KI und Kreativität stehen nicht in Konkurrenz

Für Belsky stehen KI und Kreativität auch nicht in Konkurrenz zueinander, eher im Gegenteil. Sein Ansatz ist da ziemlich pragmatisch. Für ihn gehe es darum, „unsere Kunden produktiver zu machen, ihnen Dinge zu ermöglichen, die sie vorher einfach nicht konnten. Mit KI fangen wir an, uns neu vorzustellen, was unsere Tools für unsere Kunden tun können und wie sie den kreativen Prozess, wie wir ihn kennen, nur verändern können“. Es sei einfacher zu verstehen, wenn man sich den Tag der Designer anschaue. Man müsse sehen, was sie von morgens bis abends machen, wie viel Prozent des Tages für lästige Arbeit aufgewendet werden müsse und wie viel Prozent echte Kreativität einnehme. „Und dann beginnen sie zu realisieren, dass 30 Prozent des Tages mit dem Verschieben von Dateien und ähnlichen Tätigkeiten verbracht werden.“ Gerade an dieser Stelle will Belsky ansetzen, zeitaufwendige Aufgaben automatisieren, die Effizienz steigern. Das sei schon deshalb nötig, weil die gewonnene Zeit für echte Kreativität benötigt werde, um sich veränderten Plattformen widmen zu können, den Designprozess auf Virtual und Augmented Reality auszuweiten und vor allem auch auf dem Sektor Voice aktiv zu werden. Belsky ist sicher, dass die meisten Produkte eines Tages eine Sprachschnittstelle haben werden. Der Weg dorthin sei klar vorgezeichnet. „Zuerst sagst du: wofür soll ich das benutzen? Und dann fängst du an, Alexa zu fragen, wie das Wetter wird. Dann sagst du, Alexa soll dir Batterien besorgen, und dann fängst du einfach an, es immer und immer wieder zu benutzen. Es fängt einfach an, Teil deines Lebens zu werden. Und ich denke, das Gleiche wird zunehmend im Arbeitsumfeld, bei den Mitarbeitern geschehen.“ 

Dies sei auch eine Generationensache. Für Kinder sei diese Art der Nutzung völlig natürlich, weiß Belsky aus eigener Erfahrung. „Ich habe kleine Kinder, die nicht einmal alt genug sind, um einen Musikplayer zu benutzen. Aber sie sagen Alexa einfach, welche ­Musik sie gern hören wollen.“ Professionell betrachtet handle es sich also um eine Schnittstelle, die noch zugänglicher ist als herkömm­liche Interfaces. Für Belsky ergibt sich daraus ein logischer Schluss: „Wir müssen es Designern ermöglichen, diese Schnittstellen für ihre Kunden zu entwerfen. Denn das wird einfach ein Teil jedes Produkts sein. Und die Frage ist, wie die Menschen sie herstellen werden. Deshalb investieren wir in diesen Bereich, damit beispielsweise Designer, die eine I-Phone-Applikation entwerfen, auch eine Sprachapplikation entwerfen können.“ Designer müssten diese Aspekte wie eine neue Disziplin berücksichtigen. „Ich denke, es ist eine Erweiterung des aktuellen Ansatzes. Wenn man Designer einer I-Phone-Applikation ist, dann weiß man, dass beispielsweise der Bildschirm drei Optionen hat und dass es eine Verbindung geben muss. Künftig werde es hier auch Sprachbefehle geben. Diese Sprachbefehle führen zur nächsten Option oder Frage. Es ist also eigentlich eine sehr ähnliche Logik, auch wenn sie nicht visuell ist.“ Ähnlich verhalte es sich bei Lösungen im AR-Bereich. Auch hier gebe es zusätzliche Optionen, die beim Design berücksichtigt werden müssten. Am Ende würden Kunden keine Produkte kaufen, sondern Erfahrungen, sagt Belsky – eine Überzeugung, die wie ein Mantra immer wieder bei Adobe auftaucht. Es geht um „Experiences“, so die Losung. 

Kreativitätsfreak Scott Belsky hat hier aber auch einen Ansatzpunkt, um die aus seiner Sicht stetig wachsende Bedeutung von Design als entscheidendem Wirtschaftsfaktor für Unternehmen hervorzuheben. Entscheidend auch für das eigene Unternehmen: „Was mir als die größte Chance von Adobe erscheint, ist die Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit seiner Produkte, um Produkte wie Photoshop und Premiere Pro zugänglicher, effizienter und kollaborativer zu machen und neue Designmedien wie UX/UI, AR/VR und Voice auf ihr volles Potenzial zu bringen, so wie es Photoshop für die digitale Bildbearbeitung getan hat“, schreibt Belsky auf der Digitalplattform Medium. Der Getriebene hat also noch einiges vor.


Autor:

Holger Schellkopf

Chefredakteur Digital. Sozialisiert mit Print, konvertiert zu digital. Wild entschlossen, doch noch eine wirkliche Ahnung von der Sache mit dem Coden zu bekommen. Feste Überzeugung von @hschellk : Digital Journalism rocks! Versucht ansonsten, sich so oft wie möglich auf das Rennrad zu schwingen oder in die Laufschuhe zu steigen.