Wie organisieren Sie diese Herausforderungen? Muss sich der Sabbatical-Nehmer beispielsweise selbst um eine Vertretung bemühen?

Der Prozess ist zentral organisiert, da unsere Mitarbeiter häufig aktiv in Kundenprojekten eingebunden sind. Wir prüfen bei einer Anfrage, wer vom Know-how, von der Aspiration und Verfügbarkeit aus unserem Netzwerk die Kollegin oder den Kollegen ersetzen kann. Nach diesen drei Kriterien setzen wir auch im Normalfall unsere Projektteams zusammen. Allerdings bitten wir gerade im Kundengeschäft um eine längere Vorlaufzeit – in der Regel sechs Monate –, damit wir das Sabbatical planerisch überhaupt stemmen können.

Sie haben außerdem eine Mindestzugehörigkeit zum Unternehmen definiert, damit man einen Anspruch auf das Sabbatical hat.

Wir diskutieren noch, welche Mindestzugehörigkeit sinnvoll ist. Wir legen Wert darauf, dass neue Kolleginnen und Kollegen in unserem komplexen Arbeitsfeld einen kompletten Ramp-up erlebt haben und bereits wertschöpfend tätig waren, bevor sie ein Sabbatical in Anspruch nehmen.

Hatten Sie dann schon mal den Fall, dass jemand nach dem Sabbatical festgestellt hat, eine Rückkehr kommt für ihn nicht mehr in Frage?

Wir hatten schon einmal die Situation, bei der uns jemand gesagt hat, er wolle das Sabbatical dafür verwenden, um herauszufinden, ob er nicht etwas ganz anderes machen möchte. Wir sind aber damals trotzdem darauf eingegangen, denn die Kündigung wäre so oder so gekommen. So haben wir uns allen die Chance gegeben, für die Zukunft vielleicht ein Modell zu finden, das für beide Seiten positiv ist.

Gibt es im Sabbatical-Vertrag auch Verpflichtungen für den Sabbatical-Nehmer, dass er danach für eine gewisse Zeit beim Unternehmen bleiben muss?

Das haben wir bisher noch nicht vorgesehen. Wenn wir jemandem ein kostenintensives Training finanzieren, gibt es solche Klauseln. Bei Sabbaticals sehen wir das anders: Hier lassen wir uns eher auf eine emotionale statt auf eine finanzielle Investition ein. Wir können einfach nicht ausschließen, dass jemand nach einem Sabbatical beispielsweise zu dem Ergebnis kommt, er wolle lieber Bergsteigerlehrer werden. Diesen dann zu zwingen, noch ein Jahr abzureißen, ist sinnlos. Das Einzige, was wir wirklich brauchen, ist eine vernünftige Planbarkeit. Wir haben in Phasen des Wachstums auch umgekehrt schon mal gebeten, das Sabbatical von sechs auf drei Monate zu verkürzen. Das hat damals auch geklappt. Beide Seiten müssen ein besonderes Verständnis füreinander entwickeln.

Gibt es bei Ihnen auch Führungskräfte, die ein Sabbatical einreichen?

Wir hatten das durchaus schon – bis hinauf zur Director-Ebene. Nicht so, dass ein ganzes oder halbes Jahr genommen wurde, aber es gab durchaus schon mehrere Wochen unbezahlten Urlaub für jemanden, der seine Eltern unterstützen wollte.

Wie organisieren sie das in der Führungsebene? Das ist wahrscheinlich unendlich viel schwieriger als im Projektgeschäft.

Da hilft es tatsächlich, dass wir groß sind. Gerade im Leadership-Team haben wir für jedes Thema nicht nur einen Fachmann oder Fachfrau. Mit dieser kritischen Masse kann man verschiedene Aufgaben an unterschiedliche Kollegen weiter delegieren – zumindest für einen gewissen Zeitraum. Als 20-Mann-Betrieb wäre das weit schwieriger.

Nun sind manche Notfälle aber nicht immer ein halbes Jahr im Voraus planbar. Wie ist es, wenn jemand wegen eines familiären Notfalls doch kurzfristig um eine Auszeit bittet?

Das stellt uns natürlich vor Schwierigkeiten. Aber gerade in einer solchen emotionalen Sondersituation muss man als Arbeitgeber alles tun, um das hinzubekommen. Sonst wäre unsere ganze Unternehmenskultur, die stark auf People-Centricity setzt, Makulatur. Wenn wir Engagement und Energie von unseren Kollegen erwarten, dann haben wir unsererseits auch eine Verpflichtung. Insofern ist das Sabbatical keine Einzelmaßnahme, die wir anbieten, weil es die Konkurrenz auch tut, sondern die Facette einer Unternehmenskultur, die die Mitarbeiter würdigt.

Wie ist das Feedback? Und wie erreicht sie das über die verschiedensten Kanäle?

Wir bekommen sehr positives Feedback, vordringlich über persönliche Kanäle. Aber man kann es auch in gewissen KPIs abmessen – so ist die Kündigungsrate bei uns weit geringer als in vergleichbaren Unternehmen.

Wie lange bleiben die Angestellten dann?

Im Schnitt sind es fünf bis sechs Jahre, aber es gibt auch viele, die länger da sind. Ich selbst bin schon zwölf Jahre dabei.

Wie verfahren Sie während eines Sabbaticals mit der Sozialversicherung?

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder man spart an und verzichtet während einer gewissen Zeit auf einen Teil des Gehalts. Dieses wird dann während des Sabbaticals weiter bezahlt. Der Vorteil: Kranken-, Renten- und alle anderen Versicherungen werden weiter bestritten. Es gibt auch Kollegen, die sich selbst kümmern wollen. Dann zahlen sie – zumindest ein Minimum – in die Kranken-, Arbeitslosen und Rentenversicherung ein. Wir bieten beide Varianten an. Allerdings: Die meisten sparen an. Auch, weil es logistisch einfacher ist.

Haben sie fixe Rituale eingerichtet, einen Newsletter, ein Wochenbriefing, etc.? Wie halten sie den Kontakt mit dem Mitarbeiter im Sabbatical?

Das ist wiederum auch sehr individuell. Wenn jemand ein Sabbatical braucht, um Ruhe zu haben und abzuschalten, dann wäre so etwas eher kontraproduktiv. Dann sollte sie oder er eine wirkliche Auszeit haben. Deshalb überlassen wir es dem jeweiligen Mitarbeiter selbst, ob er Kontakt zu uns halten möchte. In der Regel gibt es in den Teams eine enge Verbindung – über Social Media oder man trifft sich auf ein Bier. Wir bieten aber selbstverständlich auch an, dass sich Mitarbeiter im Sabbatical bei der Personalabteilung melden können. Aber wir wollen – wir haben ja kluge und eigenständige Kollegen –, dass diese selbst der Treiber in dieser Thematik sind.

Haben Sie selbst schon mal eine Auszeit genommen?

Nein, tatsächlich noch nicht. Ich denke aber darüber nach. Es ist auch eine Option, die mir unter Umständen mal gut tun könnte.

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Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.


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