Gastbeitrag :
Stefan Zschaler: "Fest oder frei ist nicht die Frage, sondern: Wo sind alle?"

Der Kreative kommentiert den Brennpunkt "Fest vs. Frei" in der W&V-Ausgabe 15 vom 9. April. Nicht das Geschäftsmodell der virtuellen Agenturen treibe die Preise, sondern der Nachwuchsmangel.

Text: Conrad Breyer

Stefan Zschaler hält viel von Freien. Sie passen gut in die Branche. Aber sie müssten besser behandelt werden.
Stefan Zschaler hält viel von Freien. Sie passen gut in die Branche. Aber sie müssten besser behandelt werden.

Eine virtuelle Agentur wie TankTank treibe die Freelancer-Preise in die Höhe. Diese steile These in einem W&V-Printbeitrag zum Thema "Fest vs. Frei" ließ jüngst Emotionen kochen. Bei allem Stolz auf unser etwas anderes Geschäftsmodell, wir leiden nicht an Selbstüberschätzung. Wäre auch verrückt, wenn wir nach nur einem Jahr schon solch eine Marktmacht entwickelt hätten. Und überfliegt man die zahlreichen Kommentare unter unseren Facebook-Posts, so lautet die einhellige Freimeinung denn auch: Die Preise sind seit langem stabil.

Woher kommt dann dieser gefühlte Preisdruck?

Der Grund ist seit Jahren schleichend: Die Talent-Nachfrage ist größer als das Talent-Angebot. Der Kommunikation fehlt ausreichend Nachwuchs. Gemäß John Maynard Keynes: Wenn Angebot kleiner Nachfrage, treibt das die Preise. In keiner anderen Branche können Mitarbeiter sich kreativ so verwirklichen wie in der Kommunikation. Da will man gar nicht wahrhaben, dass die Berufe dort nicht mehr attraktiv für viele Suchende sind.

Schleppen wir wirklich immer noch dieses historische Damoklesschwert der Überstundenundknochenarbeitsmühle mit uns herum? Treffen wir immer noch nicht die Arbeitsvorstellungen der Menschen (à la Work-Life-Balance oder New Ways of Working)? Bieten wir immer noch nicht genug sinnstiftende Projekte, wie sie vermeintlich die Startup-Szene in petto hat?

Es ist wohl eine Mischung aus alldem. Obwohl sich viel zum Besseren verändert hat, erfahre ich doch immer wieder, dass vielerorts noch diese leichtfertige Verschwendung von kreativer Energie und geistigen Ressourcen stattfindet, die viele Mitarbeiter demotiviert. Es ist unzweifelhaft, dass alle Beteiligten wieder deutlich mehr Verve in die Förderung des Nachwuchses stecken müssen. Das bringt uns aber nicht von heute auf morgen mehr Talente, sondern erst übermorgen.

Überdenken wir unsere Prozesse!

Deshalb ist ein kurzfristiger Hebel, über aktuelle Arbeitsstrukturen und -prozesse nachzudenken und auszuprobieren, was zukunftsfähiger ist. Das Modell Freelancer jedenfalls scheint nirgendwo so gut zu passen wie in der Kommunikation. Die Entstehung von Kreativität ist nicht zwingend ortsgebunden. Die Menschen sind motiviert, weil sie unabhängige eigene kleine Unternehmen sind. Gewünschte Arbeitsergebnisse lassen sich meist sehr klar definieren.

Nun ist kreative Arbeit und das Herstellen von Ideen ein Gut, dessen Produktionszeit nicht wie die von Schrauben geplant werden kann. Und der Glaube an die Qualität einer Idee hängt sehr von den Überzeugungen der Entscheider im Entwicklungsprozess ab. Was der eine genial findet, findet der andere läppisch. Wenn dieser Prozess nicht straff gecoacht wird (klares Briefing, klare Abstimmungsansagen, klare nächste Schritte), entstehen genau die Energieverschwendungsszenarien, die viele Mitarbeiter irgendwann zur Sinnfrage bringen. Und auch das Preis-Leistungs-Gefühl einer Freelancer-Arbeit wird dadurch stark beeinflusst ("Ach, dessen Ideen nach einer Woche waren aber schwach."). Eine Binse, aber leider nicht aus der Welt.

Ein Ansatz, der mehr Effizienz bringen könnte, sind alternative Buchungsmodalitäten. Momentan dominieren immer noch Wochen- oder Monats-Buchungen. Deshalb ist zu überlegen, wie flexiblere Einsatz- und Bezahlsysteme aussehen können. Häufig benötigt ein Laden wie der unsere Ressourcen nur für wenige Stunden. Oder einen Tag. Oder punktuell durch die Woche. Das scheint im aktuellen Freelancer-Alltag schwer realisierbar. Wie auch erfolgsbasierte Modelle. Was war das Ziel der Arbeit? Was hat man erreicht? Aber: So lange die personellen Ressourcen knapp sind, wird es wenig Raum für solche Überlegungen geben. Die schiere Nachfrage-Not dominiert das Geschehen.

Inspiration und Erfahrungsaustausch im Co-Tanking-Space

Was also tun? Wir ziehen jetzt erst mal aus unserem Coworking-Space und starten unseren eigenen kreativen "Co-Tanking-Space". Er soll Freelancern (und unserem kleinen festen Team sowieso) die Option auf einen eigenen Arbeitsplatz geben, an dem sie ihre gesamten Projekte betreuen können. Auch wenn sie nicht für uns arbeiten. Wir versprechen uns davon gegenseitige Inspiration und Erfahrungsaustausch. Wir versprechen uns eine motivierende kreative Atmosphäre. Und wir versprechen uns, schneller und flexibler auf Ressourcen für Kurzzeit-Einsätze zurück greifen zu können. Ob es funktioniert? Wir werden sehen. Zumindest einen Denkansatz wollen wir uns damit bewahren: Trial & Error.

Stefan Zschaler ist Managing Creative Partner der Agentur TankTank in Hamburg, die ausschließlich mit Freelancern auskommt. Die besten Leute arbeiteten heute zunehmend frei, sie sind teuer, aber weil sie im abwechslungsreichen Projektgeschäft einer Agentur wie TankTank motivierter und schneller zugange seien, begleiche der Kunde am Ende auch weniger als für die Festangestellten einer Agentur, so der Werber. Etablierte Agenturen seien aufgrund des Kostendrucks ständig damit befasst, wie sie von ihren Kunden noch mehr Aufträge kriegen, um Abteilungen und Teams auszulasten. Das gehe zu Lasten der Qualität. Neben Zschaler halten Patrick Plogstedt und Alex Butaud Anteile. Zu den Kunden gehören u.a. Followfood, Krebszweitmeinung.de.


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.