Kommentar :
Achse des Guten: Wie sich ein Blog zu Tode empört

Henryk M. Broder und seine "Achse des Guten" laufen nach eigener Darstellung die Werbekunden davon. Weil sie verleumdet und denunziert worden sind? Nein, weil Häme nicht als werbefinanziertes Geschäftsmodell taugt. Ein Kommentar von Frank Zimmer.

Text: W&V Redaktion

Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online bei W&V.
Frank Zimmer ist Redaktionsleiter Online bei W&V.

Kaum ein W&V-Artikel hat in diesem Jahr für so viele Kommentare gesorgt, wie "Shitstorm gegen Scholz & Friends". Mehrere Leser und Kommentatoren wollen wissen, wie ich persönlich zu Gerald Hensels Initiative #keingeldfürrechts stehe. Wahrscheinlich fragen sich gerade viele Menschen in der Marketingbranche, ob die Aktion gut für unser Land ist oder eine Gefahr für die Meinungsfreiheit, und es ehrt jeden, wenn er sich länger damit beschäftigt und nicht schon nach fünf Minuten eine Antwort herauspostet.

Also: Ist es legitim, Werbungtreibende vor der Unterstützung rechtspopulistischer Seiten zu warnen?

Nach den Erfahrungen, die ich in den vergangenen Tagen in Kommentarspalten und auf der Website Achgut.com machen durfte, bejahe ich das. Es ist legitim. Aber nicht, weil eine bestimmte Seite "rechts" ist, sondern weil sie demagogisch und manipulativ ist. Eine "bürgerliche", "konservative", "libertäre", "unabhängige" Seite - die Adjektive sind in diesen Tagen besonders geduldig - sollte unseren Respekt genießen, auch wenn uns ihre Meinung vielleicht nicht passt. Gerade dann. Aber eine polemische, aggressive, Menschen herabwürdigende Seite ist kein Gewinn für Mediapläne und kein Umfeld für seriöse Marken. Wir müssen raus aus der Hysterie- und Empörungsspirale, weg von den Angstmachern, Alarmschreiern und verbalen Scharfrichtern, zurück zur zivilisierten Auseinandersetzung.

Häme ist kein werbefinanziertes Geschäftsmodell

Die "Achse des Guten" ist davon leider weit entfernt. Sie ist nicht rechtsextrem, sie ist keine Nazi-Seite, keine Pegida-Plattform und vielleicht noch nicht einmal AfD-nah. Aber sie disqualifiziert sich selbst, wenn sie ihren Kritiker Gerald Hensel (der sie übrigens explizit von seiner Blacklist ausgenommen hat, weil sie "gemäßigt" sei) als "Schmock" beschimpft, ihn in die Nähe des Stalinismus rückt, Hitler-Vergleiche zieht und eine Verschwörung von Scholz & Friends und Bundesregierung andeutet - bevor sie sich an einer irrtümlichen E-Mail-Anrede von Scholz-&-Friends-Sprecherin Sabine Zilski weidet. In einer am Montag erschienenen Fortsetzungsgeschichte schreibt Achse-Autor Henryk M. Broder unter dem Titel "Der schmutzige Erfolg der Denunzianten" über Hensel und andere Kritiker: "Seht Euch vor, ihr seid an den Falschen geraten. Euch mache ich, wenn es sein muss, am frühen Morgen fertig, noch bevor ich meinen Hund Gassi geführt habe".

Und selbst ein geschätzter Kollege, der für die Achse schreibt, muss dort persönlich werden:

"Ich glaube – reine Spekulation! –, dass es ihm (Gerald Hensel, d. Red.) eigentlich darum geht, sich ein wenig zu profilieren und so ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, die er anderswo ganz doll vermisst. Der Arme".

Ich glaube - reine Spekulation! -, dass dieser Sound Werbungtreibende abschreckt. Und nicht die inhaltliche Ausrichtung. Broders gepflegte Aggressivität wirkte in den 90er Jahren noch originell und erfrischend. Heute, im Zeitalter der vernetzten Hysterie, empört er sich und seine Seite zu Tode.


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W&V Redaktion
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