Neue Barbie-Modelle sind eine Gratwanderung

Die Modernisierung mag auch deshalb nur schrittweise vorangekommen sein, weil Mattel den über Jahrzehnte gewachsenen Bekanntheitsgrad der Puppe dabei teils aufgeben und neu erarbeiten muss. "Wenn die Menschen die Augen schließen und an Barbie denken, sehen sie einen bestimmten Körper. Wenn dieser Körper sich ändert, könnte Barbie an Status verlieren", schrieb das "Time"-Magazin 2016. "Schlimmer noch: Einige Kunden mögen die neue Version vielleicht nicht."

Insgesamt hat die Puppe einen beeindruckenden Wandel hingelegt, seit die Mattel-Gründer Ruth und Elliot Handler sie 1959 auf der Spielwarenmesse in New York vorstellten. Vom Haarzopf á la Audrey Hepburn in den 1950er Jahren ging es über die sonnengebräunte "Malibu Barbie" der 70er zur emanzipierten Barbie der 80er und 90er, die als Ärztin, Astronautin, Feuerwehrfrau oder Managerin arbeitete. 1992 kam die Barbie-Präsidentschaftskandidatin auf den Markt - es sollte noch 24 Jahre dauern, bis Hillary Clinton in den USA gegen Donald Trump antrat. Die jüngste Errungenschaft: eine Kooperation mit National Geographic. Barbie geht jetzt als Meeresbiologin, Tierfilmerin oder Entomologin. 

Mit dem gefühlt wachsenden Interesse für Klatsch-Nachrichten wurde nach der Jahrtausendwende auch Barbies Liebesleben ein Thema. Hatte Plastik-Boy Ken seit 1961 an Barbies Seite gestanden, gab Mattel 2004 die Trennung der beiden bekannt, nur um das Traumpaar 2011 wieder zusammenzuführen. Mit Blick auf Garderobe, Accessoires und Frisuren sind einige Barbies durchaus noch Teil des internationalen Jetsets, andere sind - wie im wahren Leben - Künstlerinnen, Sportlerinnen oder Ingenieurinnen für Robotertechnik.

Obwohl Barbie lange als sexistisch galt, dürften ausgerechnet selbstbewusst-feministische Stars wie Sängerin Beyoncé, Schauspielerin Lena Dunham und #MeToo-Initiatorin Tarana Burke dem Hersteller in die Karten gespielt und die Verkäufe angekurbelt haben. Dazu beigetragen dürften aber auch Mattels Bestrebungen, etwa den Protagonistinnen des Films "Hidden Figures" ein Denkmal zu setzen. Darin geht es um vier NASA-Frauen, deren mathematische Fertigkeiten und Computerkenntnisse zum Erfolg des US-Weltraumprogramms beigetragen haben.  

Zum Jahreswechsel verhalfen starke Barbie-Verkäufe im Weihnachtsgeschäft dem angeschlagenen Branchenriesen wieder zu schwarzen Zahlen. Zuvor hatten ihr vor allem die "Bratz" und "Moxie Girlz" vom Hersteller MGA Konkurrenz gemacht, zeitweise tobte der Puppenkrieg sogar Gericht.

Mattel feilt mit den "Career Dolls" (Karriere-Puppen) weiter am Image der Puppe, die mit vollem Namen übrigens Barbara Millicent Roberts heißt. Unter den Heldinnen ist eine Puppe der Säbelfechterin Ibtihaj Muhammad mit muslimischem Hidschab, von Filmemacherin Patty Jenkins und Flugpionierin Amelia Earhart. Bei der feministischen Ikone Frida Kahlo ging der Schuss nach hinten los: Mattel hielt zu sehr an klassischen Schönheitsidealen fest. Die Kahlo-Puppe ähnelt dann auch der mexikanischen Malerin - Markenzeichen waren ihr Damenbart und ihre zusammengewachsenen Augenbrauen - nur entfernt.

Vollständig sein wird die "Barbie"-Kollektion wohl nie. Heute fehlen aus Sicht von Kritikern etwa eine Transgender-Barbie und ein schwules Paar. Matt Jacobi und Nick Caprio aus Arizona legten im Dezember deshalb selbst Hand an: Sie kauften das rosafarbene Hochzeits-Set, nahmen die Barbie aus der Box und setzten einen zweiten Ken hinein.

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Johannes Schmitt-Tegge, dpa


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W&V Redaktion
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