Interview über Werbeparodien :
Cartoonist Ralph Ruthe: "Werbung ist was für große Egos"

Comiczeichner Ralph Ruthe erreicht mit seinen Werbeparodien Millionen. Höchste Zeit für W&V, sich mal mit ihm zu unterhalten. Zur Vorwarnung: Ab hier wird es für Werber ungemütlich.

Text: Anja Janotta

Comiczeichner Ralph Ruthe veräppelt Werbespots.
Comiczeichner Ralph Ruthe veräppelt Werbespots.

Comiczeichner Ralph Ruthe ist so etwas wie der Schrecken der Werber: Seine Werbeparodien erreichen regelmäßig auf Youtube ein Millionenpublikum. Auch Jung von Matt bekommt des öfteren mal eine mitgegeben (zum Beispiel einen Seitenhieb auf die Eis-Kampagne). Vor kurzem hat Ralph Ruthe auf Facebook seine Fans aufgerufen, ihm weitere Anregungen zu liefern - für die Folge 9 der Werbeparodien. Höchste Zeit also für W&V, mal mit ihm zu reden. Er bestand übrigens auf das "Du".

Fast 4000 Fans haben auf deinen jüngsten Facebook-Aufruf reagiert. Kann man das eigentlich alles noch selbst sichten und bewerten?

Ich lese und beantworte meine Kommentare und E-Mails tatsächlich alle persönlich. Anders wäre das auch gar nicht möglich, denn die Fragen sind oft so gestellt, dass mir das Beantworten keiner abnehmen könnte. Ich möchte, dass die Reaktionen auf Kommentare in meinen Social-Media-Kanälen durchgehend einen bestimmten Ton haben. Ich kenne niemanden, der das so schreiben würde wie ich. Außerdem könnte ich mir die Anstellung einer so qualifizierten Fachkraft gar nicht leisten.

Ehrlich gesagt habe ich beim von dir genannten Post aber nur die am meisten geliketen Kommentare gelesen, was dann auch schon 20 oder 30 Stück sind. Das genügt aber, um die Werbung zu finden, auf die sich alle einigen können. Und darum geht es mir bei den Parodien ja.

Du bist Experte für schlechte Werbung. Was macht besonders dumme Werbung aus? Was geht dir im Werbe-TV am meisten auf die Nerven?

Am meisten geht mir auf die Nerven, dass die Werbemacher den Konsumenten in den allermeisten Fällen für völlig verblödet halten und belügen.

Ohne Werbung geht es trotzdem nicht. Wie machst du gemeinsam mit Deinem Hausverlag Carlsen selber Werbung für deine Bücher? Was habt ihr aus den Fehlern der anderen gelernt und macht ihr besser?

Ich produziere ja selbst regelmäßig Spots, um meine Bücher, meine Live-Show oder die Ruthe-App zu bewerben. Darin habe ich meinen Fans noch nie irgendeine Unwahrheit erzählt. Im Gegenteil. Wenn ein Produkt nicht besonders gut, sondern nur "okay" ist (wie es bei der App der Fall gewesen ist), dann sage ich das auch ehrlich. Wenn in meiner Show nicht 90 Minuten neues Material zu sehen sind, sondern bereits 60 Minuten vom letzten Jahr, dann halte ich damit nicht hinterm Berg. Mit dem Ergebnis, dass die Leute mir diese Ehrlichkeit danken und mich durch den Kauf des Produkts oder einen Besuch in der Show unterstützen. Wieso machen das andere Firmen nicht? Es macht unangreifbar und der Konsument dankt einem die Offenheit.

Fragen wir mal so: Was ist das mieseste, was dir je untergekommen ist?

Sämtliche Homann-Spots mit Barbara Schöneberger als Testimonial. Ein in Mayonnaise gerührter, uninspirierter, billiger und sexistischer Marketingmüll, mit dem sich diese eigentlich talentierte Frau weit unter ihrem Wert verkauft. Beschämend.

Gibt es bei Ruthe eine Lieblingswerbefigur? Der Goldbär? Das Überraschungsei? Die Mainzelmännchen? Warum?

