag besser koordinieren, wenn sie von Zuhause agieren. Nun dreht Yahoo die Zeit zurück und will die Mitarbeiter zu mehr Austausch und Zusammenarbeit vor Ort animieren.

Wir haben uns in der Branche umgehört: Ist Home Office heute nicht ein Muss für kreative, moderne Arbeitgeber? Wie halten sie es mit Mitarbeitern, die von zu Hause arbeiten wollen? Wie gestalten sie den Abstimmungsprozess?

Vorreiter in Sachen moderner Arbeitseinsatz sind - wie immer - die Internet- und Telekommunikationsunternehmen. Google, unter den Studenten immer noch beliebtester Wunscharbeitgeber, macht es den Mitarbeitern einfach schwer, sich für das Home-Office und gegen das Wohlfühl-Feeling im Google-Headquarter zu entscheiden. "Grundsätzlich arbeiten die Google Mitarbeiter im Büro," sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel, wo man ein  "außergewöhnlich schönes Arbeitsumfeld mit Annehmlichkeiten wie kostenloses Essen, Massagen und Sportmöglichkeiten" biete. Aber bei Bedarf könne ein Mitarbeiter Home-Office-Days nehmen, dieser müssten mit den Managern abgesprochen werden. Über browserbasierter Kommunikations-Tools könnten sich die Mitarbeiter bestens austauschen.

Auch für Telefonica ist Home Office gang und gäbe. "Uns ist es wichtig, dass die Arbeit gut erledigt wird. Wann und wo dies geschieht, ist zweitrangig," sagt Joachim Kugoth, Managing Director Human Resources bei Telefónica in Deutschland. Zur Vertrauensarbeitszeit gehöre auch die Möglichkeit, zuhause zu arbeiten. Das Ergebnis zähle, betont auch ein Telekom-Sprecher gegenüber W&V. In einem internationalen Konzern würde Arbeiten in virtuellen Teams immer wichtiger. Und noch ein Argument dafür: "Unser Unternehmen stellt ja selber entsprechende Lösungen und Produkte zur Verfügung, um virtuelles, flexibles Arbeiten zu fördern."

Axel Springer betont vor allem die Familienfreundlichkeit von modernen Arbeitszeitmodellen. Alexander Schmid-Lossberg, Leiter des Geschäftsführungsbereichs Personal: "Ein Trend, den wir zunehmend erkennen können, ist der Wunsch und das Interesse von Vätern und Müttern, auch während der Elternzeit mit den Kollegen im Austausch zu bleiben. Dies ermöglicht ihnen einen schnelleren Wiedereinstieg. Hierfür haben wir ein spezielles Elternzeitprogramm entwickelt." Flexibles Arbeiten und Teilzeitmodelle gehören auch hier zum Standard.

Auf individuelle Modelle setzt Gruner + Jahr. Es gebe "keine allgemein gültigen Regelungen zum Arbeiten von zuhause" heißt es in einem Statement aus Hamburg. Die Modelle würden "auf die Bedürfnisse des Mitarbeiters und der konkreten Abteilung individuell angepasst".

Arbeitswelt und Arbeitsumfeld haben sich im 21. Jahrhundert fundamental geändert - diese Erkenntnis führt auch bei Unilever dazu, dass nicht "mehr die Präsenz am Arbeitsplatz, sondern das Ergebnis der Arbeit" entscheidend ist, heißt es aus der Presseabteilung. Denn: "Genauso wie sich das Arbeitsumfeld geändert hat, haben sich auch die Ansprüche und Einstellungen insbesondere jüngerer Mitarbeiter gewandelt. Eine ausgewogene Work-Life-Balance rückt immer mehr in den Fokus – ohne dabei auf eine Karriere verzichten zu wollen." Unilever will dieser Entwicklung mit dem "Agile-Working-Ansatz" Rechnung tragen. Das heißt: Die Mitarbeiter sollen möglichst flexibel arbeiten können, um Privates und Berufliches besser zu vereinbaren. So ist bei Unilever Arbeiten von zu Hause oder von unterwegs möglich, und das bei freier Zeiteinteilung. Die Arbeitszeiten richten sich beispielsweise nach den Öffnungszeiten von Kinderbetreuungsstätten oder Schulen. "Im Prinzip gilt der Agile-Working-Ansatz für alle unsere Mitarbeiter, unabhängig von der Hierarchie-Ebene. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur die Mitarbeiter, deren Arbeitsplatz eine örtliche Präsenz erfordert, wie beispielsweise in der Produktion oder im Facility Management", erklärt das Unternehmen. Unilever sieht dabei klare Vorteile für das ganze Unternehmen und die Umwelt: Video- und Telefonkonferenzen ersparen weite Reisen. Auch die Anfahrten in das Büro können so reduziert werden.

Und wie sieht es bei den Agenturen aus?

Auf völliges Unverständnis stößt der Vorstoß von Yahoo bei Christine Römpp, PR-Managerin bei Scholz & Volkmer. Sie arbeite einfach effektiver zuhause, sagt sie. Auch ihr Chef Peter Post, Geschäftsführer der Wiesbadener Digitalagentur, unterstreicht, wie wichtig Ruhe im kreativen Prozess ist. Die Home-Office-Regelung sei "vor allem gedacht, um konzentriert und ohne Störung arbeiten zu können. Auch in der Agentur haben wir täglich zwei Stunden, in denen wir einander nicht stören. Sozialer Austausch und Zusammenarbeit sind uns sehr wichtig, aber viele Aufgaben löst man eben solistisch." Die Agentur setzt deutlich auf flexible Arbeitsmodelle: "Wir haben einen Piloten mit einem Social Business Team, das gar keine Anwesenheitspflicht mehr hat. Vertrauen ist dabei immer die Basis."

Nicht wegzudenken ist das Home-Office auch bei der Münchner Serviceplan-Gruppe. Die Home-Office-Möglickeiten sollen dort sogar noch ausgbaut werden. Aber  Personalchef Jens Plath schränkt auch ein: "Dennoch sind bei uns viele Jobs auch im Team zu erledigen und daher schauen wir immer individuell, wie und wann Home-Office-Tätigkeiten möglich und auch sinnvoll sind."

Nele Schnieder, Personalchefin von Scholz & Friends Berlin, haut in die selbe Kerbe: Weil Agentur-Business People-Business sei, wird es "auch künftig unabdingbar sein, zu bestimmten Zeiten persönlich vor Ort zu sein." Aber: "Dauernde Anwesenheit ist jedoch ein Modell der Vergangenheit." Auch bei Scholz & Friends komme man mit neuen Modellen den Mitarbeitern entgegen.
aj/ps/lr/fs


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.