Wo ist mein Arbeitsplatz heute?

Feste Arbeitsplätze sind für niemanden eingerichtet - auch Bendiek selbst findet sich morgens über eine App mit ihrer Assistentin zusammen und wählt sich einen Platz, der für sie gerade am besten passt. Microsofts "Clean-Desk-Policy" sorgt dafür, dass sie an jedem Schreibtisch sofort loslegen kann. Jeder Microsoft-Mitarbeiter soll seinen Platz so verlassen, wie er ihn vorgefunden hat: leer, sauber und ohne persönliche Gegenstände.  Dafür hat er Schließfächer, Schränke und Regalfächer. Weil es immer mehr ins Home-Office zieht und die Büros durch das flexible Arbeiten beser ausgelastet sind, hat Microsoft auch weitaus weniger Arbeitsplätze eingeplant. Statt der 1900 wie vorher gibt es nur noch 1100. Seit 1998 hat der Konzern schon flexible Arbeitszeiten und eine Vertrauensarbeitszeit eingeführt. 90 Prozent der Mitarbeiter würden diese Regelungen nutzen, heißt es aus München.

Warum es ohne Disziplin nicht funktioniert

Trotz aller Lockerheit: Die Mitarbeiter sollen erfolgsorientiert arbeiten. Werden Ziele nicht erreicht, wird nachjustiert. Als Leistungsdruck will Bendiek das aber nicht verstanden wissen. "Das Schöne ist ja, dass der Mensch per se durch Erfolg sehr motiviert wird", sagt Bendiek, die sich von den Kollegen duzen lässt. Das flexible Arbeiten ohne feste Zeiten, Orte und Überstundenerfassung verlange allerdings auch viel Disziplin, räumt sie ein. So müssen die Mitarbeiter nach arbeitsintensiven Phasen selbst für ihren Freizeitausgleich sorgen. Und wenn Bendiek etwa am Wochenende Mails verschickt, die nicht brandeilig sind, schreibt sie möglichst gleich in den Betreff, dass sie erst am Montag dazu eine Rückmeldung braucht.

Ein Video zeigt das neue Gebäude unter dem volltönenden Hastag #worklifeflow:

Was Gewerkschaften an der neuen Arbeitswelt kritisieren

Gewerkschaften sehen diese neuen flexiblen Arbeitsweisen kritisch. Sie haben ihre Tücken dann, sagen diese, wenn zugleich die Zielvorgaben die Beschäftigten unter permanenten Druck setzen. Den Führungskräften komme dabei eine hohe Verantwortung zu - der sie allerdings längst nicht immer gerecht würden, sagt Hilde Wagner, Ressortleiterin Tarifpolitik beim IG-Metall-Vorstand. "Allzu oft sind sie mehr an der Einhaltung ehrgeiziger Projektziele und Kostenvorgaben interessiert als an der Gesundheit ihrer Mitarbeiter", so die Gewerkschafterin.

Die Beschäftigten stünden unter dem Druck ständiger Bewährung, ohne dass sie einen Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Arbeit wie etwa personelle Kapazitäten hätten. "Mehr Druck durch mehr Freiheit" beschreibe diese paradoxe Situation am treffendsten, meint Wagner. Entscheidend sei, dass Arbeitszeiten erfasst und dokumentiert würden. "Und zwar unabhängig davon, wo sie stattfinden."

Aufhalten lassen wird sich der Trend zu flexiblen Arbeitsmodellen, Projektarbeit und mehr selbstständigem Arbeiten derweil nicht, glaubt Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit. Mit betrieblichen Vereinbarungen könne es aber gelingen, die Interessen der Unternehmen und Beschäftigten auszutarieren, sagt der Experte. "Die Freiheit darf nicht nur in eine Erhöhung der Arbeitsintensität münden. Denn wenn man nur die Anforderungen erhöht, kann das auch zu gesundheitlichen Problemen bei den Beschäftigten führen."(dpa/aj)

Kennen Sie schon unseren neuen Data Marketing Newsletter? W&V stellt für Sie jede Woche die wichtigsten News und Trends rund um Big Data, datengestützte Marketingkommunikation und digitale Kreation zusammen. Hier geht’s zur Anmeldung.


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Eines davon dreht sich um ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.