Die sind mir eigentlich alle viel zu flach und austauschbar, als dass ich sie mögen können - keine wirklichen "Charaktere". Am liebsten mochte ich früher den "Gilb", der das Weiß aus den Gardinen fraß. Ein kleiner fieser (aber niedlicher) Antiheld, mit dem ich sofort sympathisierte.

Und einen Lieblingsclip?

Ich muss sagen, dass ich überhaupt keine aktuelle Werbung mitbekomme, weil ich seit 10 Jahren kein lineares Fernsehen mehr schaue. Erst, wenn ich wieder einen Aufruf an meine Follower starte, mir die ihrer Ansicht nach nervigste Werbung zu nennen, muss ich mir den aktuellen Wahnsinn wieder reinziehen. Schön ist das nicht. Aber zum Glück inspirierend!

Wie sind eigentlich die Reaktionen der "Opfer"? Hat sich je ein Markeninhaber beschwert? Hat sich das ZDF über kiffende Mainzelmännchen echauffiert? Gab’s mal Drohungen, aufgebrachte Anrufe, Hasskommentare von Jung von Matt oder anderen Agenturen?

Beschwert hat sich bisher niemand, es gab einige wenige positive Reaktionen. Spontan erinnere ich mich da an Danone oder ein sehr süßes Dankesvideo von Marcell D'Avis. Insgesamt vermute ich aber, dass den Agenturen grundsätzlich eher ziemlich egal ist, was ich da mache. Werbung ist ein Geschäft für extrem wichtige Menschen mit großen Egos. Ich bezweifle, dass man sich dort mit dem Werk eines Witzbildmalers beschäftigt.

Und umgekehrt, gab's auch mal unanständige Angebote? Würdest du prinzipiell für die Werbung arbeiten?

Ich übernehme eigentlich grundsätzlich keine Auftragsarbeiten. Zum einen fehlt mir bereits jetzt die Zeit, all meine eigenen Projekte zu realisieren. Zum anderen kann ich von meiner Arbeit gut leben und muss deshalb keine Jobs aus der Werbung annehmen. Aktuell bin ich aber in der glücklichen Situation, dass ich wohl mit einer Marke zusammenarbeiten werde, weil uns ein glücklicher Zufall zusammengeführt hat. Ich sage noch nicht, welche Marke das ist, weil die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen sind. Aber es hat etwas mit dieser Aktion zu tun: *zwinkerzwinker*

Entscheidest du nach einem festen Kriterienkatalog und Strichliste oder nach dem Bauch, welcher Spot als nächstes aufgegriffen wird?

Aus dem Bauch raus. Ich schaue die Originalspots und notiere, was mir jeweils dazu einfällt. Dann beginne ich, mit diesen Elementen ein Drehbuch zu schreiben und schaue, wo es mich hinführt, ob es irgendwo klickt. Der Rest ist eine Mischung aus Handwerk und Zauberei, die ich bis heute selbst nicht begriffen habe.
 
Wenn man aus den ersten Vorschlägen eine Tendenz rauslesen wollte, wäre beim nächsten Flight auf alle Fälle Mario Barth für Verivox, Jobware TV, Lenor, die Fisher-Chöre für McDonald’s und Check 24 mit den unvergleichlichen Familien dabei. Gibst du uns schon einen kleinen Tipp, in welche Richtung es gehen wird?

Ich würde sagen, da lassen wir uns alle einfach mal überraschen. Mich eingeschlossen.

Mal reinsehen? Hier ist das letzte Ruthe-Video vom August 2016:


Autor:

Anja Janotta, Redakteurin
Anja Janotta

seit 1998 bei der W&V - ist die wohl dienstälteste Onlinerin des Hauses. Am liebsten führt sie Interviews – quer durch die ganze Branche. Neben der W&V-Morgenpost, Kreativ- und Karrierethemen schreibt sie ab und zu was völlig anderes - Kinderbücher. Das jüngste dreht sich um  ein paar nerdige Möchtegern-Influencer.