Recruiting von Bauer bis Spiegel :
Wie sich große Zeitschriftenhäuser verändern

SEO, Programmatic, Big Data: Bauer, Burda, Spiegel, G+J und Condé Nast bauen neue Geschäftsfelder auf. Mit neuem, aber auch mit bewährtem Personal. 

Text: Petra Schwegler

04. Apr. 2017

Markus Hüßmann, Managing Director der Bauer Xcel Media Deutschland.
Markus Hüßmann, Managing Director der Bauer Xcel Media Deutschland.

Wenn klassische Printhäuser auf digitale Quereinsteiger treffen, prallen oft Welten aufeinander. Denkt man. Doch in der Praxis halten immer mehr digitale Kenner und Quereinsteiger in Verlagen Einzug. Sie geben damit einer These des Münchner Headhunters Markus Böhler Recht, der in einem Interview mit W&V betont: "Es hängt stark davon ab, ob es in einem Verlag eine klare digitale Strategie gibt, die auch funktioniert. Weiter ist entscheidend, ob die Handelnden Gestaltungsspielraum haben und ob im Unternehmen der Wille zur Transformation spürbar ist."

Beispiel Bauer: Das Hamburger Verlag sieht sich "sowohl in Print als auch im Radio und digital als international agierendes, erfolgreiches, innovatives Medienunternehmen gut aufgestellt". Und damit nach Böhlers These als Arbeitgeber attraktiv.

Entscheidend bei der Suche nach neuen Mitarbeitern ist für Markus Hüßmann, Managing Director der Bauer Xcel Media Deutschland, "Spezialisten für alle relevanten Bereiche zu finden, egal ob sie aus mediennahen oder medienfernen Branchen kommen". Voraussetzung: "Alle Mitarbeiter sollten das Digital-Gen gepaart mit dem Bauer-Gen haben – also Agilität, Effizienz kombiniert mit Innovationsfreude."

Für welche neuen Bereiche Burda Stellen aussschreibt

Auch bei Burda sprechen Personalien, die das Medienunternehmen in den vergangenen Monaten verkünden konnte, eine klare Sprache. Mit Christian Essling kam beispielsweise ein Head of Analytics zur Tochter Burda Forward, der dort seit September die Analyticsabteilung leitet und nun eine Datengrundlage aufbaut, um Projekten mit maschinellem Lernen durchführen zu können. Oder Jörg Haller. Als Director Strategy entwickelt er seit rund einem Jahr die Monetarisierungsstrategie für Cliqz, Mehrheitsbeteiligung von Burda und erster Browser mit integrierter Suchmaschine.

Christian Essling.

Daniel Bosen, einst unter anderem für Maxdome bei ProSiebenSat.1 tätig, ist seit knapp eineinhalb Jahren Lead Developer hinter dem Projekt Thunder, Burda-Content-Management-System. Und Nina Zimmermann, Digitalexpertin mit Stationen wie T-Online, Bertelsmann und Ricardo.de, wirkt als Managing Director Burda Studios Publishing seit einem Jahr für Bunte.de, Tracdelight, WoM oder Musicstarter.

Alles in allem heißt es bei Burda: "In jüngster Zeit haben wir vor allen Dingen Führungskräfte mit ausgeprägter Digitalexpertise eingestellt, darunter IT-Spezialisten wie Softwareentwickler und Datenanalysten, aber auch Mitarbeiter auf Director- und Head-Ebene, deren Kenntnisse sich auf die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle, Produktmanagement, Publishing, E-Commerce und Monetarisierungsstrategien beziehen." Sie ergänzen nun das Team des Medienhauses als Treiber der digitalen Transformation. Für die Burda schon neue Ziele ausgegeben hat: Chatbots, künstliche Intelligenz, Programmatic Print.

Wie SEO und Big Data bei Condé Nast Einzug hält

Big Data hält natürlich auch Print auf Trab. So hat Condé Nast gerade den Posten "Head of Digital Audience Development" geschaffen und mit Patrick Rexroth besetzt, Experte für SEO, Social Media und Webanalyse. Zuvor hat der 38-Jährige das Startup Pakx mitgegründet, das Pakete zum Wunschtermin liefert, und für Yahoo als Head of SEO EMEA gearbeitet.

SEO-Experte Patrick Rexrodt.

Beim Münchner Zeitschriftenhaus sitzt Rexroth nun seit März als Head of Digital Audience Development daran, "die User unserer digitalen Produkte auf Basis von Datenanalysen bestmöglich zu verstehen und durch die synergetische Vernetzung von SEO, Social Media und Performance Marketing die Reichweiten und Nutzerbindung zu steigern", wie es Krischan Lehmann, Digital Director bei Condé Nast, formuliert.

