Haltbares schlägt Gesundes.

Haltbares schlägt Gesundes.

Während die Gewinner bei Food & Beverages Nudeln, Mehl, Konserven und TK-Ware sind, verlieren Alkoholika, allen voran Bier. Der Virus macht vor allem dem weltgrößten Bierbrauer AB InBev mit Marken wie Beck's, Budweiser, Stella Artois und Corona (sic!) schwer zu schaffen.

Dass kulturell unterschiedlich gehamstert wird, mag aufgrund von anderen Ernährungsweisen nachvollziehbar sein. Es gibt aber auch Unterschiede, die ein Schmunzeln hervorrufen: So hat in den Niederlanden die Ankündigung, alle Coffeeshops zu schließen, für lange Schlangen gesorgt. In Frankreich werden hingegen Kondome und Rotwein knapp – eine romantische Mischung für die Zeit in der Quarantäne.

Kaufmuster in Zeiten von Corona

Konsumenten kaufen je nach Stadium des Corona-Virus bzw. dessen Ausbreitung im Land unterschiedlich, wie eine aktuelle Nielsen-Studie zeigt (s.u.). In den ersten beiden Phasen geht es noch um ein proaktives bzw. reaktives Einkaufen zum Thema Gesundheit und Hygiene. Diese Zeit haben wir inzwischen hinter uns. Das wird spürbar an den nicht mehr verfügbaren Handhygiene-Produkten oder Mundschutz-Masken.

Die dritte Phase beinhaltet laut Nielsen die "Pantry Preparation", in der befinden wir uns im Moment. Der Supermarkt-Besuch wird strategisch geplant. Mit Einkaufsliste, zu frühen Uhrzeiten und unter Umständen mit dem Abklappern mehrerer Märkte hintereinander, weil die gewünschten Produkte nicht vorrätig sind.

Konsumverhalten in Zeiten der Krise

Konsumverhalten in Zeiten der Krise

Doch nicht nur, wie wir einkaufen, sondern auch, auf was wir bei Lebensmittel-Produkten achten, ändert sich durch Corona. Laut einer global angelegten Studie von Nielsen aus dem Jahr 2018 zum Thema Premiumisierung "waren die Verbraucher am ehesten dazu bereit, einen höheren Preis zu bezahlen, wenn Produkte mit hohen Qualitätsgarantien und Sicherheitsstandards versehen waren. Weltweit gaben 49 Prozent der Verbraucher an, dass sie in hohem Maße bereit seien, für diesen Vorteil einen Preisaufschlag zu bezahlen".

Unter den aktuellen Voraussetzungen geht Nielsen nun davon aus, dass sich der Anspruch der Konsumenten in punkto Produktqualität und -wirksamkeit noch verstärken, die Preissensibilität hingegen abnehmen wird.

Die Ableitung: Zukünftig werden die Marken und Unternehmen gewinnen, die transparent und vertrauensvoll über Herkunft und Herstellung informieren. Regionale und lokale Produkte können ihren Siegeszug fortsetzen. Die Motivation für den Kauf mag sich verschoben haben: Neben Nachhaltigkeit geht es nun verstärkt auch um die persönliche Sicherheit.

Genuss auf neuen Wegen

Während das Hamstern als eher unsolidarisch betrachtet wird, gibt es auch zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie unter erschwerten Bedingungen schnelle und innovative Lösungen gefunden werden, die auf das "Wir" setzen.

Die Markthalle Neun in Berlin empfiehlt in ihrem Newsletter nicht nur zügiges Einkaufen mit Einkaufszettel, um die Zeit im Laden zu reduzieren, sondern kuratiert auch passend zur aktuellen Lage das Sortiment mit Produkten kleiner Hersteller: "Es gibt wenige Dinge, die einen die aktuelle Situation vergessen lassen. Aber ein Teller Spaghetti mit Tomatensauce hat dennoch etwas Tröstendes – Sugo, der nach Kindheit riecht und schmeckt, wie von der Nonna gekocht" und sensibilisiert gleichzeitig für die aktuell "kalten Küchen" aka die Gastronomie, die wie so viele andere unter der Pandemie zu leiden haben oder kurz vor dem Aus stehen.

Markthalle Neun berichtet auch über die zahlreichen kreativen und innovativen Initiativen, die Mut machen. Wenn Kunden nicht mehr kommen wollen oder können, dann muss man sie auf anderen Wegen erreichen. Denn: Gegessen wird immer. Die Frage ist wo und mit wem?

