Interview mit Brand Union :
Frauen als Agenturchefs: Was machen sie besser?

75 Prozent der Chefs bei Brand Union sind weiblich. W&V wollte wissen, wie sich das auf die Kultur auswirkt und ob's bei manchen Kunden trotzdem einen Quoten-Mann braucht.

Text: Anja Janotta

Caroline Theissen, Katie Taylor und Thekla Wege von Brand Union.
Caroline Theissen, Katie Taylor und Thekla Wege von Brand Union.

Seit 2014 gibt es den Berliner Standort von Brand Union – der mit einer Frauenquote von 75 Prozent geführt wird. Caroline Theissen ist Executive Client Management Director und Managing Director Berlin und hat zwei Kinder. Katie Taylor ist Executive Creative Director und hat zwei Kinder. Thekla Wege ist Executive Director Business Development and Corporate Communications, hat ein Kind. W&V wollte wissen, wie sich der weibliche Führungsstil auf die Unternehmenskultur auswirkt, ob die Kunden nicht doch manchmal einen Quoten-Mann brauchen und warum besser Chefs als Junioren Kinder haben können.

W&V: Was unterscheidet eine Agentur mit weiblicher Führung von einer männlich dominierten?

Katie Taylor: Wir sind seltene Geschöpfe. In meiner ganzen Karriere habe ich nur ein einziges Mal in einer Agentur gearbeitet, bei der die Frauen in der Chefetage in der Überzahl waren – Brand Union Germany. Die Führungskultur in unserer Agentur ist  tatsächlich harmonischer. Wir tragen weniger direkte Konflikte aus, diskutieren mehr und sind mehr an einer Einigung interessiert.

Caroline Theissen: Bei uns steht wirklich die Sache im Mittelpunkt und nicht das eigene Interesse oder Ego. Man nimmt alle auf die Reise mit und ist im Team erfolgreich. Das motiviert alle sehr. Es besteht eine größere Konsensorientierung. Und wenn doch mal etwas per "Basta" entschieden werden muss, kommt es mit einem „bitte“ und ohne, dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlt.

Nutzen Sie diesen USP auch, wenn Sie neue Kunden gewinnen wollen? Oder ist es aus externer Sicht egal, ob Frauen oder Männer entscheiden?

Taylor: Das ist in einem sehr männlich dominierten Markt doch durchaus ein Unterscheidungsmerkmal. Unser CEO Tobias Phleps ist sehr stolz auf sein Frauenteam, das er als „Kaufargument“ bei neuen Kunden anführt. Wir selbst nutzen diesen USP, wenn er wirklich relevant für den Kunden ist, entweder wegen des Produkts, der Zielgruppe oder wenn wir wissen, dass wir aufgrund dieser Besonderheit gut zusammenarbeiten.

Theissen: Einen Wettbewerbsvorteil beim Kunden haben wir durch unser Geschlecht nicht, zumindest habe ich das so noch nie bewusst wahrgenommen. In dem ein oder anderen männlich dominierten Unternehmen ist es anfänglich vielleicht sogar eher ein Nachteil, wenn nur Frauen auftauchen. Man spürt dann eine leichte Irritation im Raum, die man erst einmal wieder auffangen muss. Es ist noch nicht selbstverständlich.

Warum Kunden trotzdem lieber mit Männern verhandeln

Braucht es in einigen Situationen nicht doch ein paar "Quoten"-Männer?

Thekla Wege: Ich überlege mir sehr genau, welches Team zum Kunden fährt – vor allem bei den New Business-Terminen ist es manchmal einfach die sicherere Bank, ein gemischtes Team zu einem sehr traditionellen, konservativen Unternehmen zu schicken, bei dem wir wissen, dass unsere Ansprechpartner im Termin männlich und jenseits der 40 sind. Ich bilde mir ein, dass ein rein weibliches Präsentationsteam bei manchen Entscheidern noch etwas ungewohnt ist. In einem Pitch machen wir es uns einfacher, wenn diese kleine Barriere direkt zu Beginn nicht da ist.

