Jan Kühl: Manager mit Bodenhaftung

Die Fernsehvermarkter trauen Jan Kühl zu, die Gattungsinitiative Wirkstoff TV auf einen guten Weg zu bringen. Der El-Cartel-Media-Chef gilt als geerdet und diplomatisch.

Alle Hoffnung ruht auf dem groß gewachsenen Mann mit blonden Locken, dunkler Brille und gewinnenden Lachfältchen. Der 48-jährige Jan Kühl ist designierter Geschäftsführer der Gattungsinitiative Wirkstoff TV. Der Startschuss für das gemeinsame Unternehmen fiel vergangene Woche beim TV-Wirkungstag. Und damit genau 18 Monate nachdem es schon einmal grünes Licht für dieses Vorhaben gab. Damals war der Initiative unerwartet der Chef von der Fahne gegangen. Der Fernsehvermarkter Alex Duphorn zog einen Job in der Schweiz vor; das Projekt lag am Boden. Auf eine Reanimation hätten wohl die wenigsten TV-Manager auch nur einen Bruchteil ihres Gehalts verwettet. Einer, der nach eigenen Aussagen in den letzten anderthalb Jahren "hart daran gearbeitet hat, den Ball nicht liegen zu lassen", ist Jan Kühl, Chefvermarkter von RTL II. Der El-Cartel-Media-Chef übernimmt die ersten 18 Monate als ehrenamtlicher Geschäftsführer der noch zu gründenden "Wirkstoff TV GmbH", die ihren Sitz in Berlin haben wird. Neun Partner hat Wirkstoff TV, darunter die großen Vermarkter wie SevenOne Media, aber auch Constantin Sport Marketing ist an Bord sowie – und das ist überraschend – ARD-Werbung Sales & Services. Einer fehlt: das ZDF. Der Frage, warum die Werbetochter des Zweiten nicht mit an Bord ist, weicht der Mann im schwarzen Zwirn elegant aus. Er würde sich aber freuen, wenn sich die Mainzer noch dazu entschließen könnten.

Bis erste Aktionen sichtbar werden, sollen nicht abermals 18 Monate ins Land gehen. Für die nähere Zukunft wollen Kühl und Kollegen die bestehende Online-Plattform wirkstoff.tv umbauen. Und für den Herbst steht ein Expertenforum unter dem Titel "TV und Return on Investment" an. Weitere Expertenrunden sind geplant. Um das Forum für Eigenmarketing vor­anzubringen, löhnen alle in die gemeinsame Kas­se. Über Höhe des Etats gibt Kühl keine Auskunft. Nur so viel: Die Beiträge werden nach einem festgelegten Schlüssel bezahlt. "Große, mitt­lere, kleine", sagt der Geschäftsführer in spe.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie schwierig es sein wird, neun Parteien unter einen Hut zu kriegen. Doch dem neuen Wirkstoff-Lenker traut man das Kunststück zu. "Jan Kühl ist keine Diva, sondern ein Manager mit Bodenhaftung", so ein Branchen-Insider. Außerdem hat der Mann mit der großen Vorliebe für Vespas eine Zusatzqualifikation, die ihm hier zupasskommen dürfte: Kühl hat fünf Frauen zu Hause. Er ist nicht nur Vater eines Sohnes, sondern auch von vier Töchtern. Die Kinder sind zwischen sechs und 20 Jahre alt.

Der Troubleshooter, der seine gesamte Familie einmal im Jahr für zwei Wochen einpackt und die Tiroler Skipisten unsicher macht, ist in Sachen Diplomatie geschult. Sicherlich wird er von seiner Joberfahrung als Lenker eines TV-Vermarkters auch bei Wirkstoff TV profitieren. Auf die Frage, ob einer die Entscheidung der acht anderen torpedieren könne, winkt Kühl ab. Es werde zusätzlich zur Gesellschafterversammlung einen Beirat mit je einem Vertreter der neun Partner geben, "Darin werden die Themen aufgegriffen und vorbereitet." Man werde Entscheidungen sehr pragmatisch und nicht etwa basisdemokratisch treffen. "Wir sind ja keine Partei", sagt Kühl. In einer Familie geht es ja auch nicht immer basisdemokratisch zu.


Autor:

Lisa Priller-Gebhardt
Lisa Priller-Gebhardt

schreibt als Autorin überwiegend für W&V. Im Zentrum ihrer Berichterstattung steht die geschwätzigste aller Branchen, die der Medien. Nach der Ausbildung an der Burda Journalistenschule schrieb sie zunächst für Bunte und das Jugendmagazin der SZ, Jetzt. Am liebsten sind ihr Geschichten der Marke „heiß und fettig“.



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