Die Macht des MVP im Content Marketing

Ein positives Beispiel also für die Macht des MVP im Content Marketing. Allerdings steht zu befürchten, dass sich der Gedanke noch nicht überall in den Marketing und Kommunikationsabteilungen durchgesetzt hat. Stattdessen gilt meiner Erfahrung meist noch der alte Print-Gedanke, dass ein Produkt erst dann gelauncht wird, wenn es komplett fertig und - natürlich - alle Qualitäts- und Abnahme-Instanzen durchlaufen hat. 

Das mag ja auch seine Richtigkeit haben. Als Kommunikator und Content Marketeer dreht sich mir der Magen um beim Gedanken, dass Marken die vielen kommunikativen Chancen der Corona-Krise versäumt haben, weil sie aufgrund des  “Wir sind ja noch nicht fertig”-Gedankens keine moderne digitale Plattform hatten oder andere Herausforderungen hatten, die eine ordentliche (Krisen-)Kommunikation verhinderten. Die zum Beispiel – auch eine persönlich Erfahrung – statt einem modernen CMS nur Word-Dateien befüllen und selbst für die Korrektur eines Kommafehlers auf den nächsten Aktualisierungszyklus ihrer Webseite warten mussten. 

Kontinuierliche Weiterentwicklung als Prinzip 

Der frühe Start mit einem MVP und die anschließende Weiterentwicklung ist also ein ehernes digitales Prinzip – und damit eine der wichtigsten Grundlagen für digitales Content Marketing. Manche nennen das auch “agil sein”. Wer im Digitalen nicht schnell und agil handelt, wird in der dadurch verlorenen Zeit links und rechts vom Wettbewerb überholt. 

Das gilt nicht nur für Technologie, sondern auch für den Bereich Content. Geschwindigkeit ist zum Beispiel beim Thema SEO Trumpf. Auch wenn das journalistische Prinzip “Be first. But first be right” gelten sollte, gilt auch: Wer der Erste im Google Index ist, hat einen enormen Vorteil. 

Bei vielen newsgetriebenen Portalen ist daher immer ein CMS-Fenster für eine Eilmeldung geöffnet: Eine Meldung kommt rein, wird so schnell wie möglich bearbeitet, oft nur als Überschrift – und dann rausgejagt. Dieses MVP der ersten Eilmeldung kann dann in einer gewissen Ruhe und hoffentlich auch Sorgfalt durch detaillierte Informationen ergänzt werden.   

Unfertigkeit widerstrebt Konzern-Strukturen

Was man als digitaler Content Marketeer wissen muss: Dieser Gedanke der Schnelligkeit, des Unfertigkeit, der schnellen Entscheidungen und des Nachbesserns widerstrebt traditionellen Konzern-Strukturen zutiefst. Hier dauert die Abnahme eines einzigen Artikels gerne deutlich länger, als der eigentliche Konzeptions- und Erstellungsprozess. Und natürlich herrscht durchaus zurecht die große Angst, in eine Reputationsfalle zu rennen, wie es neulich dem Volkswagen-Konzern mit seinem geschmacklos-rassistischem Instagram-Post passiert ist. Also lieber kein Risiko eingehen..

Prozesse, Personal, Kulturwandel 

Was ist also die Lösung? Eine Mischung aus Struktur, Prozessen, vertrauensvoller Unternehmenskultur und professionellem Personal. In einer MVP-Welt müssen die Strukturen und Prozesse geschaffen werden, die es überhaupt erstmal ermöglichen, schnell und agil zu sein. Das bedeutet (digitale) Transformation des Denkens und von lang gelebten Konzern-Gewohnheiten. Ein Prozess, der zuvor vielleicht Tage oder Wochen gedauert hat, muss jetzt fast schon in Minuten erledigt sein. Ein digitaler Newsroom könnte hier ein Ansatz sein.

Fehler akzeptieren

Zweitens sollte man sich in einer MVP-Kultur immer klar sein, dass zumindest in der ersten und oft auch zweiten Version, sehr häufig Fehler enthalten sein werden. Sie müssen ja nicht gleich so dramatisch sein, wie jüngst bei Volkswagen. Absolut entscheidend ist es also, dass mit Fehlern offen und lernend umgegangen wird und man aus jedem einzelnen die richtigen Schlüsse zieht, um ähnliche Fehler künftig zu vermeiden. Vertrauen den eigenen Mitarbeitern und Agenturen gegenüber, eine gelebte Fehlerkultur sind also entscheidend.

Vertrauen kann aber in meinen Augen nur entsteht, wenn sich der Gegenüber dieses Vertrauens auch würdig erweist. Reputationsmanagement, das Erkennen möglicher Reputationsrisiken ist eine wahnsinnig schwere Aufgabe. Alle Fakten immer korrekt wiederzugeben, ebenfalls. Das heißt auch, dass ich hier wirklich erfahrene und professionelle Experten auf beiden Seiten brauche. Diese Verantwortung einem Junior aufzubürden, ist meines Erachtens verantwortungslos.

So faszinierend und wichtig der Gedanke des MVP also für das Content Marketing ist, kann er also auch sehr erschreckend für traditionelle Strukturen sein. Doch wer sich der neuen digitalen Denk- und Arbeitsweise nicht anpasst, dem geht es dann wohl wie “Duke Nukem forever”. Als es nach 14-jähriger Entwicklungszeit endlich “done“ war, krähte kaum ein Hahn danach – denn nicht nur, dass es auf veralteter Technologie basierte, hatte sich die Welt inzwischen weitergedreht und bot keinen Platz für so ein sexistisches Produkt.



Autor: Karsten Lohmeyer

ist eine der bekanntesten Stimmen der deutschen Content-Marketing-Szene. Der DJS-Absolvent war lange als Journalist tätig und wurde als Lousy-Pennies-Blogger bekannt, bevor er für die Deutsche Telekom eine Content-Marketing-Agentur mit aufbaute. Er bewies schlechtes Timing, als er ausgerechnet im März 2020 eine neue Content-Marketing-Agentur gründete und anschließend durch die Corona-Krise auf der indonesischen Ferieninsel Bali strandete, wo seine Familie lebt.