Interessant: Der Verlag hatte diese Stelle ausgeschrieben und nach eigenen Angaben "haben sich zahlreiche Bewerber darauf gemeldet – in diesem gefragten Feld keine Selbstverständlichkeit", so Lehmann. Die rege Nachfrage begründet Digitalmanager Lehmann "mit einer aussagekräftigen, englischsprachigen Ausschreibung und einer interessanten Job-Description, die persönlichen Gestaltungsspielraum bietet".

Wo beim "Spiegel" Quereinsteiger gefragt sind

Viele Verlage haben passende Mitarbeiter für die Transformation schon im Haus, bestücken mit ihnen neue Geschäftsbereiche, bilden sie weiter. Unternehmen wie der "Spiegel" vertrauen auf langjährige Mitarbeiter. Christian Goedecke, beim "Spiegel" seit Anfang 2017 Leiter des neuen integrierten Produktmanagements, kam bereits 2006 ins Haus. Christina Elmer wurde als Expertin und Ressortleiterin für Datenjournalismus vor wenigen Wochen Mitglied der Chefredaktion von Spiegel Online.

Christina Elmer.

Sehr gezielt holt der "Spiegel" Verstärkung von außen. So ist Timo Lokoschat seit August 2016 redaktioneller Projektleiter für das neue digitale Produkt Spiegel Daily. Das kostenpflichtige tägliche Angebot ist ein weiterer Baustein im Paid-Content-Angebot der Gruppe. Lokoschat kommt von der "Abendzeitung" in München, wo er zuletzt als stellvertretender Chefredakteur für Politik, Wirtschaft und Panorama verantwortlich war.

Neue Anforderungen für neue Abteilungen: Die Tochter Spiegel Tech Lab konzipiert und entwickelt unter der Leitung von André Basse Mobil- und Web-Angebote sowie neue Apps für die ganze Verlagsgruppe. Dort wirken 12 Mitarbeiter: Neben acht Entwicklern arbeiten zwei Designer und zwei Produktmanager in dem Tochterunternehmen. Ausbildung und beruflicher Werdegang sind sehr unterschiedlich: Informatiker, die bereits als Selbständige tätig waren, arbeiten beispielsweise mit jungen Uniabsolventen zusammen. Für die agilen Arbeitsmethoden im Lab ist ein besonderes Jobprofil gefragt – "neben einem guten fachlichen Wissen eine hohe soziale Kompetenz und einen hohen Grad an Selbstständigkeit", wie es heißt.

Wenn digital allein nicht mehr reicht

Ebenfalls in Hamburg hat sich Gruner + Jahr für die digitale Zukunft aufgestellt. Die Bilanz fürs Jahr 2016 gibt dem neuen Kurs recht. Arne Wolter, Chief Digital Officer G+J, macht den Wandel gar nicht so sehr an einzelnen Posten auf Managementebene fest. Vielmehr teste und entwickle das Haus "komplett neue Produkte rund um unsere starken Digital-Marken". Ihm sind das "Innovationsvehikel" Greenhouse und der Digitalfonds G+J Digital Ventures wichtig. Im Innovation Lab darf das Team unter der Leitung von Jens Uehlecke, Managing Director G+J Greenhouse, Ideen testen, validieren und zur Reife bringen oder bei G+J integrieren.

Jens Uehlecke, Managing Director G+J Greenhouse.

Wie Gruner + Jahr die etablierten Marken weiterentwickelt, zeigt das Beispiel G+J Digital Products innerhalb von G+J Digital. In Zusammenarbeit mit Redaktionen und Verlagsbereichen in den Communities of Interest des Hauses entwickelt, launcht und betreibt G+J Digital Products Websites, E-Mags und Apps für über 40 Medienmarken wie "Stern", "Brigitte" oder "Gala". An der Spitze der Unit stehen Carina Laudage als Digital Business Director und Walter Sinowski, Director Technology G+J Digital Products.

Digital allein reicht nicht mehr – mobile engagiert sich der Verlag über Ligatus, Performance-Marketing Dienstleister von G+J. Er hat 2016 die Demand-Side-Platform LiquidM übernommen. "Die Akquisition unterstreicht einen ganz wesentlichen Baustein in der digitalen Wachstumsstrategie von Gruner + Jahr: Mobile ist die erste Priorität im Digitalen." Das bezieht Gruner + Jahr sowohl auf die Produkte als auch auf die Vermarktung – und verkündet: "Mit der Übernahme von LiquidM ist Ligatus führender Native Advertising Anbieter in Europa geworden."

ps/mp

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Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.



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