Müssen Sie mehr ackern, um männliche Kunden zu überzeugen?

Taylor: Es ist ja etwas dran, dass Frauen in den ersten Sekunden des Zusammentreffens etwas extrem Schlaues sagen müssen, um ernst genommen zu werden.

Welche Führungsqualitäten würden Sie als typisch weiblich einordnen?

Taylor: Frauen legen mehr Wert auf Fairness, sie müssen sich nicht so darstellen, sie vertrauen auf ihre eigenen Talente. Sie wirken integrierender und empathischer.

Wege: Ich glaube, dass Frauen tatsächlich aufmerksamer den Bedürfnissen der Mitarbeiter gegenüber sind – hellhöriger würde ich sagen. Ich finde es aber immer schwierig, hier zu pauschalisieren. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit und entsprechende Stärken und Schwächen. Viele der sogenannten typisch männlichen oder weiblichen Charakterisierungen spielen sich meiner Meinung nach in den Köpfen ab – nach wie vor geprägt durch die Denke in traditionellen Rollenverständnissen. 

Gibt es auch in der kreativen Arbeit so etwas wie typisch weibliche Tugenden?

Taylor: Der Frauen-Faktor beeinflusst sicher die Art der Zusammenarbeit und wie man Ideen entwickelt. Allerdings sind das kreative Talent und die Tugenden eher von individuellen Faktoren und dem kulturellen Background jedes Einzelnen abhängig. Und der Background hängt nicht mit dem Geschlecht zusammen.

Sind Frauen stutenbissig?

Frauen, die sich behaupten, gelten in der Berufswelt gern mal als stutenbissig oder verkrampft. Männer hingegen nur als durchsetzungsfähig. Inwieweit haben Sie ähnliche Erfahrungen auch schon gemacht?

Taylor: Ja, diese Doppelmoral ist immer noch vorhanden. Eine Frau wird immer härter beurteilt, wird oft unfair kritisiert. Aber man lernt, damit umzugehen und dann doch zu gewinnen!  

Theissen: Andererseits sind aber leider oftmals nicht die Männer das Problem, sondern die Frauen. Frauen untereinander tun sich häufig keinen Gefallen. Gerade in den sozialen Medien ist es teilweise unerträglich, wie sehr wir uns gegenseitig beschimpfen, verurteilen, bewerten. Jeder weiß wie es am besten geht, der eigene Weg scheint der richtige zu sein, und natürlich auch der härteste und alle anderen sind Pfeifen, Rabenmütter, Emanzen, Schande für den Feminismus, Langweiler etc.

Wege: Ich habe zum Glück keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich habe aber sehr wohl schon stutenbissige, verkrampfte Männer und durchsetzungsstarke Frauen erlebt, natürlich auch anders herum. Ich will damit sagen, jeder Mensch bringt seine eigene Persönlichkeit mit in den Job und ich mache da nichts am Geschlecht fest. 

Ist das Thema Mann oder Frau als Chef überhaupt noch ein aktuelles Thema? Oder zählen heute nur noch Talent und Leistung?

Theissen: Also bei uns ist es kein Thema mehr. Bei uns zählen Talent und Leistung. Deswegen sind wir bei Brand Union ja so viele Frauen!

Wege: Natürlich zählen in erster Linie Talent und Leistung. Aber sicherlich ist es für viele noch ein Thema, ob sie einen Mann oder eine Frau als Chef haben. Wir sind leider gesellschaftlich noch nicht an dem Punkt, an dem es selbstverständlich ist und überhaupt nicht thematisiert werden muss, welches Geschlecht die Führungspersönlichkeit hat.

Ist die Generation Y dieser Unterscheidung nicht längst entwachsen? 

Theissen: Es wäre schön, wenn die Generation Y dem entwachsen wäre. Ich denke aber, sie muss sich damit befassen, da diese Generation ja auf die Generation davor im Berufsleben trifft. Vor allem kommt ein anderes wichtiges Thema dazu: Was ist mit den Männern, die gerne Karriere und Familie besser verbinden wollen und auch mal in Elternzeit gehen oder Teilzeit arbeiten wollen? Die haben noch gar keine Lobby.

