Interview mit Karsten Gessulat :
"Mir wurde wieder klar, warum ich Werber werden wollte"

Agenturinhaber Karsten Gessulat hat es gemacht: Er genehmigte sich ein viermonatiges Sabbatical. Jetzt zieht er sein persönliches Fazit.

Text: Peter Hammer

Zwei Monate früher als geplant, hat Karsten Gessulat sein Sabbatical beendet.
Zwei Monate früher als geplant, hat Karsten Gessulat sein Sabbatical beendet.

Sabbaticals sind in der Agenturbranche eher selten. Fast einer Revolution aber kommt es gleich, wenn ein Chef sich mehrere Monate Auszeit nimmt. Karsten Gessulat, Mitinhaber von Gessulat / Gessulat, hat es gemacht. W&V berichtete im März darüber. Nach vier Monaten zieht der Werber sein persönliches Resümée.

Karsten, wie verliefen die ersten Tage?

Ich habe die erste Zeit total verdaddelt. Die Kinder zur Schule gebracht, aufgeräumt, zum Wertstoffhof gefahren. Ganz viel Quatsch eben, der liegen geblieben war. Man verschwendet viel Zeit mit unwichtigen Sachen. Das Leben daheim ändert sich ja nicht, nur weil einer ein Sabbatical macht. Da bleibt nicht gleich alles stehen. Hab mich schon mal beschwert bei meiner Frau, weil zu Hause keiner Zeit für mich hatte (lacht).

Und danach? Gab es einen festen Tagesablauf?

Ich wollte keine Struktur. Wollte die Monate einfach so laufen lassen. Struktur habe ich jeden Tag hier in der Agentur. Klar, ich musste meine Vernissage vorbereiten und noch ein paar Bilder malen. Und die PR-Aktion in der Fußgängerzone habe ich ja auch gemacht. Die ging übrigens echt durch die Decke. Fett in der Bildzeitung und so. Auch Kunden haben mir gesagt, dass das eine geile Guerilla-Aktion war. Das war natürlich nur möglich, weil ich mich vorher aus der Agentur abgemeldet hatte. Hab ja gesagt: „Leute, ich mach jetzt mal Kunst“. Aber es hat sich gelohnt, denn ich habe richtig viel Zeugs verkauft.

Hand aufs Herz: Wie oft am Tag hast Du in der Agentur angerufen und die Mails gecheckt?

Ich habe in den ersten Tagen meines Sabbaticals nicht in der Agentur angerufen. Aber ich habe täglich den W&V-Newsletter gelesen. Geht nicht ohne. Dafür bin ich schon zu lange im Geschäft. Es war ein seltsames Gefühl, dass ich keine Mails mehr auf meinen Büro-Account bekommen habe. Aber ich war ja nicht mehr im Verteiler. Das hat mir ganz schön zu schaffen gemacht. Es dauerte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Als Unternehmer fiel mir das echt schwer. Es geht ja immerhin um mein eigenes Business. Zum Glück habe ich ab und zu mal Wasserstandsmeldungen aus der Agentur erhalten. Meist beim gemeinsamen Sonntags-Kaffee mit meinem Bruder. Vier Monate sind eine lange Zeit. Da passt schon ne Menge rein. Wir haben ein paar Urlaube gemacht. Heute können es die Kinder überhaupt nicht mehr verstehen, wenn ich morgens aus dem Haus gehe. Die fragen dann: Papa, musst Du echt wieder den ganzen Tag arbeiten?

In wie weit hat sich durch die Auszeit Dein Blick auf die Agentur und die Branche verändert?

Ich habe gemerkt, wie sehr ich Werber bin – eben durch und durch. Der Umgang mit Menschen, die Fragen und Herausforderungen der Kunden, die Pitches. Das hat mir am Ende extrem gefehlt. Damit hatte ich so nicht gerechnet. Vorher war ich schon der Meinung, dass wir in einem ziemlich durchgeknallten Business sind. Das hat sich total relativiert. Wir reden oft schlecht über unseren Beruf, aber eigentlich arbeiten wir in einer Branche, die uns viele Freiheiten gibt und uns tolle Sachen machen lässt.

Und wann wusstest Du, dass Du das Sabbatical beenden wirst?

Meine Frau sagte mir eines Tages, ich stünde ihr ein bisschen im Weg. Das war ein Signal. Ich wollte nicht wie Herr Lohse bei Loriot enden. Und dann… Ich habe ja mitbekommen, was alles in der Agentur läuft. Es gab viele Pitches und es lagen viele geile Projekte auf dem Schreibtisch. Da wollte ich unbedingt mitmachen. Seitens der Agentur gab es keinen Druck. Die haben die Zeit souverän ohne mich gemanaged. Aber da waren so viele tollen Sachen, die jetzt anstehen. Ich habe einfach gefragt, ob ich nicht schon früher wieder kommen soll.

Was hat die Zeit für Dich gebracht, außer der Erkenntnis, dass Du gerne Deinen Job machst?

Vier Monate sind echt nachhaltig, nicht zu vergleichen mit einem Dreiwochen-Urlaub. Ich habe es jetzt relativ ruhig angehen lassen. Ich schiebe keine 12-Stunden-Schichten mehr. Man muss nicht jeden Tag bis Ultimo in der Agentur sein. Und ich habe einen irren Motivationsschub bekommen. Zudem die Erkenntnis, dass es auch mal ohne mich geht. Eine Zeit lang. Die Agentur ist weiter gewachsen und die Kunden wurden gut bedient. Das beruhigt.

Und wann steht die nächste Auszeit an?

Vielleicht mache ich irgendwann noch ein Sabbatical. Aber jetzt haben erst mal die anderen Vortritt. Ich kann es nur jedem empfehlen, weil es den Blickwinkel verändert. Man hat Zeit zu reflektieren, wie man zu seinem Job steht, zu seiner Branche.