Warum passt Wunsiedel?

Wunsiedel passt so gut, weil die Marschroute, das Datum, der Anlass und auch die gesamte Situation sehr ritualisiert und damit vorhersehbar sind. Und Wunsiedel aufgrund der jährlichen Aufmärsche nach einem alternativen Ansatz suchte. Es war dort erst einmal nicht von groben Störungen auszugehen. Wir haben schon lange Kontakt zu Bündnispartnern im Raum Wunsiedel: Der Projektstelle gegen Rechtsextremismus Bad Alexandersbad, dem Bayerischen Verein für Toleranz, Demokratie und Menschenwürde e.V., der Aussteigerhilfe Bayern e.V., dem DGB Bayern und dem Wunsiedler Bündnis gegen Rechtsextremismus. Partner vor Ort sind sehr relevant, um Multiplikatoren zu aktivieren, um die Idee zu transportieren, Akteure zu gewinnen, die uns vor Ort unterstützen und die Aktion letztlich umsetzen können. In Wunsiedel war dies alles gegeben, weil es schon gewachsene Strukturen gibt. Und das war eine Ressource, auf die wir dann zurückgreifen konnten. Die Partner haben uns sehr tatkräftig unterstützt. Ohne sie wäre diese gesamte Aktion nicht möglich gewesen. Alle Beteiligten haben hier wirklich großartige Arbeit geleistet.

Mussten Sie in Ihren Gremien viel Überzeugungsarbeit leisten? Oder war die Idee schnell akzeptiert?

Die Kommunikation des Konzeptes war relativ einfach. Da waren alle schnell dabei. Ein großes Problem war dagegen die knappe Zeit. Die größte Herausforderung war die Spendenakquise im Vorfeld. Wir hatten ja nur einen kleinen Kreis eingeweiht, alles war sehr konspirativ, deshalb konnten wir die Idee nicht so weit nach draußen tragen. Was nicht einfach ist, wenn man trotzdem Spender werben will. Denn es war klar: Wenn wir nicht eine erträgliche Summe zusammenbekommen, dann brauchen wir es gar nicht erst machen. Wie beim Poker: Wenn der Einsatz nicht steht, dann können wir nicht mitspielen. Doch letztlich haben wir es geschafft, über die Netzwerke vor Ort, aber auch mit Spendern deutschlandweit.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Behörden?

Die gesamte Aktion wurde sehr konspirativ vorbereitet. Wir sind deshalb vom "Worst Case" ausgegangen - dass wir in der Nacht oder zehn Minuten vor der Streckensperrung in die Route springen und die Plakate anbringen. Im Planungsprozess, nach der Begehung und Vorortbesichtigung am Abend davor haben wir festgestellt, dass es noch ein paar Probleme gibt. Deshalb haben wir über den Partner vor Ort Kontakt zur Polizei gesucht. Der hat die Idee noch nicht beschrieben, nur Stück für Stück etwas mehr erzählt. Am Morgen der eigentlichen Demonstration fragte die Polizei dann, was "Rechts gegen Rechts" denn nun eigentlich bedeuten sollte. Wir haben dann noch versucht, die Aktion konspirativ und sehr verklausuliert darzustellen. Dann sagte der Polizist: "Die Neonazis spenden also heute gegen sich, oder wie?" Äh, Ja. Da ist er grinsend davongegangen. Und so lief dann der gesamte Prozess. Die Polizei wurde über den Tag immer zugänglicher. Auch die notwendigen Ämter, die involviert waren, fanden das wunderbar und ließen uns machen.

Die Neonazis "spielten" ja mit: Haben die das nicht kapiert oder ignoriert?

Die haben das ignoriert. Das liegt in der Natur der Sache – der Aufmarsch wird als Heldengedenken inszeniert. Da gibt es ganz klare Anweisungen vom Anmelder, die nicht nur ordnungspolitisch begründet sind (wie z.B. das Verbot, sich auf Rudolf Hess zu beziehen). Sondern es gibt auch formale Regeln, an die sich die Demonstranten halten sollen. Und das ist Ruhe, und die Anweisung, sich nicht provozieren zu lassen, um den Anlass entsprechend zu würdigen. Die Neonazis haben die Banner natürlich wahrgenommen, aber die vorgeschriebene Fasson gewahrt. Das war nicht von vornherein so sicher. Deshalb haben wir uns lange mit der Frage auseinandergesetzt,  ob durch unsere Aktion die Situation vielleicht doch kippen könnte. Davor hatten wir einen großen Respekt und haben deshalb versucht, die Aktion so zu planen, dass niemand zu Schaden kam, auch keine Demonstranten. Von dem Spendenlauf sollte in keiner Weise irgendeine Gefahr ausgehen. Wir wurden später gefragt, ob anfeuernde Menschen nicht ein tolles Bild geliefert hätten. Das mag sein. Aber es wäre auch ein schwieriges Bild geworden, wenn – auch in diesem Kontext – 500 Menschen Neonazis anfeuern. Deshalb war der abgeschottete Bereich auch ganz gut.

Wie sind die Reaktionen?

Wir erleben eine unglaublich positive Resonanz von überallher. Wir haben Interviewanfragen aus Kanada und vielen anderen Ländern. Die eine Reaktion: "Da hat endlich mal jemand etwas anderes versucht. Mit Witz, Humor und Ideenreichtum kann man also doch noch eine ganze Menge bewegen." Es gibt auch vereinzelt Kritik. Nach dem Motto: Mit eurer Aktion habt ihr die Nazis nicht blockiert, sondern ihren Lauf sogar befeuert. Und stattdessen die Linken blockiert, die vielleicht die Nazis hätten blockieren wollen. Da geht es um eine Positionsdiskussion. Und wir stehen nicht für einen restriktiven Umgang. Wenn es ein Demonstrationsrecht gibt, dann müssen wir das einräumen. Das ist richtig und wichtig so, auch wenn einem das nicht gefällt. Die Frage ist, was will man eigentlich erreichen? Deshalb muss man sich vor so einer Aktion die Rahmenbedingungen anschauen: Wie reagiert die Stadt auf den Aufmarsch? Was wollen die Bürger? Wollen sie vielleicht selber blockieren oder bevorzugen sie einen anderen Weg?

