Das alles erhöht den Druck auf die großen Brauereien. Ihre Produkte werden sich immer ähnlicher – sowohl in der Positionierung, als auch geschmacklich. Die sogenannten "Fernsehbiere", die jahrelang mit aufwändigen TV-Spots zu den besten Sendezeiten präsent waren, verkaufen längst schon über den Preis. Sprich: Der Kunde greift im Getränkemarkt zu dem Kasten, der gerade im Angebot ist. Dass am Ende weniger Gewinn für die Konzerne übrig bleibt, liegt auf der Hand.

Teuer ist kein Hindernis

Dabei gibt es einen Markt für teurere Biere. Craft Biere erobern gerade den Getränkemarkt. Unter dem Begriff Craft Beer versteht der Verband Private Brauereien alle Biere, bei denen die Herkunft der Rohstoffe bekannt sind, die handwerklich gebraut sind, aus unabhängigen Brauereien stammen, bei denen der Brauer mit seiner Philosophie im Vordergrund steht und die am Ende auch noch schmecken. Selten kostet so eine Flasche Handwerkskunst den Verbraucher weniger als zwei Euro, nach oben gibt es kaum eine Grenze. 

Abschrecken lassen sich die Kunden davon nicht. Im Gegenteil. Sie sind bereit, für das Gefühl, das ihnen ihr neues Lieblingsbier vermittelt, zu bezahlen. Wer weniger Bier konsumiert, der will dann, wenn er nach der Flasche greift, etwas Besonderes haben. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um hochwertigen Inhalt.

Auch die Konzerne versuchen ihr Glück

Craft Biere sind so erfolgreich, dass auch die Konzerne längst auf den Zug aufgesprungen sind. So hat Radeberger seine Marke Braufactum ins Leben gerufen, Veltins verpackt Grevensteiner in hübsch-altmodische Flaschen und Warsteiner brachte zum 500. Geburtstag die Braumeister Edition auf den Markt. 

Doch was die Konzerne nicht leisten können, ist das Alleinstellungsmerkmal, das authentische Gesicht hinter einem Produkt. Doch genau darauf kommt es an. Der Konsument legt Wert darauf, den Brauer hinter der Marke zu kennen, ein Produkt mit einer echten Philosophie zu trinken und die Leidenschaft und das Können des Brauers zu schmecken. Je einzigartiger die Geschichte des Unternehmens ist, umso besser für die Markenstrategie. Denn damit unterscheiden sie sich von den großen, in der Regel gesichtslosen Konzernen.

Dabei profitieren die kleinen Brauereien davon, dass immer mehr Konsumenten wissen wollen, wo die Lebensmittel herkommen, welche Inhaltsstoffe sie beinhalten und wie das Produkt entstanden ist. Ein Gesicht hinter dem Bier beantwortet diese Fragen, bindet den Verbraucher emotional an die Marke und vermittelt den Bierkäufern ein Gefühl der Transparenz.

Auf den Geschmack gebracht

Eine gute Geschichte hilft jedoch nur dann, wenn die Konsumenten das Produkt auch gerne trinken. Mittlerweile ist der Begriff Craft Beer eingeführt, die Verbraucher haben gelernt, dass kleine Brauereien in der Lage sind, gute Qualität zu liefern. Nicht jeder Hersteller muss bei der Bewerbung seiner Biere ganz am Anfang ansetzen und zunächst einmal Begrifflichkeit erklären. 

Und doch ist Pionierarbeit notwendig. Der Biertrinker muss sich an die verschiedenen Stile und Geschmäcker gewöhnen, Hemmschwellen überwinden - und seine Favoriten herausfinden. 

Um die Konsumenten von den neuen Produkt zu überzeugen, legen sich die Brauer ordentlich ins Zeug. Verkostungen wie beim Wein sind immer mehr im Kommen. Plötzlich geht es um Aromen wie Pfirsich und Holunder, die in der Nase und am Gaumen wahrnehmbar sind. Kein Wunder, dass Craft Biere die Chance bieten, neue Zielgruppen anzusprechen. Vor allem Frauen und Genießer, die bisher eher auf erlesene Weine standen, sollen an die neuen Biere herangeführt werden. Wenn sich dann irgendwann auch die Liebhaber von Warsteiner, Becks und Co den Craft Bieren zuwenden, dann haben die mittelständischen Brauereien ihr Ziel erreicht.

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Lena Herrmann
Autor: Lena Herrmann

schreibt als Redakteurin für das Marketingressort der W&V unter anderem über Sportmarken und Reisethemen. Beides beschäftigt sie auch in ihrer Freizeit. Dann besteigt sie Berge, fährt mit dem Wohnmobil durch Neuseeland und Kanada, wandert durch Weinregionen oder sucht nach der perfekten Kletterlinie.