Agenturkultur :
So arbeitet es sich bei ... Serviceplan

Winfried Bergmann, oberster HR-Chef bei Serviceplan, erzählt, warum der Agentur weniger als 70 Prozent Arbeitnehmerzufriedenheit nicht reicht.

Text: Anja Janotta

Winfried Bergmann von Serviceplan.
Winfried Bergmann von Serviceplan.

Für den aktuellen W&V-Gehalts-Check, den W&V gemeinsam mit Gehalt.de und Designerdock erhoben hat (hier geht's zu allen konkreten Zahlen, Daten, Fakten), haben wir uns auch mit vielen Agenturen unterhalten. Auch mit Serviceplan. HR-Chef Winfried Bergmann erzählt über das hauseigene Atelier, über den Frauenanteil in Führungspositionen und warum Frauen unbedingt das Gleiche verdienen müssen wie Männer.

Gibt es in Ihrer Agenturgruppe Berufsfelder und Jobs, die lange unbesetzt bleiben und für die Sie händeringen nach Personal suchen? Wenn ja, wie lange sind die Stellen unbesetzt? Und was machen Sie, um genau dort Leute zu finden?

Es geht uns hier wie vielen anderen auch: digitale Berufsbilder, die häufig noch gar nicht länger als fünf Jahre existieren sind schwer zu recruiten – einfach weil es noch an der entsprechenden Ausbildung mangelt. Dazu kommt das ewige Thema Texter.

Um genau diese Kollegen zu finden haben wir unser Hochschulmarketing massiv verstärkt: auf mittlerweile 45 Hochschulen bei denen wir permanent präsent sind, vor allem mit Real Client-Cases. Außerdem bieten wir die Möglichkeit berufsbegleitender Studiengänge und weiterbildender Zertifikatslehrgängen an, denn kaum ein Bachelorstudium kann alle die speziellen Skills vermitteln, die diese neuen Berufsbilder erfordern.

Haben Sie ein Patentrezept für die Bildung einer starke Arbeitgebermarke gefunden? Ja? Welches ist Ihres?

Als allererstes auf die wirklichen Bedürfnisse der KollegInnen achten und die Employer Brand danach ausrichten. Diese den sich verändernden Bedürfnissen mit Augenmaß anpassen – und nicht unbedingt jedem Trend der gerade durchs Dorf getrieben wird, atemlos hinterherhecheln. Die Leute wissen was sie wollen und was sie brauchen, man muss sie nur fragen. Und wenn einmal etwas nicht (oder noch nicht) realisierbar ist, muss man offen darüber reden.

 Was tun Sie konkret zur Mitarbeiterbindung? Gibt es bei Ihnen die Möglichkeiten zu

a, Home-Office

Ja, das heißt bei uns Mobile Office, man muss ja nicht unbedingt von zuhause aus arbeiten. Eine Almhütte tut´s auch. Allerdings müssen Mobile Office-Tage bei uns einzeln gebucht und freigegeben werden.

b, Sabbaticals

Ja.

c, Urlaub nach Wunsch

Wir haben seit 15 Jahren eine flexible Urlaubsregelung ohne feste Obergrenze, so dass man jedes Jahr unterschiedlich lange Urlaub nehmen kann.

d, flexible Arbeitszeiten

Ja, flexibler Arbeitsbeginn und –ende sowie Teilzeitregelungen (3-, 4- oder 5-Tage-Woche sowie Tailormade-Teilzeit für Mütter und Väter). Wir waren hier First Mover in der Agenturlandschaft und sehen jetzt ab und an mit einem Schmunzeln, wie andere Agenturen Regelungen ähnlich der unseren als die Entdeckung eines neuen Kontinents anpreisen. 

e, Job-Tausch mit anderen Niederlassungen, bzw. Partner-Unternehmen

Ein Tausch ist schwierig, aber ein internationales Einsatzsystem ist im Aufbau.

f, Möglichkeiten für eigene Herzensprojekte außerhalb des bezahlten Kundengeschäfts?

Unsere Ownership-Philosophie ermöglicht jeder/jedem Kollegen/in derartige Projekte zu realisieren – zu seinem/ihrem Ding zu machen. Gefördert zum Wohle aller. So entstehen bei uns auch neue Tools und Geschäftsideen, die sich dann sogar wieder in eigenen Firmen manifestieren.    

Kreatives Ausleben im Atelier

Baumhaus, Sterne-Kantine, Kicker, Playstation – was gibt es bei Ihnen an unüblichen Incentives für Mitarbeiter?

Wir haben eine Kletterwand und das Kunst-Atelier "Brienner Above" –  wo jeder im Haus der Kommunikation nach eigenem Vorstellungen künstlerisch aktiv werden kann.

Das Atelier Brienner Above

Wie erfassen Sie die Mitarbeiterzufriedenheit? Welche Ihrer Errungenschaften sind den Mitarbeitern besonders wichtig?

Die Mitarbeiterzufriedenheit wird jährlich dreimal über alle Firmen hinweg in einer Online-Befragung erfasst. Einmal sehr ausführlich in der so genannten Colleague Satisfaction (CoSa) und zweimal knapper in den "Mood Barometern". Erreicht eine Firma weniger als 70 Prozent durchschnittliche Zufriedenheit, entwickelt HR gemeinsam mit den Geschäftsführung Aktionspläne zur Verbesserung der Situation.

Kollegen legen am meisten Wert auf spannende, abwechslungsreiche und sinnstiftende Aufgaben, gute Arbeitsorganisation, ein vertrauensvolles und partnerschaftliches Arbeitsklima, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zunehmend weniger auf spektakuläre Events etc.

Wie ist bei Ihnen die Frauenquote? Wie hoch die Quote der Mitarbeiter über 45? Wie lang bleibt ein Mitarbeiter im Schnitt?

Der Frauenanteil overall beträgt 55 Prozent, in Führungspositionen sind es 34 Prozent Frauen. 18 Prozent aller KollegInnen sind älter als 45 Jahre. 4,5 Jahre bleiben Kollegen in unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen im Schnitt. Die Fluktuationsrate sinkt bei uns das dritte Jahr in Folge. Der Prozentsatz an Arbeitnehmerkündigungen liegt aktuell bei 14 Prozent im Jahr.

Wie stehen Sie zur internen Offenlegung aller Gehälter im Unternehmen? Und wenn ja, was verdient ein Berufseinsteiger bei Ihnen im ersten Jahr?

Was die Offenlegung von Gehältern angeht haben wir die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kollegen das nicht wünschen. Es gehört aber schon immer zur DNA der Gruppe, dass bei uns Frauen und Männer in den denselben Positionen auch dasselbe verdienen.

Die Kletterwand bei Serviceplan in München.

Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.