Die Negativschlagzeilen der vergangenen Monate rund um Dieselbetrug, Dieselgipfel, Nachrüstungen von Millionen Autos und Kartellverdacht machen die Glanz-verwöhnte Autoschau in diesem Jahr zur "merkwürdigsten IAA aller Zeiten" (dpa). Das "Manager-Magazin" nennt die diesjährige Autoschau die "Schicksalsmesse für die Autoindustrie", die "Automobilwoche" schreibt: "Nie war eine IAA politisch so aufgeladen."

VDA-Präsident Wissmann formuliert die diesjährigen Herausforderungen so: "Diese IAA findet in besonderen Zeiten statt. Die öffentliche und politische Stimmungslage ist extrem anspruchsvoll." Verloren gegangenes Kundenvertrauen muss wieder aufgebaut werden, die grollende Politik kurz vor der Bundestagswahl besänftigt, Investoren beglückt, neue Partner überzeugt werden. Die erfolgsverwöhnte Industrie muss zeigen, wie sie den Abgasskandal bewältigt, den technologischen Umbruch managt und der starken internationalen Konkurrenz begegnet. Es gilt, den Ruf der deutschen Ikone Auto zu verteidigen.  

Wer der IAA fernbleibt

Doch manche Autohersteller sehen dafür die IAA nicht mehr als geeignete Bühne an. Zwar sind mehr als 50 Automarken und hunderte Zulieferer vertreten - insgesamt nennt die Messe 994 Aussteller - aber Marken wie Fiat, Nissan, Aston Martin, General Motors, Peugeot und erneut Volvo bleiben der Messe fern.

Auch Tesla ist nicht dabei. Der Elektropionier braucht keine Werbebühne, die Nachfrage nach seinen Modelle ist hoch genug. "Das wichtigste Auto des Jahres ist auf der IAA nicht zu sehen", monierte im Vorfeld Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer mit Blick auf das Elektroauto Tesla 3, das dem US-Unternehmen geradezu aus den Händen gerissen wird. Tesla präsentiert und vertreibt das Modell im Internet, was der Chef des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen für zeitgemäßer hält. Dennoch: Die IAA bleibt Pflichtveranstaltung für den Großteil der Branche, gerade und besonders jetzt. Die geballte Präsenz und Berichterstattung zur IAA bietet die Bühne für die Themen, mit denen sich die Autoindustrie durch die momentan eher dicke Luft navigieren möchte.   

VDA-Präsident Wissmann streift bei der Auftakt-PK-Rede die lästige Dieseldiskussion deshalb auch nur kurz und lenkt stattdessen die Aufmerksamkeit auf alternative Antriebe und die "enorme Bedeutung der Digitalisierung". Als wahrhaft großes Zukunftsthema preist er das vernetzte Auto mit all seinen Vorteilen und autonomes Fahren an. Die Branche sieht sich nicht als Problemschaffer, sondern als Problemlöser für die Sicherheitsfragen und Mobilitätsherausforderungen der Zukunft.

So widmet sich die Teilausstellung "New Mobility World" Themen wie Carsharing und Vernetzung mit dem öffentlichen Nahverkehr. Partner sind große Technologiefirmen wie Google und Facebook und zahlreiche IT-Dienstleister, die auf der IAA ausstellen oder prominente Auftritte haben. Gleichzeitig sind sie gefürchtete Daten-Konkurrenz: So kündigt etwa Audi auf der Messe an, einen eigenen digitalen Assistenten auf den Markt zu bringen. 

Wie es um die E-Zukunft steht

Die Branche befindet sich in einem grundlegenden Umbruch und will die Richtung selber bestimmen. Die Autoindustrie investiert in den nächsten Jahren Milliarden in alternative Antriebe wie Elektromobilität, hält aber auch daran fest, dass fortschrittliche Verbrennungsmotoren und der Diesel eine Zukunft haben. Am E-Auto führt kein Weg vorbei, da sind sich alle einig.

So wollen Daimler, Volkswagen und BMW zwischen 2022 und 2030 ihre sämtlichen Modelle auch mit elektrifizierten Antrieben anbieten und zahlreiche reine Elektroautos auf den Markt bringen. So gibt es etwa den Stadtflitzer Smart ab 2020 in Europa und den USA nur noch mit Batteriebetrieb. Und BMW greift mit der Studie i Vision Dynamics direkt Tesla an. Die Neuheiten der IAA kann man sich zum Beispiel hier anschauen. 

Doch noch ist vieles Zukunftsvision, noch verdienen die Hersteller mit den herkömmlichen Antrieben ihr Geld. So betrachte Daimler Elektrofahrzeuge als "Rendite-Killer" und kündigt Investoren deshalb ein massives Sparprogramm an, wie das "Manager-Magazin" berichtet. "Verbrennungsmotoren bleiben über längere Zeit das Rückgrat für die CO2-Ziele und auch unsere Finanzstärke", wird Mercedes-Boss Dieter Zetsche zitiert. Optimistisch äußert sich BMW-Vorstandschef Harald Krüger. "Elektrofahrzeuge sind aktuell nicht so profitabel wie Verbrennerfahrzeuge. Aber das wird sich ändern". Er glaubt, dass sich ab 2020 die Gewinnmargen deutlich annähern. 

Aber weil das noch in weiter Ferne liegt, rückt auch in diesem Jahr fast jeder Hersteller Geländewagen und SUV ins Messe-Rampenlicht, Mercedes immerhin auch ein wuchtiges Modell mit Wasserstoff-Elektro-Antrieb. SUVs sind immer noch der am schnellsten wachsende Sektor, der willige Kunde bestimmt die Richtung eben auch mit. 

Außerdem findet sich für einen durstigen SUV mit Verbrennungsmotor auch schneller eine Zapfsäule als für Elektroautobesitzer unterwegs eine Stromquelle. Die mangelhafte E-Infrastruktur, das Batterieproblem: Auch so ein Thema, bei dem die Autoindustrie international nicht gerade vorne mitfährt und unfreiwillig den Blick auf Bessermacher Tesla lenkt. Eine gemeinsame Messe hilft hoffentlich auch bei gemeinsamen Lösungen.

Wer ganz oben mitfährt

Das Oberklasse- und Luxus-Segment ist auf der IAA ebenfalls reich vertreten, unter anderem mit dem neuen Audi A8, dem Rolls-Royce-Phantom, dem Bentley Continental und der dritten Generation des Porsche Cayenne.

Mercedes-Benz traut sich hier richtig was - und protzt in diesen sensiblen Zeiten ganz besonders, mit dem geschätzt 3 Millionen Euro teuren Supersportwagen AMG Project One, der schlappe 1000 PS stark ist und eine Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h erreicht. Immerhin mit Hybridantrieb. Die 275 geplanten Exemplare sind bereits ausverkauft, Mercedes hatte nach eigenen Angaben vier Mal so viel Interessenten. Ein heftiger Image-Spagat, den sich die Marke da zumutet - zwischen massenkompatibler Elektromobilität und diesem Monster von Luxus-Schlitten. 


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

koordiniert und steuert als Newschefin der W&V den täglichen Newsdienst und schreibt selber über alles Mögliche in den Kanälen von W&V Online. Sie hat ein Faible für nationale und internationale Kampagnen, Markengeschichten, die "Kreation des Tages" und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.