Kommentar :
Erstwähler müssen bescheuert sein

Kurz vor Schluss wollen CDU und SPD noch junge Wähler krallen. Mit merkwürdiger Werbung - und mit Dingen, die sie für Cat Content und Hashtags halten.

Text: Jochen Kalka

Würden Katzen SPD wählen?
Würden Katzen SPD wählen?

Peinlicher geht es kaum. Kurz vor knapp wagten es jetzt, im September, CDU und SPD, Erstwähler mit merkwürdigen Botschaften an die Urne zu locken. Die SPD etwa zeigt auf einer Postkarte das Foto einer Katze. Dazu der Spruch: „Du kommst auch mit Kater ins Wahllokal.“ Wow, da haben die SPD-Werber das Thema Cat-Content komplett missverstanden.

Unnötige Katerstimmung

Aber, klar, das ist sozialdemokratischer Humor. Auch auf der Rückseite der Postwurfsendung: „Kommt mit Kater oder ohne. Denn das kannst du wählen“. Vier Punkte werden dann genannt, für die die SPD stehen soll: „Keine Gebühren für Bildung“, gut erkannt, liebe SPD, das ist zielgruppengerecht. Dann das Thema „Keine sachgrundlose Befristung im Job, damit du planen und leben kannst.“ Der Begriff „sachgrundlos“ wird sicher hemmungslos von den jungen Menschen verstanden und bejubelt. Es folgen „gut bezahlte Arbeit“ sowie „Frieden und offene Grenzen in Europa“. Alles in Abgrenzung zu den Parteien, die schlecht bezahlte Arbeit und Krieg propagieren?

Wow. All diese Inhalte werden natürlich in Du-Form serviert. Du ist cool. Persönlich. Jung. Doch mal im Ernst: Wieso sollen die jungen Erwachsenen nicht für voll genommen werden? Es sind Persönlichkeiten, die längst eine Meinung haben. Die sich für viel mehr interessieren, als die alten Politköpfe glauben.

Eine Stimme für "The Circle"

Fast noch peinlicher wagt sich die CDU an die Erstwähler. Der Name des Wahlkreispolitikers steht nur klein im Eck, groß hingegen, etwa beim MdB Dr. Joachim Pfeiffer: „#jopf@theMovies“. Ja, ehrlich, kein Witz, hier wird mit Hashtag und @-Zeichen operiert, dazu am Abend vor der Wahl ins Kino geladen, „for free“, wie es wörtlich heißt, in den Film „The Circle“.

Und die Argumente der CDU? „Wir in der Union stehen für Entlastung statt Belastung, für Freiheit statt Verbote“. Starke Argumente. CDU statt Eltern, so wirkt es. Drei Argumente werden hervorgehoben: „Optimale Startchancen ins Berufsleben mit ausreichend Ausbildungs- und Studienplätzen“, dann natürlich „schnelles Internet und einen flächendeckenden Breitbandausbau in unserer Region“ sowie, aufgepasst: „Technologiebegeisterung, innovative Ideen und Freude am Gründen“.

Aufklärung über Erst- und Zweitstimme

Alles klar? Ist doch immer wieder beeindruckend, wie sich Parteien für die junge Generation stark machen. Wie sie sich in ihre Wünsche und Bedürfnisse hineinversetzen. Immerhin spricht die CDU ihre potenziellen Wähler mit „Sie“ an. Und immerhin klärt die CDU in saloppen Worten auf, wofür die Erst- und die Zweitstimme stehen. Erststimme: „Für eine starke Vertretung unseres Wahlkreises“, Zweitstimme: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“.

„Noch Fragen?“, fragt die CDU am Schluss. Die beantwortet der Kandidat gemeinsam mit dem CDU-Generalsekretär Manuel Hagel live im Kino.

Kein Platz für Rassismus

Bei aller Kritik muss man allerdings auch ein lobendes Wort aussprechen: Jede Aktion, die dazu beiträgt, dass gerade auch junge Menschen ins Wahllokal gehen, ist zu begrüßen. Damit rassistische Tendenzen möglichst wenig Platz im Bundestag kriegen.

Ach ja - den Wahlkampf in Werbung und Medien begleiten wir mit diesem Dossier.


Autor:

Jochen Kalka, Chefredakteur
Jochen Kalka

ist jok. Und schon so lange Chefredakteur, dass er über fast jede Persönlichkeit der Branche eine Geschichte erzählen könnte. So drängt es ihn, stets selbst zu schreiben. Auf allen Kanälen.


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