Kreation des Tages :
Campari demonstriert die hohe Kunst der Werbung

"The Art of Campari" heißt eine vor Kurzem eröffnete Ausstellung in London. Sie zeigt, was künstlerische Kreativität für Marken zu leisten vermag.

Text: Franz Scheele

Kreativität und herausragendes Design trugen wesentlich zur Markenidentität von Campari bei
Kreativität und herausragendes Design trugen wesentlich zur Markenidentität von Campari bei

Das Abgleiten in die Mittelmäßigkeit bei der kreativen Gestaltung, insbesondere beim Plakatdesign, setzte in den 90er-Jahren ein. Künstlerische Kreativität wurde von den Markenverantwortlichen immer weniger nachgefragt, schon aus Kostengründen setzte der Siegeszug der Archivbilder in der Werbung ein. Doch aktuelle Kampagnen von Unternehmen und Marken wie American Express, Snapchat, Ikea oder Rémy Martin geben Grund zur Hoffnung.

Dies ist das Fazit von David Harris, Chief Creative Officer im Londoner Büro der Agentur Gyro, in einer Besprechung der Ausstellung "The Art of Campari" der Estorick Collection am Londoner Canonbury Square. In seinem Beitrag für den Branchendienst Campaign weist Harris darauf hin, wie groß der Nutzen für Marken sein kann, wenn sie sich für junge Künstler engagieren und bei ihren Werbemaßnahmen auf deren Arbeiten setzen.

Vor allem Davide Campari (1867-1936) war es, der im Marketing für den rubinroten Aperitif neue Wege einschlug und dabei vor allem auf die damals neue Werbeform des Plakats setzte. In der Zusammenarbeit mit Künstlern und Designern wie Leonetto Cappiello, Marcello Dudovich, Adolf Hohenstein, Marcello Nizzoli und in den 20er-Jahren mit dem Futuristen Fortunato Depero wurde eine unverkennbare visuelle Identität für die Marke geschaffen.

Bitter Campari (Lo Spiritello) von Leonetto Cappiello, 1921.

Bitter Campari (Lo Spiritello) von Leonetto Cappiello, 1921.

Die Ausstellung der Estorick Collection zeigt zahlreiche Arbeiten aus dem umfangreichen Campari-Archiv in Mailand – von Original-Plakaten aus der Belle Époque über die revolutionären, futuristischen Kampagnen der 1920er-Jahre bis hin zum Pop-Design der 60er-Jahre von Künstlern wie Franz Marangolo und Bruno Munari. Zu sehen sind darüber hinaus erste Arbeitsskizzen, Flaschen, Gläser oder Getränkekisten.

"In unserer heutigen Welt, in der man zunehmend von Marken erwartet, dass sie für etwas stehen, spielt meiner Meinung nach die Qualität künstlerischer Kreativität eine umso größere Rolle", schreibt Harris in seiner Ausstellungsbesprechung. Und da gerade auch jüngere Konsumenten großen Wert auf gutes Design legten, werde dies auch für Marken immer wichtiger.

Heute würden alle über die Wichtigkeit sozialer Verantwortung für Marken sprechen, so Harris weiter. "Aber es ist nicht allein die ethische Wirkung, die von großer Bedeutung ist, sondern auch die ästhetische. Der Grund dafür ist einfach: Weil die Ästhetik den Unterschied macht zwischen einer Markenkommunikation, die Substanz und Wert hat, und einer Arbeit, die nichts anderes ist als Wegwerfware."

Cordial Campari liquor, von Marcello Nizzoli, 1926.

Cordial Campari liquor, von Marcello Nizzoli, 1926.

Die Ausstellung "The Art of Campari" läuft noch bis zum 16. September in der Estorick Collection, 39A Canonbury Square, London, N1 2AN. Der Katalog zur Ausstellung kostet 16,95 Pfund und kann online bestellt werden.


Autor:

Franz Scheele
Franz Scheele

Schreibt als freier Autor für W&V Online. Unverbesserlich anglo- und amerikanophil interessieren ihn besonders die aktuellen und langfristigen Entwicklungen in den Medien- und Digitalmärkten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.