Ingo Kohlschein: Ein verschwiegener Stratege

Nachfolger: Ingo Kohlschein übernimmt das Ruder im Jahreszeiten-Verlag. Der promovierte Journalist erhält aber nicht die gleiche Machtfülle wie sein Vorgänger.

Ob besonnen oder vorschnell, ob offen oder verschwiegen - wenn Firmenchefs ihre Nachfolger selbst aussuchen, spiegelt sich in ihnen meist ein Teil ihrer Persönlichkeit. Vielleicht war es deshalb seine behutsame und analytische Art, vielleicht sein Hang zur Diskretion, die den Verleger Thomas Ganske bewog, sich 2008 einen Mann als persönlichen Assistenten auszusuchen, der jetzt der mächtigste Manager im Hamburger Jahreszeiten-Verlag wird: Ingo Kohlschein.

Der 36-Jährige ist seit wenigen Tagen der neue Herr im wichtigen Zeitschriftengeschäft der Verlagsgruppe Ganske, die mit Hoffmann & Campe im Buchgeschäft sowie im Corporate Publishing aktiv ist. Der promovierte Journalist, der zeitweise als Polizeireporter für die Deutsche Presse Agentur arbeitete, zeichnet künftig als Geschäftsführer für Flaggschiffe wie "Für Sie", "Petra" oder "Vital" verantwortlich. Damit tritt der Brillenträger mit dem stets adrett geschnittenen Dreitagebart in die Fußstapfen von Jan Pierre Klage, der überraschend als Sprecher der Geschäftsführung des Zeitschriftenhauses gekündigt hatte.

Kohlschein tritt kein leichtes Erbe an. Er muss vor allem dem Frauentitel "Für Sie" wieder mehr Schwung am Kiosk verleihen, den er bereits seit November 2011 als Verlagsleiter verantwortet. Denn das Magazin hatte in den vergangenen drei Jahren bei der verkauften Auflage kräftig Federn gelassen. Lag sie im vierten Quartal 2008 noch bei über 460 000 Exemplaren, hielt sie sich in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres knapp über der magischen Grenze von 400 000 Stück. Für Sie wieder flott zu machen, dürfte nicht leicht werden, zu groß ist die Konkurrenz im hart umkämpften Frauensegment, das durch neue Titel wie "Season" (Gruner + Jahr) oder "Closer" (Bauer) noch enger wird. Davon bleibt auch "Petra" nicht verschont. Kohlschein steht allerdings mit den Problemen nicht alleine da. Auch Langzeitbrenner wie der G+J-Titel "Brigitte" spüren verstärkt den Gegenwind.

Doch Ganske traut dem Jungmanager zu, das Ruder herumzureißen, und spart nicht mit Vorschusslorbeeren. Er schaffe es, "Markenführung und kaufmännisches Handeln perfekt zu verbinden", erklärte der Verleger jüngst. Allerdings ist sein Vertrauen begrenzt. Bei der neuen Vermarktungseinheit Brand Media, wo der Jalag und die Medweth-Gruppe (Madame-Verlag) ihr Anzeigengeschäft bündeln, lässt ihm Ganske keine freie Hand. Hier teilt er sich die Macht mit Jalag-Geschäftsführer Peter Rensmann, der künftig bei "Prinz" das Zepter führt.

Großen Rückhalt genießt der neue Geschäftsführer in der Belegschaft. "Kohlschein ist nicht so dominant wie Jan Pierre Klage. Er geht die Dinge vorsichtig und umsichtig an. Das kommt bei den Mitarbeitern gut an", meint ein Jalag-Mitarbeiter. Doch es gibt auch andere Stimmen: "Ich weiß nicht, ob er die notwendige Durchsetzungskraft besitzt."

Kaum zu erwarten ist, dass sich der als wortkarg geltende Kohlschein ins Rampenlicht der Öffentlichkeit wagt. Vorsorglich hat ihm Ganske deswegen wohl nicht die Rolle des Sprechers der Geschäftsführung zugedacht, die Klage besaß. Fraglich ist, ob dies die richtige Strategie in dem hanseatisch-zurückhaltenden Familienunternehmen ist. Denn im Mediengeschäft gilt: Klappern gehört zum Handwerk.


0 Kommentare

Kommentieren

Diskutieren Sie mit