Recruiting :
Bewerbung 4.0 bei Otto: Ohne Anschreiben und per "Du"

Bei Otto wird über alle Ebenen hinweg geduzt. Auch die Bewerber bekommen gleich das "Du" angeboten. Denn der Konzern will beim Recruiting Hürden abbauen und es Bewerbern künftig möglichst einfach machen.

Text: Anja Janotta

Nicole Heinrich ist Chefin des Personalmarketings bei Otto.
Nicole Heinrich ist Chefin des Personalmarketings bei Otto.

Im Januar hat Versandhändler Otto das allgemeine "Du" im Unternehmen eingeführt. Eine Art "äußeres Zeichen, dass etwas Neues beginnt, eine Art verbaler Startschuss für etwas viel Größeres, nämlich unseren Kulturwandel 4.0.," so erklärte Hans-Otto Schrader den Schritt in einem Artikel bei Xing Klartext. Nun sollen auch schon die Bewerber und potenzielle Mitarbeiter auf Augenhöhe mit ihren Kollegen und Chefs kommunizieren können. Wenn sie wollen, können sie gleich mit einem Du in den Bewerbungsprozess einsteigen. "Vorteile für beide Seiten: der Bewerber verliert seine Aufregung, die Recruiter erleben einen relaxten Kandidaten," begründet das Unternehmen den Schnitt.

Nicole Heinrich, Ausbildungsleiterin und Chefin des Personalmarketings, will es den Bewerbern möglichst einfach machen. Deswegen können sie - bei Bedarf - künftig auch auf umständliche Anschreiben verzichten und nur ein Bewerbungsformular online einreichen. Stattdessen können sie eine Motivationsfrage beantworten und so ihren utnerlagen etwas Persönliches mitgeben. Auf ihrem Profil können sie dann jederzeit mitverfolgen, in welchem Stadium ihre Bewerbung gerade ist - ähnlich einer Paketverfolgung im Netz. Daneben wirken der Azubi-Blog und ein umfangreicher FAQ-Bereich, wie Otto sie daneben auch noch pflegt, fast schon als altmodische 2.0-Maßnahmen im Recruiting.

"Wir möchten es dem Bewerber so bequem wie möglich machen," sagt Heinrich. Auch für ihren Arbeitgeber bietet das Verfahren einen Mehrwert, denn allein für das laufende Jahr sucht Otto 300 Experten in den Bereichen IT, BI und E-Commerce gesucht. Dazu geht der Versandhändler verschiedene Wege. Einer ist zum Beispiel, die Bewerber über ihre Profile von Xing und LinkedIn direkt zu Otto zu lotsen. Sie können sich darüber auch benachrichten lassen, wann ein Job aus ihrem Wunschbereich bei Otto ausgeschrieben wird. Außerdem erhalten Mitarbeiter, die einen geeigneten Kandidaten vermitteln, Prämien von 500 bis 5000 Euro.

Dem Beispiel von Otto sind mittlerweile viele Unternehmen gefolgt, unter anderem Baur, Lidl oder Sportscheck. Gerade auch E-Commerce-starke Unternehmen, womit Otto schnell sein Alleinstellungsmerkmal verlieren dürfte. Noch pendelt die Bewertung von Otto - gerade auch von Bewerbern - zwischen erstklassig ("Supergespräch") und negativ ("unorganisiert").


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.