Wege: Die jungen Frauen machen keine Unterschiede zwischen sich und den männlichen Kollegen. Ebensowenig die Männer. Frauen werden mutiger und entkommen dem traditionellen Rollenverständnis, das sich meiner Meinung nach häufig sowieso eher in den Köpfen abspielt als in der Realität am Meetingtisch.

Chefs können besser Kinder haben als Junioren

Sie haben alle Kinder. Frau Wege ist derzeit in Elternzeit. Wie organisieren Sie das Familienleben parallel zu Ihren Führungsaufgaben?

Theissen: Klar, ohne gut organisiert und flexibel zu sein geht's nicht – und ohne Partner, die bei kurzfristigen Terminänderungen oder "Notfällen" einspringen. Mutter sein macht effizient. Die ein oder andere Nachtschicht ist aber natürlich trotzdem vonnöten. Und wir stellen das Team auch so auf, dass wir den Ansprüchen des Kunden gerecht werden.

Wege: Ich habe 12 Monate Elternzeit, bin aber jederzeit für das Büro erreichbar, wenn Not am Mann ist und bleibe im Loop. Mir ist es wichtig, zumindest mit einem Ohr am Geschehen zu bleiben und natürlich auch personelle und unternehmerische Entscheidungen mitzutragen. Meine Aufgaben sind in dieser Zeit klar verteilt worden. Wir sind ganz gut aufgestellt.

Aber Spontanaufgaben vom Kunden sind mit Kindern doch schwerer zu managen, oder?

Wege: Am Ende des Tages sind wir Dienstleister und müssen natürlich unsere Leistung bringen. Da helfen nur eine gute Teamstruktur und Organisation.

Ist der Spagat besonders schwer, wenn man Chef ist?

Theissen: Ich glaube, es ist fast einfacher in einer Führungsposition Mutter zu werden, als als Junior oder im Mittelbau, weil man da ein bisschen aus dem Daily Business herauskommt und die Möglichkeit hat, Berufliches so zu organisieren, dass es mit dem Privaten kompatibel ist.  Aber: Man braucht auch gute Leute, denen man voll vertrauen kann.

Frau Wege ist in Elternzeit und hat für dieses Interview extra einen Babysitter engagieren müssen. Sind Sie das umgekehrt auch gewohnt, dass man ähnliche Arrangements für ihre männliche Kollegen treffen muss, also die Bürotermine auf ihre Familiensituation zuschneidet?

Taylor: Selbstverständlich, das ist Teil unserer Kultur!

Netzwerken für die Karriere

Nochmal zu den Unterschieden zwischen Ihnen und Ihren männlichen Kollegen. Können Männer besser Networken für die eigene Karriere?

Wege: Beim Thema Networking haben Männer uns tatsächlich etwas voraus. Sie sind es einfach seit Jahrhunderten gewohnt, ihr Netzwerk zu spinnen, zu pflegen und zu nutzen – in der Vergangenheit häufig in Zusammenschlüssen, zu denen Frauen gar keinen Zutritt hatten. Frauen müssen besser darin werden und ein gutes Netzwerk als ein Sprungbrett für die Karriere verstehen. Es ist wichtig, Kontakte zu knüpfen und  zu pflegen, sein Netzwerk zu erweitern.

Und zum Schluss: Gibt es so etwas wie einen Geheimtipp, den Sie ihren jungen weiblichen Kolleginnen in puncto Networking geben können?

Theissen: Wichtig dabei ist, nicht verbiegen, authentisch bleiben und ehrlich – das wirkt langfristig am besten. Blender werden irgendwann entlarvt. Man funktioniert beim Networken in einem Umfeld am besten, in dem man sich sicher und stark fühlt.

Taylor: Liebe Frauen, haltet euch nicht damit zurück "to big yourself up". Ich garantiere euch, dass dies bei euren männlichen Kollegen der Fall ist. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass Frauen sich um 30-40 Prozent kleinreden, Männer sich hingegen um den gleichen Faktor größer darstellen.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.