In Zeiten von Corona ist dies eher das Home-Dinner im engsten Familienkreis als das ausgelassene Essen mit Freunden im Restaurant. Aber: das muss kulinarisch nicht langweilig sein. Restaurants und Cafés lassen sich einiges Neues einfallen, um mit dieser neuen Situation umzugehen.

Mrs. Robinson lädt ein.

Mrs. Robinson lädt ein.

Das Mrs Robinson’s im Prenzlauer Berg bringt ein Steak Dinner for Two oder ein Luxe Brunch zum Selberkochen nach Hause. Und verpackt ihr Angebot mit allen Vorteilen, die ein Essen zuhause so mit sich bringt: "Endlich entspannt dinieren, ohne dass jemand Euer Outfit begutachtet oder ihr freundlich zum Kellner sein müsst."

Das Café Fine Bagels bringt Bagels in Kombination mit Büchern nach Hause und nimmt Vorbestellungen an. Das hyperlokale Berliner Restaurant Nobelhart & Schmutzig bietet wöchentliche Care-Pakete. Auf dem Corona-Food-Blog des Berliner Stadtmagazins TIP "bleiben Genießer gut versorgt – mit Essen und mit Infos", zugleich gibt es Ideen und Lösungsvorschläge rund um Corona im Kontext Gastronomie.

Auch Food-Delivery-Dienste und Lieferangebote der Supermarktketten sind momentan besonders beliebt. Kontaktlose Übergabe inklusive. In den USA ist der Meal-Kit Lieferdienst Blue Apron hoffnungsvoll – aufgrund des Corona bedingten "Social Distancing" stieg die Aktie laut Forbes Magazine um 70 Prozent und auch beim deutschen Wettbewerber HelloFresh ließ sich ein Plus verzeichnen. "Unsere sehr kurze und effiziente Supply Chain ermöglicht es uns, sehr schnell auf Nachfrageschwankungen zu reagieren", sagt Saskia Leisewitz, Corporate Communications Manager bei HelloFresh gegenüber der Börsennachrichten-Seite Der Aktionär.

Kochen mit den Kids

Kochen mit den Kids

In den USA hat eine Umfrage von Gordon Haskett unter Verbrauchern außerdem ergeben, dass Lieferdienste wie DoorDash, Grubhub and Uber Eats sehr viel häufiger nutzen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass Drive-Thru-Services das Risiko minimieren würden, sich dem Corona-Virus auszusetzen.

Rezepte gegen Corona-Tristesse: Zeit für DIY statt Dosenfutter

Tatsächlich hat die Corona-Krise auch das Potential, endlich mal all die Rezepte auszuprobieren, nach denen man schon immer einmal kochen wollte. Mit mehr Zeit in den eigenen vier Wänden gibt es keine Ausrede mehr, es nicht zu tun.

Die Markthalle Neun animiert ihre Leser, die heimische Küche zum Ort für Neues zu machen: "Setzt einen Sauerteig an und backt das Brot, für das ihr sonst nie Zeit hattet. Legt weckgläserweise Salzzitronen ein oder – und das wollen wir Euch an dieser Stelle ganz besonders ans Herz legen – guckt in den nächsten Wochen dem Gemüse beim Fermentieren zu."

Foodboom aus Hamburg hat auch jede Menge Ideen in petto: Diese reichen von leckeren Rezepten, mit denen man auf Basis der Einkaufs-Checklist des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe leckere Gerichte kochen kann bis hin zu "Kochen mit Kids".

Und auch die Food-Marken von Gruner & Jahr empfehlen unter dem Hashtag #stayathomeandcook passende "Zuhause-Rezepte", die man mit den Lebensmitteln aus dem Vorratsschrank zaubern kann.

Uber mischt ordentlich mit im Delivery-Geschäft.

Uber mischt ordentlich mit im Delivery-Geschäft.



© Red Rabbit
Autor: Jochen Matzer

schreibt in seiner wöchentlichen W&V-Kolumne über Food-Trends. Jochen Matzer ist Geschäftsführer von Red Rabbit in Hamburg und hat sich nach über 20 Jahren Erfahrung mit Marken und Kommunikation mit seiner Agentur auf Neuprodukt- und Innovationsentwicklung für FMCG-Unternehmen spezialisiert. Seit 2015 ist er am Markt. Er ist überzeugt: Innovationen kann man heute in drei Monaten zum Erfolg führen.