Kreativ Insight :
Diese Techniken machen kreativer

Den Kreativ-Muskel kann man trainieren. Kreativforscher Stephan Sonnenburg erklärt, welche Techniken sich zum Workout besonders eignen.

Text: Anja Janotta

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Stephan Sonnenburg kombiniert gern Kreativitätstechniken.
Stephan Sonnenburg kombiniert gern Kreativitätstechniken.

Stephan Sonnenburg forscht zum Thema Kreativität an der Karlshochschule in Karlsruhe. In regelmäßigen Abständen erklärt der Kreativprofessor bei W&V Online, wie jeder kreativer werden kann - rein wissenschaftlich betrachtet. Heute geht es darum, wie man mit bestimmten Techniken die Kreativität besser herauskitzeln und sogar trainieren kann.

Eine gute Übersicht über viele gängige Methoden, übrigens, gibt es hier Die anderen Techniken sind jeweils mit einer Erklärung verlinkt.

W&V: Aus rein wissenschaftlicher Sicht: Welche Kreativtechnik hat den besten Erfolg?

Sonnenburg: Den besten Erfolg erreicht die Kreativitätstechnik, die den Einzelnen oder die Gruppe herausfordert, irritiert und an die Grenzen des Denkens führt. Damit will ich sagen, dass es nicht die erfolgreiche Kreativitätstechnik gibt. Die Entscheidung für eine Kreativitätstechnik ist von den Menschen, der Aufgabenstellung und der Situation abhängig.

Was ist denn überhaupt eine Kreativitätstechnik?

Man kann diese unterteilen in Kreativitätsübung, Kreativitätsworkshop und Kreativitätsstimuli.

Kreativitätsübungen sind Sessions von 30 Minuten bis 2 Stunden, die entweder eher intuitiv und frei sind, wie beispielsweise Brainstorming, Methode 6-3-5 oder Synektik. Oder sie sind systematisch/zergliedernd angelegt  wie der Morphologische Kasten, Osborn-Checkliste oder Mind-Mapping. Solche Übungen können entweder für sich alleine genutzt werden oder sie fließen in ein bestimmtes Workshopformat ein.

Kreativitätsworkshop kann man nach dem Grad ihrer Strukturiertheit unterscheiden. Sehr strukturiert ist die Zukunftswerkstatt (Phasen: Kritik, Fantasie und Implementierung), sehr frei dagegen der Open Space, der sich gerade dann eignet, wenn die Teilnehmerzahl des Workshops sehr groß ist (100 und mehr). In diesem Spannungsfeld haben sich weitere Workshopformate etabliert wie Design Thinking, Lego Serious Play, World-Café, Barcamp, oder Hackathon.

Von besonderer Bedeutung sind für mich die Kreativitätsstimuli, die feine und kleine Irritationsstiche für unser Denken sind und immer wieder in eine Kreativitätsübung oder einen Kreativitätsworkshop eingeschmuggelt werden können: Rollenwechsel, bei dem zum Beispiel jeder die Perspektive einer berühmten Person einnimmt, Einsatz von Musik oder plötzlicher Raumwechsel.

Können Sie verschiedene Kreativtechniken für konkrete Aufgabenstellungen in der Agentur empfehlen? Warum eignen sich gerade die?

Das hängt zuerst einmal davon ab, ob es "nur" darum geht, Ideen zu entwickeln oder ob für die Aufgabenstellung ein kompletter Prozess zu durchlaufen ist. Im ersten Fall kann durchaus eine Übung ausreichen, im zweiten Falls bedarf es eines Workshops.

Seien wir realistisch, zumeist gibt es wenig Zeit in Agenturen oder Marketingabteilungen für die gemeinsame Ideenentwicklung außerhalb der Alltagsroutinen. Meine Empfehlung für die Ideenentwicklung bei einem Zeitfenster von circa zwei bis drei Stunden ist, zwei Kreativitätsübung miteinander zu kombinieren und im Anschluss daran die Ideenbewertung und Ideenauswahl vorzunehmen. Meine Lieblingskombination lautet: Methode 6-3-5 und Reizbildanalyse.

