Dieser Weg der Reifung erfolgt über allerlei Prüfungen: Der antike Odysseus muss sich im Laufe seiner Irrfahrt so prototypischen menschlichen Schwächen wie der Verführbarkeit stellen. Frodo Beutlins Aufgabe ist es, sich der Habgier zu entledigen und gleichermaßen seine eigene Größe und Selbstwirksamkeit zu erkennen. Luke Skywalker wiederum muss lernen, die ihm innewohnenden, unerwünschten Persönlichkeitskeitsanteile seines dunklen Vaters (Darth Vader = Dark Father) zu transformieren (Hochmut, Zorn, Gewalttätigkeit etc.). Immer geht es um die Integration unseres Schattens, wie es der Begründer der Analytischen Psychologie, C. G. Jung, genannt hat.   

Wir haben doch keine Zeit

Der Punkt ist nun: All diese Geschichten teilen neben der klassischen Erzählstruktur den folgenden Aspekt: Die Reisen dauern lange Monate, meistens Jahre. Odysseus z.B. war laut der Erzählung nach 10 Jahren im Krieg noch weitere 10 Jahre auf seiner Irrfahrt unterwegs. Und auch Frodo und Luke sind (vermutlich) Monate und Jahre unterwegs, bevor sie Mordor und Endor erreichen. Denn Reifung, Erwachsenwerden (auch über das Körperliche Hinaus), zu sich selbst finden: Dies alles braucht sehr viel Zeit.

Vor diesem Hintergrund stehe ich vielen modernen Entwicklungen im Bereich der "Persönlichkeitsentwicklung" (i.w.S.) kritisch gegenüber. Alles muss heute schnell, schneller, am schnellsten gehen – und am besten ohne jeglichen Aufwand:

  • Ein Mann hat zu wenig Selbstbewusstsein? Ein paar positive Affirmationen ("Tschakka, du schaffst es!") werden's schon richten.
  • Eine Frau möchte ein gesichertes Einkommen durch Selbstständigkeit? Die dazu notwendigen Kunden kann man sich ja einfach vom Universum wünschen.
  • Ein Kind kann sich nicht recht konzentrieren? Mit ein paar Ritalin wird das schon wieder.

Schöne, neue Welt.

Kehren wir nochmal zu meiner Version der Odyssee zurück:

Nach dem Ende des Krieges um Troja wusste Odysseus mal kurz nicht, wo's lang geht. Aber dann fiel ein magischer Kompass vom Himmel, der ihn sicher nach Hause brachte.

Niemand würde ernsthaft ein Buch lesen oder einen Film anschauen wollen, dessen Geschichte auf diesem Plot beruhte. Wir würden die Storyline für fad, weil unglaubwürdig, befinden; und die Charaktere als flach und konturlos abstempeln.

Nur im echten Leben soll es genau so funktionieren?

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet.Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.


Autor:

Nico Rose

Nico Rose ist Dipl.-Psychologe (WWU Münster) und wurde an der EBS Business School (Oestrich-Winkel) in BWL promoviert. Zusätzlich studierte er Positive Psychologie an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Von 2010 bis 2018 war für Bertelsmann tätig, zuletzt als Vice President Employer Branding & Talent Acquisition. Seit 2008 arbeitet er außerdem als Coach und Speaker. Ab April 2019 wird er als Hochschullehrer an der International School of Management (ISM) in Dortmund Wirtschaftspsychologie unterrichten.