Berufspendler :
Trend Zweitwohnung: Heute hier, morgen dort

Der Trend zum Zweitwohnsitz nimmt zu: Vor allem Chefs pendeln gern für die Karriere. Doch die Angebote wachsen nicht mit. Job-WGs und firmeneigene Appartments sollen Abhilfe schaffen.

Text: W&V Redaktion

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München ist auch als Zweitwohnsitz begehrt.
München ist auch als Zweitwohnsitz begehrt.

Mehr als zwei Millionen Haushalte, so schätzen die Experten, unterhalten in Deutschland dauerhaft mehr als einen Wohnsitz. Belastbare Zahlen gebe es zwar nicht, da lange nicht alle in Zweitwohnungsstatistiken auftauchten, sagt Raumforscher Rainer Danielzyk. In einigen Stadtteilen aber wie in Köln-Sülz oder der Leipziger Südvorstadt lebe jeder vierte Haushalt multilokal, hat der Wissenschaftler und Generalsekretär der Akademie für Raumforschung und Landesplanung herausgefunden.

"Die Zahl nimmt weiter zu", sagt auch der Stadtgeograf und Direktor des Berliner Moses Mendelssohn Instituts, Stefan Brauckmann. Und zu den klassischen Zweitwohnungsbesitzern kommen noch einmal zigtausend Menschen, die für Projekte ein bis sechs Monate lang zwischen zwei Wohnsitzen pendeln. Familie hier, Job da.
Früher hätten oft Monteure und Bauarbeiter je nach Konjunktur an unterschiedlichen Orten gearbeitet. "Jetzt sind es zunehmend hoch spezialisierte Fach- und Führungskräfte", sagt Brauckmann. Ingenieure mit Projekttätigkeit, Unternehmensberater, Politiker, Wissenschaftler. Der Anteil der Hochqualifizierten mit mehreren Lebensmittelpunkten steige. Einer DGB-Studie zufolge sind Wochenendpendler höher qualifiziert und verdienen besser als der Durchschnitt. Doch, darauf weist Danielzyk hin: Auch Menschen, die in ihrer Heimat keinen Job bekommen, entscheiden sich fürs Pendeln.

Besonders Eltern von schulpflichtigen Kindern gehen diesen Kompromiss für einen Arbeitsplatz oder den Sprung auf der Karriereleiter ein. Darauf weisen auch Zahlen des Statistischen Bundesamts von 2013 hin. In nur 23 Prozent der Zweitwohnungs-Haushalte lebten demnach Alleinstehende. Singles seien eher bereit, ihre Wurzeln für den neuen Job zu kappen, sagt Brauckmann. Wer stark in sein soziales Umfeld eingebunden sei, tue sich schwerer.

Häufig zieht es die Multilokalen zum Arbeiten in Großstädte, deren Wohnungsmärkte enger und enger werden. Berlin nutzt den Boom aus und hat gerade seine Zweitwohnungssteuer auf 15 Prozent verdreifacht.
Auch, damit mehr Menschen hier Erstwohnungen anmelden und dem Land Steuereinnahmen bringen.
Dabei sind die Ansprüche an eine Zweitwohnung andere als an die Hauptwohnung: zentral gelegen, mit Auto und Zug gut erreichbar. Vor allem aber muss sie ins Budget passen. Bei Berufstätigen in Berlin sind das einer Untersuchung zufolge monatlich im Schnitt knapp 900 Euro. Davon zwei Wohnungen zu finanzieren, ist schwierig. Und bei bezahlbaren Zwei-Zimmer-Apartments stehen die Interessenten Schlange. Bevorzugt wird meist, wer langfristig bleiben kann.

Wohngemeinschaften von Berufstätigen seien daher im Kommen, hat Brauckmann beobachtet. München sei hier Spitzenreiter, auch in Berlin und anderen Großstädten suchten viele danach. Zugleich boomen Angebote für möbliertes Wohnen auf Zeit. "Die starre Grenze zwischen Beherbergungsgewerbe und Wohnungswirtschaft verschwimmt mehr und mehr", sagt der Geograf. Es bilde sich ein völlig neues Marktsegment für Vermietung zwischen einigen Monaten und zwei Jahren. Doch laut Brauckmann geht das zu langsam, das Angebot sei viel zu klein. Auch Wohnungsbaugesellschaften, so sagt Danielzyk, hätten Multilokale noch nicht als Markt entdeckt.

Dafür aber große Konzerne. Große Arbeitgeber springen sogar ein und stellen günstige Firmenwohnungen zur Verfügung. So baute die Deutsche Bahn zuletzt in Frankfurt am Main eigene Wohnungsbestände für ihre Mitarbeiter auf. Vollmöblierte Apartments "exklusiv für Bahner" mit flexiblen Mietdauern und "Rundum-Sorglos-Paket". Die Wohnung dient zunehmend wieder als Argument und Lockmittel für hoch qualifizierte Fachkräfte. (dpa)


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