Haben Sie mit diesem Echo gerechnet?

Wir haben mit Aufmerksamkeit gerechnet, aber nicht, dass es solche Ausmaße annimmt, dass so breit berichtet wird, auch international. Die Zielstellung war Aufmerksamkeit, eine professionelles Aufbauen dieser Aktion, die Spendenakquise und Wunsiedel im Blick zu haben. Aber wenn ich ehrlich bin, dann wollten wir auch mal diese Idee laufen sehen. Das war ein innerer Ansporn, diese Idee umzusetzen. Diese Herangehensweise, das Medienecho und die Reaktionen entsprechen unserem Konzept Community-Coaching. Dabei geht es um die Frage, wie man mit Rechtsextremismus in der eigenen Kommune umgeht. Und dabei an die Strukturen vor Ort anknüpft, Identitätsbilder schafft und Leute gewinnt. Diese Form der medialen Auseinandersetzung ist nun quasi Community Coaching 2.0. Im Sinne von: Wir schaffen Identitätsmöglichkeiten, wir schaffen Auseinandersetzungsformen, aktivieren Menschen, sich zu engagieren und geben damit der Stadt eine Möglichkeit, sich mit einem neuen Bild zu identifizieren und das auch zu kommunizieren.

Macht sich das auch bei den Spenden bemerkbar?

Da kenne ich nicht den aktuellen Stand. Viel wichtiger war uns die Schaffung von Aufmerksamkeit und die Diskussion um den Umgang mit Demonstrationen. Und das haben wir bis zum Optimum ausgereizt. Wir sind enorm erfreut über die Reaktionen und die Reichweite. Und auch über die Diskussionen, die sich jetzt daran anschließen.

Funktioniert die Idee noch einmal? Könnten sie auch andere Kommunen nutzen?

Das kann ich nicht sagen. Sowas kann sich ja auch schnell abnutzen. Doch wer weiß? Es gibt Gemeinden, die sich melden und sich freuen über diese frische Idee. Vielleicht ist unser Spendenlauf auch ein Auftakt für etwas Größeres und wir setzen solche Aktionen jetzt in anderer Form um. Wir überlegen natürlich, wie wir damit perspektivisch weiter umgehen werden und wie man die entwickelte Infrastruktur nutzen kann.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Spendenlauf ist eben nicht nur ein Marketing-Gag, sondern dadurch gerät auch für unsere Arbeit einiges in Bewegung. Wir hoffen, dass wir diese Aktion für die Stabilisierung unserer Arbeit nutzen können. Es war ja auch von vornherein nicht als PR-Gag gedacht, sondern es ging um die Frage nach der alternativen Auseinandersetzung. Und gleichzeitig um die Frage, wie man nachhaltig strukturiert ein Modell der Spendenakquise entwickeln kann. Ein Modell, das innovativ ist und dem Nutzer Freude macht. Und damit auch einen leichteren Zugang zum Thema der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus bietet.

Wie bewerten Sie den Mediawert der Aktion?

Viele Menschen haben mitgeholfen, es sind viele Partner involviert, etliche arbeiten auch pro bono, weil sie an der Sache und der Idee interessiert sind. In den Medien gibt es so viele Beiträge und Verweise, etwa in der "Anstalt" oder "Circus Halligalli". Wir als Initiative sind weit entfernt, auch nur annähernd eine solche Repräsentanz in den Medien monetär zu leisten. Dafür würde uns auch niemand einen Sendeplatz geben.

Neben der unglaublichen weltweiten Presseresonanz freut uns besonders die unglaubliche positive Resonanz aus der Stadt Wunsiedel. Eine Stadt, die Jahr ein, Jahr aus an die Grenzen des Zumutbaren gebracht wurde. Eine Stadt, die schon zu resignieren drohte. Viele Wunsielder dachten, Protest würde nichts mehr bringen, weil die Neonazis eh jedes Jahr aufmarschieren. Nun gebe es endlich mal eine andere Idee, die motiviert und zeigt, dass doch noch was möglich ist.

Und nach der medialen Verbreitung gibt es nun in Remagen und Weißenfels erste Aktionen, die der Idee folgen. Das Ziel: Einen alternativen Umgang mit Neonazi-Demonstrationen zu erproben ist vollständig erreicht worden und wir sind beeindruckt von der Wirkung. Wir wollen aber auch deutlich machen, die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus benötigt Unterstützung, Finanzierung und ist eine langfristige gesellschafts-politische Aufgabe.

War "Rechtsgegenrechts" also nicht nur eine einmalige Aktion?

Es war das Debüt. Die Geburt und die Kindheit. Die Jugendjahre sind jetzt noch in der Diskussion.


Autor:

Frauke Schobelt, Ressortleiterin
Frauke Schobelt

koordiniert und steuert als Newschefin der W&V den täglichen Newsdienst und schreibt selber über alles Mögliche in den Kanälen von W&V Online. Sie hat ein Faible für nationale und internationale Kampagnen, Markengeschichten, die "Kreation des Tages" und die Nordsee. Und für den Kaffeeautomaten. Seit 2000 im Verlag W&V.