Wie wichtig ist dann ein Kennenlernen, ein Warm-up?

Egal ob das Zeitfenster knapp ist oder nicht, am Anfang sollte ausreichend Zeit für ein kreatives Warm-up investiert werden. Ich bin sogar davon überzeugt, und dies belegt eine aktuelle Studie, dass ein Warm-up sogar entscheidend für den weiteren Verlauf und den Erfolg der Kreativitätstechnik ist. Warm-up sollte nicht mit einem Icebreakerspiel verwechselt werden, bei dem sich Teilnehmer besser kennenlernen oder eine entspannte Atmosphäre geschaffen wird. Ein kreatives Warm-up entspricht eher dem Einsingen eines Opernsängers oder dem Einspringen eines Weitspringers. Warm-ups trainieren den 'Kreativ-Muskel'. Hierzu eignet sich z.B. das Spielen mit Lego oder das Erstellen einer Collage. Ein kreatives Warm-up kann durchaus 30 oder 45 Minuten dauern und sollte bereits einen Bezug zur Aufgabenstellung haben.

Sie reden von einem "Kreativ-Muskel". Kann man mithilfe von Techniken diesen wie bei einem Workout trainieren?

Je öfter eine Kreativitätstechnik trainiert und eingesetzt wird, desto höher ist bei der Ideengenerierung auch die Qualität der Ideen. Allerdings sollte man Folgendes beachten: Es gibt Kreativitätstechniken, die einfach nicht zu einer Persönlichkeit passen, dann sollte man es auch nicht erzwingen. Man kann bei dem Einsatz von Techniken durchaus etwas experimentieren.

Was gibt es grundsätzlich beim Einsatz von Kreativitätstechniken zu berücksichtigen?

Egal welche Kreativitätsübung oder welcher Kreativitätsworkshop verwendet wird, es sollten unbedingt folgende Regeln eingehalten werden: (1) keine Kritik während der Ideengenerierung äußern, (2) Ideengenerierung und Ideenbewertung sind strikt zu trennen, (3) Hierarchiedenken und 'please the boss' vermeiden, (4) Quantität kommt vor Qualität in der Ideengenerierung, (5) auf den Ideen der Anderen aufbauen, kein Diva-Denken.

Gibt es so etwas wie eine optimale Anzahl an Teilnehmern für den Einsatz bestimmter Techniken?

Mein Favorit ist die fünf, denn sie ermöglicht genug verschiedene Denkperspektiven, vermeidet aber auch Denktrittbrettfahren und geistige Abwesenheit. Hinzu kommt, dass eine ungerade Zahl bei Unstimmigkeiten immer zu einer Mehrheitsentscheidung bei der Ideenbewertung und Ideenauswahl führt.

Welche Übung funktioniert auch gut allein?

Die meisten Kreativitätsübungen funktionieren nur überzeugend in der Gruppe. Mind-Mapping oder Reizwort- bzw. Reizbildanalyse eignen sich allerdings auch gut für die Soloarbeit.

Geht das überhaupt - Kreativität nach Schema F wecken? Ist das nicht eigentlich ein kleiner Widerspruch in sich?

Kreativität nach Schema F funktioniert wirklich nicht. Kreativitätstechniken sind im Grunde wie Wegweiser und nicht der Weg selbst. Den muss schon jeder selbst gehen. Sie helfen aber ungemein, den eigenen kreativen Weg zu bestreiten und können uns Denkanstöße geben.

Wo sehen Sie Limits in dem Einsatz von Kreativtechniken? 

Das größte Limit ist die weitverbreitete Fehleinschätzung, dass Kreativitätstechniken Inhalte oder gar Lösungen darstellen würden. Sie sind lediglich Impulse und Irritationen für die Kreativitätsentfaltung. Ist kein Wissen im Kopf oder zwischen den einzelnen Köpfen, dann helfen auch die coolsten Kreativitätstechniken nichts.

 

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Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.



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